Seltenes Schauspiel
: Zur Agavenblüte nach Ditzingen – Nach der Blüte droht der Tod

Im Garten der Schlossmühle ist in diesen Tagen eine botanische Seltenheit zu bestaunen. In die große Freude darüber, mischt sich bei Rainer Müller auch ein wenig Wehmut.
Von
Franziska Kleiner
Ludwigsburg
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In mehreren Metern Höhe sitzen die Blüten.

Simon Granvill/e

Die einen fahren zur Mandelblüte in die Pfalz, die anderen kommen zur Agavenblüte nach Ditzingen: In der Ortsmitte, im Garten der Schlossmühle, ist dieser Tage eine botanische Besonderheit zu bestaunen – dort blüht eine Agave.

„Ich habe nicht mehr damit gerechnet“, sagt der Mühlenbesitzer Rainer Müller, der die Agave pflegt. Wie alt die Pflanze ist, wisse man nicht, sagt der Müllermeister, aber „50 bis 60 Jahre mindestens“. Seine Großeltern hatten die Pflanze einst aus einem Urlaub in Südtirol mitgebracht. Zunächst wurde sie in einen Topf gepflanzt, später dann in den Garten der Schlossmühle gesetzt.

Jedes Jahr wurde sie vor dem ersten Frost in den Heizraum gebracht, zunächst der Pflanzkübel rein- und später wieder rausgetragen. Zuletzt kam der Chef des gegenüberliegenden Steinmetzbetriebs mit seinem kleinen Kran, um die Pflanze in ihr Winterquartier, beziehungsweise wieder in den Garten zu ziehen. Rund dreihundert Kilo wird die Pflanze inzwischen wiegen, schätzt der Müllermeister.

Ausgerechnet in ihrem Winterquartier habe der Blütenschaft angefangen zu treiben, sagt Müller. „Das ist das Kuriose.“ Weil der Heizraum nicht sehr hoch ist, wuchs die Pflanze in die Breite, ehe sie draußen kerzengerade weiter nach oben wuchs. „Deshalb hat sie auch den Knick.“ Als Müller im April zufällig entdeckte, dass der Blütenschaft begonnen hatte zu treiben, sei die Pflanze sofort rausgebracht worden.

Die Agavenblüte zieht zahlreiche Besucher an.

Foto: Simon Granville/Simon Granville

Erst im Kübel, dann im Pflanzloch

Ursprünglich stammen Agaven aus dem Süden Nordamerikas, Mittelamerika und dem nördlichen Südamerika. Dort wachsen sie in Wüsten und Halbwüsten. Agaven gehören zur Familie der Spargelgewächse. Der botanische Name Agave leitet sich vom altgriechischen Wort für edel, prachtvoll und erhaben ab. Mittlerweile ist die Agave auch in den Mittelmeerländern heimisch, etwa in Spanien oder Griechenland. „Wir denken, ein Kaktus steht in der Sonne. Aber den ganzen Tag Sonne, das vertragen sie nicht“, hat Müller beobachtet. Denn dann brenne sich die Sonne in die Haut der Pflanze. Er sei ein „Agaven- und Kakteenfreund“, sagt Müller. „Es macht mir nichts aus, wenn sie stechen.“ Dass so eine stattliche Agave in seinem Garten steht – und sich ein solch staatliches Exemplar eben nicht nur vor der Wilhelma befindet – freut ihn. Früher stand die Pflanze noch im Kübel, zuletzt wurde sie dann in ein eigens gegrabenes Pflanzloch gesetzt.

Die Kakteen sind Rainer Müllers Hobby. Zehn pflegt er auf dem Anwesen der Schlossmühle. Der Müllermeister betreibt die Mühle zusammen mit seinem Bruder Werner. In Besitz der Familie Müller ist die Schlossmühle seit dem Jahr 1928. Rund 600 Jahre zuvor, um 1350, war sie als „Schnurrenmüllers Mülin“ erstmals genannt worden. Um 1500 besaß der Humanist Johannes Reuchlin einen Teil der Mühle, die ab 1524 auch Schlossmühle genannt wurde. Der 300 Meter lange, links von der Glems angelegte Mühlkanal speiste einst drei Wasserräder, seit Mitte der 1930er Jahre wird die Wasserkraft mit einer Ossberger-Turbine genutzt.

Die Pflege ist das eine, sie zum Blühen zu bringen, das andere – und das konnte auch Rainer Müller nicht beeinflussen. Umso größer war und ist bei ihm nun die Freude, zumal es schon seine zweite ist, die blüht – und Agaven blühen oft erst nach Jahren oder auch Jahrzehnten.

Agavenknospen kurz vor dem Aufblühen.

Foto: Simon Granville/Simon Granville

Seine Großeltern hatten damals zwei Pflanzen mitgebracht, die erste Agave blühte laut Müller vor einigen Jahren. Dann ging sie kaputt: Agaven sterben nach der Blüte ab. Deshalb ist Müllers große Freude zugleich auch ein wenig getrübt. „Sie hat schon angefangen abzubauen.“ Das Blattwerk lässt nach, die Pflanze ist nicht mehr so ausladend, denn die Pflanze stecke ihre ganze Kraft nun in die Ausbildung der Blüte.

Noch ist die Blüte nicht voll ausgebildet, die die Agave auch für Insekten interessant macht: wegen ihres Nektars.

In ihrer Herkunftsregion, konkret in Mittelamerika, sind diese Sukkulenten auch ökonomisch bedeutend. Aus der Sisal-Agave werden Fasern gewonnen, aus anderen Agaven-Dicksaft. Die Spirituose Tequila wiederum wird aus dem Herz der blauen Agave Mexikos gewonnen.

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