Seniorenbüro Ludwigsburg
: Ehrenamt baut digitale Hürden ab: „Bei ihr habe ich nicht die Sorge, mich zu blamieren“

Brigitte Lutz lässt sich von ihrer Digitalpatin das Internet erklären. Bei einem Besuch im Seniorenbüro geht es auch um die Frage: Grenzt unsere Gesellschaft ältere Menschen aus?
Von
Anna-Sophie Kächele
Ludwigsburg
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Elena Zeh erklärt Seniorinnen und Senioren seit zwei Jahren ehrenamtlich Dinge am Computer – und manchmal am Smartphone.

Simon Granville

Wenn sich heute der Warenkorb in der Online-Apotheke plötzlich leert, weil die Zeit abgelaufen ist, weiß Brigitte Lutz, wie sie zurück zu ihrer Bestellung findet. Aufploppende Werbeanzeigen, Passwörter eingeben, die Zustimmung erteilen: „Das macht mich noch unsicher“, sagt die 79-jährige Ludwigsburgerin. Seit vier Wochen bekommt sie einmal in der Woche Besuch von Elena Zeh.

Die 31-Jährige zeigt ihr, wie sie sich in den Weiten des Internets zurechtfindet: Mails schreiben, Mails löschen, einen Anhang hinzufügen. Als ehrenamtliche Patin nimmt sich die hauptberufliche Lehrerin geduldig Zeit für die Fragen der Rentnerin. Dabei geht es bei den kostenlosen Digitalpatenschaften der Stadt Ludwigsburg um weit mehr als nur das Vereinbaren von Online-Arztterminen oder das Einrichten des Onlinebankings. Es geht um soziale Teilhabe und die Frage: Grenzt unsere Gesellschaft Menschen, die nicht mit Smartphone und Computer aufgewachsen sind, aus?

Niedrige Hemmschwelle durch Eins-zu-eins-Betreuung

Brigitte Lutz beschließt nach der Umstellung ihres Computersystems, sich im Seniorenbüro Hilfe zu holen. Von dem Angebot hat sie aus der Zeitung erfahren. Die Eins-zu-eins-Betreuung erscheint ihr ideal – „bei ihr habe ich nicht die Sorge, dass ich mich blamiere“, sagt sie mit Blick auf ihre Patin. In einem Computerkurs für Senioren wäre die Hemmschwelle höher gewesen, vermutet sie. Wenn sie in der Vergangenheit Bekannte nach Hilfe gefragt hat, dann sei sie häufig nicht mitgekommen oder man habe es ihr ganz abgenommen. Dabei will sie mitschreiben, um es beim nächsten Mal selbst zu machen.

Brigitte Lutz und Elena Zeh im Pfauensaal des Beck´sches Palais

Foto: Simon Granville

Elena Zeh lebt seit zehn Jahren in Ludwigsburg. Vor zwei Jahren dachte sie sich: „Ich will der Stadt etwas zurückgeben“. Über die Engagement-Datenbank der Stadt stößt sie auf die Digitalpatenschaften. Bei den Terminen erlebt sie immer wieder, dass Senioren Angst haben etwas anzuklicken, wenn Cookies oder Werbung auftauchen. „Oder dass man etwas kaputt macht“, fügt Brigitte Lutz hinzu. „Bisher habe ich es dann lieber ganz gelassen.“

Zwischen den zwei Frauen sei es Sympathie auf den ersten Blick gewesen, beschreibt Brigitte Lutz. Dementsprechend gerne empfange sie Elena Zeh bei sich zuhause. „Ich hab sie auch schon ins Schlafzimmer zu meinem Drucker gelassen“, sagt sie lachend. „Sie hat keinen kritischen Blick, ob bei mir alles aufgeräumt ist.“

Als die 79-Jährige damals in einer Arztpraxis arbeitete, wurden Diagnosen noch in Papierform vermerkt und nicht auf einer CD mit nach Hause gegeben. Briefe am Computer schreiben kann sie, das Zehn-Finger-System hat sie an der Schreibmaschine gelernt. Doch wie sie online einen Arzttermin ausmacht oder sich in das Videotelefonat zuschaltet, weiß sie nicht.

Dabei hört an dieser Stelle die Digitalisierung, die alles effizienter, schneller, Personal einsparender macht, längst nicht auf. Am Bahnsteig suche sie sich immer einen Ticketautomat, an dem keiner steht, erzählt Brigitte Lutz. „Wenn jemand hinter einem steht und zuschaut, bekommt man schon das Gefühl, man lebt hinter dem Mond“, sagt sie.

Ein weiteres Beispiel: Selbstbedienungskassen. „Dafür bin ich zu langsam und die Menschen sind häufig ungeduldig“, sagt sie. Auch Elena Zeh beobachtet, dass es für manche ältere Menschen schwieriger wird: Bankfilialen schließen, Kontoauszüge werden online abgerufen, bei jeder Arztpraxis funktioniert die Terminvereinbarung anders, das Telefon ist häufig besetzt. „Es sollte immer eine analoge Möglichkeit geben oder zumindest eine Ansprechperson für Senioren“, sagt Elena Zeh.

Soziale Teilhabe im Familien-WhatsApp-Chat

Bei der Digitalpatenschaft werden die Inhalte und das Lernziel gemeinsam besprochen. Brigitte Lutz hat häufig eine Liste vorbereitet, was sie lernen möchte. „Viele Senioren wollen auch wissen, wie sie mit ihren Kindern, Enkelkindern und Bekannten in Kontakt bleiben“, sagt Zeh. Denn die Senioren verpassen nicht nur den Austausch im WhatsApp-Chat, bei Familientreffen werde häufig über die verschickten Inhalte diskutiert. Wo fängt soziale Teilhabe an und wo hört sie auf? „Es ist so schön, das Leuchten in den Augen zu sehen und zu mehr Selbstbestimmung und Teilhabe zu verhelfen“, sagt Elena Zeh.

Digitalpatenschaft plus

Termin
In einer verbindlichen Digitalpatenschaft über acht Wochen besucht ein Pate oder eine Patin einmal wöchentlich die Interessentin oder den Interessenten zuhause und gibt individuell gestalteten „1:1-Unterricht“ für circa 1 bis 1,5 Stunden. Die Kosten belaufen sich auf eine Aufwandsentschädigung von fünf Euro pro Einsatz.

Anmeldung
Interessierte können sich unter 07141/9102014 oder s.bauer@ludwigsburg.de anmelden.

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