Sommerserie: Solitude: So wohnt es sich als Schillers Nachmieter

Die Kavaliershäuschen werden an Landesbedienstete vermietet. Mini Schulz ist als Musikprofessor einer von ihnen.
factum/WeiseGerlingen/Stuttgart - So hat er sich das gedacht, der Erbauer. Schon von weitem grüßt das Schloss von der Anhöhe. Abstand, Überblick, Einsamkeit: viele Worte fallen einem ein, wenn man sich dem Gebäude über die schnurgerade Allee nähert, die den Prachtbau mit dem Ludwigsburger Barockschloss verbindet. Herzog Carl Eugen von Württemberg verfiel auf den Namen „Solitude“ für das Rokokoschloss – Einsamkeit. Aber die ist auf der Schlossanlage heute höchstens an kalt verregneten Herbststagen zu spüren. Und selbst da hat die Anlage ihren ganz eigenen Charme. Schloss, Gastronomie, Kavaliershäuschen, Museum Grävenitz, Friedhof, Pferdehof und das Haus, in dem einige der Ministerpräsidenten des Landes gewohnt haben, bilden in der Summe ein Ensemble, das man gerne besucht, wenn man Gästen etwas ganz Besonderes zeigen will.
Man kann nicht sagen, dass sich der Wunsch des Erbauers nach Ruhe dauerhaft erfüllt hat. An einem dieser drückend heißen Sommertage ruhen sich auf der Wiese vor dem Schloss in ihr Buch vertiefte Leser aus. Eine Frau sitzt auf einem Campingstuhl und schaut ins Tal, neben ihr schlabbert ihr Hund aus der mitgebrachten Wasserschale. Alles hat eine angenehme Beiläufigkeit. Erwachsene Kinder begleiten Eltern am Rollator entlang der Kastanienallee zu einer Bank. Los ist hier immer etwas. An Samstagen geben sich in der Schlosskirche Brautpaare die Klinke in die Hand. Das Sträßchen, über das der Bus die Solitude quert, ist nicht nur dann zugeparkt. Einsam ist es hier gewiss nicht.
Die Solitude, das ist in der Region ein Ort, der den Bekanntheitswert der Sängerin Nena hat. Und der liegt bei 99 Prozent. Jeder war hier mal – als Kind mit den Eltern. Dann verliebt zum romantischen Picknick – und irgendwann später vielleicht zur Hochzeit in der Kapelle. Ganz sicher hegen viele den Wunsch, einmal in einem der Kavaliershäuschen zu wohnen. Oder haben zumindest schon mit dem Gedanken gespielt, mal nachzufragen, ob man dort zum Mieter werden könnte.
Einsam ist es hier gewiss nicht – nicht überall jedenfalls
Ein- bis zweimal pro Jahr verirrt sich ein solcher Träumer an die Haustür von Familie Schulz. Dann erklärt Mini Schulz, der Professor an der Stuttgarter Musikhochschule und künstlerischer Leiter des Ludwigsburger Scala ist und zusammen mit seiner Frau den Jazzclub Bix leitet, freundlich, dass man dafür irgendwie in Diensten des Landes stehen muss. Seit zwei Jahren wohnt das Ehepaar in einem der gelben Kavaliershäuschen. In ihrem hat einst Familie Schiller gelebt. Der Vater des Dichters war verantwortlich für die Gärten des Herzogs.
Während die öffentliche Solitude allmählich in den Sonntagabendmodus übergeht, die Spaziergänger gehen und die Nachtschwärmer kommen, sitzen die Schulzens in ihrem Garten. Es ist ruhig. Sehr ruhig sogar. Die mit Wasser gefüllte Steinschale haben sie um einen halben Meter versetzt. Ein Fuchs hat beim Trinken aus ihr immer auf der Edelweißpflanze gestanden und sie zertrampelt. Hier sagen sich offenbar wirklich Fuchs und Hase Gute Nacht. Vom Trubel auf der anderen Seite des Hauses bekommt man hier nichts mit. Von der Terrasse schaut man auf einige Pferde und viel Wald. Auch den hat der Herzog pflanzen lassen. Das Ehepaar ist noch dabei, den Wald zu entdecken. Mini Schulz trifft bei seinen Laufrunden manchmal auf die Stipendiaten der Akademie Schloss Solitude und wundert sich nicht, wenn sich dunkelhäutige Männer zur Musik aus Kopfhörern geschmeidig bewegen. Und Bine Schulz weiß inzwischen, wo die Maronenbäume stehen.
Für Mini Schulz sind die Kavaliershäuschen die „lustigen Zwergenhäuschen“ seiner Kindheit. Klar wollte er schon immer hier wohnen. Dennoch haben seine Frau und er das erste Angebot ausgeschlagen. Die drei Söhne gingen noch zur Schule oder waren in Ausbildung. Die Familie blieb an einer der lautesten und feinstaubreichsten Kreuzungen Stuttgarts wohnen, dem Olgaeck. „Im Alter zwischen 15 und 35 ist die Solitude eher ungeschickt“, sagt Mini Schulz.
Mehr gibt es aber bei den Schulzens nicht zu mäkeln am Traumdomizil, das sie gleich mehrmals den Satz „Es ist wie im Urlaub“ sagen lässt. Noch nie habe er so entspannt auf seinem Kontrabass geübt. Niemand ist hier, der sich daran stört.
Nachteile? Es gebe keine, sagen sie unisono. Aber die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr krankt doch sicher? Fehlanzeige. Alle halbe Stunde fahre ein Bus bis Mitternacht. Fehlende Einkaufsmöglichkeiten? Kein Problem. Die beiden sind ohnehin so viel unterwegs, dass sie schon immer dort einkaufen, wo gerade ein Laden ist. Und die Tüte mit den frischen Brötchen hängen die Nachbarn morgens an die Tür. Luxus pur. Die Solitude ist offenbar auch für ihre Bewohner ein Idyll, das die Drehbuchschreiber für die Vorabendserien nur noch nicht entdeckt haben.
