Stellenabbau in Sachsenheim: Wer muss gehen? Zeit der Ungewissheit bei Feintool

Der Betriebsratsvorsitzende Andreas Ivenz führt bei Feintool derzeit viele Gespräche – die Sorge um den Arbeitsplatz schwingt dabei fast jedes Mal mit.
Werner KuhnleAndreas Ivenz ist nicht zu beneiden. Der Betriebsratsvorsitzende von Feintool ist praktisch den ganzen Tag damit beschäftigt, existenzielle Fragen zu beantworten. Seit wenigen Tagen steht fest, dass das Unternehmen doch am Standort Sachsenheim festhält. Der Preis: 160 Arbeitsplätze fallen weg. Wer muss gehen? Diese Frage treibt die Mitarbeiter um und löst große Unsicherheiten aus.
Noch vor einem halben Jahr schien das endgültige Aus für den Industriebetrieb in der 19.000-Einwohner-Kommune beschlossene Sache. Das Geschäft im Automobilsektor lief für den Zulieferer im Bereich Elektromotoren schlecht – die maue Auftragslage ließ dem Mutterkonzern in der Schweiz angeblich keine Wahl. Das Blatt wendete sich erst, als sich die Belegschaft in einer breiten Kampagne an die Öffentlichkeit wandte. Mittendrin: Andreas Ivenz, der von 2002 bis 2015 im Betrieb schon fünf Abbaurunden miterlebt hatte – und auch diesmal nicht kapitulierte.

Diese beiden Mitarbeiter hatten im Dezember die Sorge um ihren Arbeitsplatz in dieser Zeitung öffentlich gemacht.
Foto: Archiv (Andreas Essig)Jetzt also steht fest: In Sachsenheim darf weiter produziert werden. Von der Belegschaft bleiben 239 Mitarbeiter übrig. Der Kompromiss verlangt auch ihnen einiges ab, erklärt Ivenz. „Die Tariferhöhung um 3,1 Prozent fällt weg.“ Einen Ausgleich erhalten die Feintool-Mitarbeiter erst ab 2030. Dann würde die verpasste Erhöhung in 0,5-Prozent-Schritten doch noch ausbezahlt. Aber was wird in fünf Jahren sein? Ivenz will sich seine Zuversicht nicht nehmen lassen. Er glaubt fest an eine Zukunft für den Standort.
Viele Feintool-Mitarbeiter sind noch im Urlaub
Der Blick des Betriebsratsvorsitzenden ist aber erst einmal auf den 17. September gerichtet. An diesem Tag endet die Frist für die Mitarbeiter, um sich für die Teilnahme an einem Freiwilligenprogramm zu melden. „Leider sind gerade viele im Urlaub und erfahren unter Umständen nichts davon“, sagt Andreas Ivenz. Ein Kollege habe sich, überrascht von den neuesten Entwicklungen, kürzlich bei ihm aus Italien gemeldet.
Auch er selbst habe eigentlich bis Mitte September Urlaub, erzählt Ivenz, der sich zwar Auszeiten gönnt, aber nicht verreisen will. In der Firma übernähmen seine Stellvertreterin und weitere Betriebsräte die Beratung. Nach den intensiven Monaten der Verhandlungen mit der Konzernspitze und der IG Metall hat er nun eine erste Verschnaufpause. Trotzdem: „Bei Begegnungen in Sachsenheimer Einkaufsmärkten oder auf dem Pferdemarkt in unserer Nachbarstadt Bietigheim gebe ich immer bereitwillig Auskunft.“
Ursprünglich sollten rund 200 Mitarbeiter von insgesamt 450 an den beiden Standorten in Sachsenheim und Vaihingen/Enz entlassen werden. „Uns ist es gelungen, 40 Arbeitsplätze zu retten“, erklärt Andreas Ivenz. Der Beratungsbedarf sei groß. Für ältere Mitarbeiter, die nicht mehr lange bis zum Renteneintritt bräuchten, biete sich eine Abfindungsregelung an.
Es gebe auch jüngere Kollegen, für die der Eintritt in eine Transfergesellschaft Aussichten biete, eine neue Stelle zu finden, mit einem gewissen „Mitnahmeeffekt“. Andere Kollegen warten laut Ivenz ab, ob sie von einer betriebsbedingten Kündigung betroffen sind. Ihnen werde er erklären, welche Vorteile der Eintritt in die Transfergesellschaft biete.
Für die übrig gebliebene Belegschaft der Stanzerei glaubt Andreas Ivenz fest an eine Zukunft. Das habe die Untersuchung des neuen Chefs im Mutterkonzern für Sachsenheim ergeben – „mit neuen Daten“, so Ivenz. Eine veränderte Sichtweise im Management habe dazu geführt.
Wichtigster Punkt für die kommenden Jahre sei, sich nicht mehr auf den Automobilsektor zu versteifen. „Wir brauchen nach wie vor das Industriegeschäft – das hat uns schon immer gerettet.“ Die nächsten beiden Jahre würden auf jeden Fall Hungerjahre – man müsse sehen, dass man sie überbrücke.
Bei Feintool in Ungarn gibt es offenbar jetzt zu viel Personal
Der Kompromiss für Sachsenheim bedeute außerdem starke Einschnitte für den Feintool-Standort Tokod in Ungarn, erklärt Andreas Ivenz. Dorthin sollten ursprünglich alle Maschinen aus Deutschland verlegt werden. Das habe man abwenden können – „aber damit hat man in Ungarn nun einen Personalüberschuss“.
Ivenz will den Standort in Sachsenheim auch qualitativ weiterentwickelt sehen. „Wir müssen die verbliebene Mannschaft flott kriegen.“ Die Geschäftsführung sei gut beraten, Vorschläge aus den Reihen der Belegschaft zu sammeln und einen Entwicklungsprozess anzustoßen.