Stille Helden: Wilhelm Schediwy lässt Königinnen blühen: Mit Rosen bedacht

Wilhelm Schediwy in seinem geliebten Garten in Ditzingen.
Martin StollbergDitzingen - Es ist leichter, bei Nacht die Blätter einer Schwarzen Madonna zu zählen, als bei Tag Wilhelm Schediwy zu erreichen. Wilhelm Schediwy ist fast nie zu Hause. Er ist mit seiner Schäferhündin Anka an der Luft oder beim Gemüse im Garten oder bei seinen Liebsten. Und wenn er spät am Abend wieder zu Hause ist und endlich das Telefon abnimmt, dann klappt die Verständigung nicht. Wilhelm Schediwy versteht den Anrufer kaum, ein Hörgerät trägt er nicht. „Wer spricht da? Hallo?“, presst er in die Muschel. Schließlich, nach einigen lautstarken, aber erfolglosen Annäherungsversuchen sagt er: „Fragen Sie Frau Wolf“, und schickt eine Telefonnummer durch die Leitung, die so kurz ist, dass Wilhelm Schediwy sie sich gut merken kann. Im Mai ist er 81 geworden. „Frau Wolf“, sagt er noch, „weiß alles.“
Also Frau Wolf anrufen und fragen, ob Herr Schediwy mal Lust auf eine Unterhaltung hat, und Zeit – und falls ja: Wann? Frau Wolf, stellt sich heraus, ist eine gute Bekannte von Wilhelm Schediwy. Sie sagt: Bestimmt hat der Willi Lust. Und Zeit, klar, die hat er auch. Jederzeit, sagt sie, und arrangiert ein Treffen. Am Montag um 15 Uhr auf dem Rosenacker, der eigentlich eine Plantage ist. Und in gewisser Weise auch ein Museum.
Die Geschichte, die auf den Feldern entlang der Bundesstraße 295 in Ditzingen kultiviert wird, erzählt von einem Mann und seiner Liebe zu Rosen. Dieser Mann hat, als er seinen Ruhestand antrat, in einem überschaubaren Beet ein paar Rosenstöcke gepflanzt. Nur so, zu seiner eigenen Wonne. Im Laufe der Jahre wurde aus dem Beet ein riesiges Feld, auf dem zig Tausend Pflanzen blühen, die Tag und Nacht gegen ein paar Cent gepflückt werden dürfen. Die Rosen machten ihren Kavalier arm, aber glücklich – und über Ditzingen hinaus so bekannt, dass kaum jemand noch seinen bürgerlichen Namen kennt: Aus Wilhelm Schediwy wurde der Rosen-Willi.
Rosa Gloriette und pinke Acapella
Er wartet am vereinbarten Ort weit vor 15 Uhr auf einer wackligen Holzbank unter einem zugigen Bretterverschlag bei seinem Acker. Das Haar glänzt, die Backen leuchten, die Augen funkeln. Das Verständigen ist kein Problem mehr. Man muss ihm nicht viele Fragen zurufen, um ihn zum Reden zu bringen, oder besser: zum Erzählen.
Wilhelm Schediwy ist 60, als er die Zeit bekommt, die er für die Liebe seines Lebens braucht. Seine Arbeit als Galvaniseur in der Fabrik ist beendet, eine neue beginnt. Auf seinem Stückle setzt der frische Rentner 300 Rosenstöcke. Die rosa Gloriette reckt sich mit der pinken Acapella in die Höhe; die Nette Ingeborg darf neben der Schwarzen Madonna Wurzeln schlagen; die stark duftende Ballade betört die dezentere Ave Maria.
Eines Tages, Wilhelm Schediwy sitzt in seinem Gärtchen und genießt den Anblick seiner Rosen, spaziert eine Frau vorüber und fragt, ob man von den Prachtexemplaren welche kaufen könne. Wilhelm Schediwy schenkt der Dame eine Rose. Bald will wieder eine Passantin eine Blume kaufen. Und noch eine und noch eine und noch eine. Wilhelm Schediwy kommt mit dem Schneiden kaum hinterher. „Hoppla! Das ist eine Marktlücke!“, schießt es ihm durch den Kopf – kurz darauf steigt er groß ins Rosengeschäft ein. Ein Bauer verpachtet ihm die Felder an der Bundesstraße 295, die Mutter von Frau Wolf leiht ihm Geld, dann geht Wilhelm Schediwy einkaufen. Noch mehr Gloriettes, Madonnen und Ingeborgs. Dazu jede Menge Maxim, ungezählte Papageno und ein Haufen Sympathie. 50 Sorten gibt es beim Rosen-Willi. Mindestens. Am allerbesten gefällt ihm die Nostalgie, diese Rose mit dem kirschroten Rand an ihren cremeweißen Blättern, die sich so schön behutsam öffnen.
Ein Polo saust um die Kurve, zwei Mädchen in kurzen Kleidchen klettern aus dem Auto. „So schöne Kundinnen“, flüstert Rosen-Willi. Die Mädchen holen sich unter dem knarzigen Bretterverschlag Handschuhe und eine Gartenschere. Rosen-Willi lächelt. Er hat nie Handschuhe getragen. Er spürte die Kratzer an den Armen und die Stacheln im Finger irgendwann nicht mehr. Seit er blutverdünnende Medizin nehmen muss, ist Rosen-Willi allerdings vorsichtiger geworden.
„Was kosten die?“, fragt eine Frau, die auf einen Stiel mit drei Blüten gestoßen ist. „Sie müssen nichts zahlen“, antwortet Rosen-Willi lächelnd. „Und was wollen Sie für die großen Roten?“, fragt sie weiter. „Auch nichts, die sind ja schon ganz offen“, sagt der Experte auf seiner Holzbank.
Vor vielen Jahren, genau weiß Wilhelm Schediwy es nicht mehr, sind Künstler von der Oper aus Stuttgart zu ihm gekommen und haben alle fast verblühten Rosen geschnitten und mitgenommen. Für einen Auftritt am Abend, nach dem die Blätter umjubelt auf die Bühne flogen. „Nehmt sie ruhig mit“, hat Rosen-Willi zu den Pflückern gesagt. Er wollte kein Geld von ihnen. Aber, erinnert er sich, die Künstler haben 30 Mark da gelassen.
Zwei Jahre Schule – das war’s
„Ich bin es gewohnt, nicht viel zu haben“, sagt der Mann, der es nie geschafft hat, die seinerzeit entdeckte Marktlücke mit Geld zu füllen. Die viel zu großen, ausgelatschten Mokassins an seinen Füßen sind eine Spende, wie die meisten Hemden und Hosen, die Wilhelm Schediwy trägt. Auch Kuchen, Wein und Wurst und Brot bekommt er oft geschenkt. Von den Frauen, denen der Rosen-Willi die Kramerei im Geldbeutel ersparte und ihnen ihre selbst gepflückten Sträuße kurzerhand schenkte. Und von den Männern, die die Rose für ihre Liebste einfach so mitnehmen durften. 80 Cent kostet eine Blume aktuell. Früher waren es 45 Cent, und noch früher 50 Pfennig. Trotzdem gibt es Leichtfüße, die Hosenknöpfe in die Kasse werfen oder ausländische Münzen. Oder die die Kasse sogar aufbrechen. Wilhelm Schediwy erträgt es. „Die werden es nötiger haben als ich“, sagt er mit einer Stimme, die so sanft klingt, als würde er regelmäßig mit Rosenwasser gurgeln.
Als Wilhelm Schediwy mal ein kleines bisschen Geld übrig hatte, behielt er es nicht, er spendete: einem Waisenhaus, einem Tierheim und der Kirche. Im Ernst? Warum? „Ich will andern eine Freude machen.“
Wilhelm Schediwy arbeitet sein ganzes langes Leben. Als der Krieg zu Ende geht, ist der Bub zwölf, sein Vater vermisst und die Mutter mit ihren fünf Söhnen auf der Flucht aus dem Riesengebirge in Mecklenburg-Vorpommern gelandet. Mit zwei seiner Brüder verdient Wilhelm Geld beim Flachsmachen. Als das Rote Kreuz den Vater wiederbringt, zieht die Familie nach Süddeutschland und landet schließlich in Ditzingen. Wilhelm kommt in einer Schuhfabrik unter. Er schneidet Leder und Futter zu und klebt Sohlen. Zeitweise bis nachts um elf. Die Arbeit gefällt ihm. Samstags schuftet er in einem Steinbruch. Nach der Schließung der Schuhfirma findet Wilhelm Schediwy eine Anstellung als Galvaniseur. Er behält sie bis zur Rente. Dann zieht er auf seine Rosenfelder. Wilhelm Schediwy ist nur zwei Jahre zur Schule gegangen. Na und! „Ich kann Rosen zählen und ausrechnen, was sie kosten.“
In einem seiner vielen Bücher über Rosen versucht der englische Züchter David Austin in Worte zu fassen, was die Rose zur Blumenkönigin macht: „Sie wandelt sich im Laufe des Tages und von einem Tag zum nächsten, wobei die Lichtverhältnisse eine große Rolle spielen. Diese Vielzahl von Effekten – die wir so bei keiner anderen Blume finden – macht die Rose zu etwas ganz Speziellem. In den Blüten einer Rose haben wir nicht eine Blume, sondern viele verschiedene.“
Wilhelm Schediwy antwortet auf die Frage, was ihn an Rosen so sehr fasziniert, dass er ihnen so gut wie all sein Geld opfert: „Es ist ihre Machart! Ich habe sie immer geliebt.“ Er lächelt und schlurft über den schmalen Weg, der durch seine Felder führt. Rosen-Willi knipst ein welkendes Blatt von einem Strauch, bückt sich nach einem gefallenen Zweig und streicht einer orange schimmernden Blüte über die Blätter. Er macht das nicht mehr so oft, es geht nicht mehr. Wilhelm Schediwy fehlt die Kraft, sich jeden Tag für seine Liebsten krumm zu machen, zweimal im Jahr 30 000 Königinnen zu stutzen, die Fräse durch 4000 Quadratmeter Acker zu schieben. Letztes Jahr ist er schier gestorben. Sein Blinddarm war geplatzt.
Frau Fischer kümmert sich um sein Lebenswerk
Seither kümmert sich Hannelore Fischer um die Plantage an der Bundesstraße. Die Rentnerin konnte nicht mitansehen, wie aus dem Ditzinger Ziereck ein Schandfleck wurde. Unkraut überwucherte die Rosen, die Erde war mit leeren Flaschen und vermüllten Tüten übersät. Der Rentner wiederum wusste, dass sein Lebenswerk ohne Hilfe eingehen wird. Die beiden trafen eine Vereinbarung: Wilhelm Schediwy bleibt der Pächter der Felder, Hannelore Fischer pflegt sie und bekommt einen Großteil des Geldes in der Kasse. „Diese Frau hat eine wahnsinnige Energie“, sagt Wilhelm Schediwy beeindruckt und blickt über die dufte bestellten Felder. Ob er traurig ist, dass er diese Rosen nicht mehr zum Blühen bringt? „Es ist okay“, sagt er. „Wichtig ist, dass es weitergeht.“
Dann kraxelt Wilhelm Schediwy in seinen blauen Golf, startet den Motor und fährt davon. Staub wirbelt auf. Der 81-Jährige hat noch eine Verabredung. In Gerlingen, auf einem vergleichsweise kleinen Acker, wartet eine vergleichsweise kleine Menge Rosen auf Wilhelm Schediwy. Die 2500 Sträucher beglücken sein Herz, und manchmal beglückt er mit ihren Blüten noch immer Passanten. Wilhelm Schediwy bleibt der Rosen-Willi.