Teleshopping-Queen Ricarda M.
: Zu Gast bei Freundinnen

Ricarda Hofmann alias Ricarda M. ist die Pionierin des Teleshoppings. Seit 15 Jahren verkauft die Ludwigsburgerin ihre Produkte im Fernsehen.
Von
Carola Stadtmüller
Stuttgart
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Schillernde Persönlichkeit: Ricarda Hofmann alias Ricarda M.

Heinz Heiss

Ludwigsburg/München - Ricarda M. ist wieder on Air. Was für ein Traum!“, schreibt Stefanie Eritt. Die Fangemeinde auf Facebook ist im Fieber. Sie postet Liebeserklärungen, blumig, sehnsuchtsvoll, überschwänglich und sehr persönlich – Post für einen nahestehenden Menschen. So sehen viele Teleshopping-Kundinnen Ricarda M. Schließlich kommt sie direkt ins Wohnzimmer. Die Frauen, die diese Unterhaltungsverkaufsshow aufsaugen wie die trockene T-Zone im Gesicht eine Feuchtigkeitscreme, können dabei auf der Couch lümmeln, ungeschminkt, in Jogginghosen. Eben so, als ob die beste Freundin zum Klönen vorbeikommt. Und die Freundin ist schick und schlank, witzig und wortgewandt – für viele Frauen ein Vorbild und ein Traumbild, das sie gerne als beste Freundin auf der Couch neben sich hätten. Dann würden sie sie ausfragen. Und die Queen des Teleshoppings könnte ihre Erfolgsgeschichte erzählen: Allein zwischen Pfingstsamstag und Mittwoch hat sie mit einer einzigen Creme etwa 120 000 Euro Umsatz gemacht.

Ricarda Manuela Hofmann, Künstlerinnenname Ricarda M., ist in Ludwigsburg geboren. In Möglingen ging sie in den Kindergarten und die erste Klasse. In ihrem Fotoalbum stecken Bilder aus dem Blühenden Barock, an der Hand der Mama posierte sie für den Fotografen. Den großen Bruder hat sie dauernd in den Märchengarten gezerrt. „A bisserl verträumt“ sei sie schon gewesen, sagt die Wahlmünchnerin beim Interview in ihrer Heimatstadt Ludwigsburg, „ich war gern in meiner eigenen Welt.“ Die Eltern arbeiteten zunächst in der Gastronomie. Der Papa, ein gebürtiger Bielefelder, servierte im Ludwigsburger Ratskeller. In einer Mittagspause haben „er und die Mama“ schnell geheiratet, erzählt Ricarda Hofmann. Später wechselte der Vater in den Kosmetikvertrieb, machte sich bald damit selbstständig.

Bis dahin musste die kleine Ricarda oft umziehen, nur eine Freundin hat sie heute noch aus der Schulzeit. Die Stationen im Schnelldurchlauf: Möglingen, das Saarland, Bietigheim-Bissingen, Neckarwestheim, Frankfurt am Main. Als sich die Eltern trennten, landete sie mit ihrem Vater in der Nähe von München.

Kein Bling-Bling

Das Leben von Ricarda Hofmann war wohl nicht immer mit Strasssteinchen versehen. Kein Bling-Bling. „Für den nächsten Urlaub einen Kredit aufnehmen, das wollte ich nicht“, erzählt sie. Nach der Lehre im Einzelhandel zog es sie, wie einst ihren Vater, in die Welt des schönen Seins. Sie verkaufte Kosmetik, später machte sie Produktschulungen für L’Oréal und Elisabeth Arden. Und sie entdeckte ihr Verkaufstalent: effizient, emotional und extravagant.

„Damit aktivieren sie die Zellen, zacki, zacki, die müssen in die Pötte kommen“, ruft Ricarda M., die hinter einer Art Tresen in edler Kulisse bestückt mit ihren Produkten steht, in die Kamera. In dieser Woche feiert ihr Sender HSE 24 „15 Jahre Ricarda M.“ Bis zum kommenden Wochenende wird sie mehr als 30 Stunden live ihre eigenen Produkte verkaufen. Kosmetik, Parfüm, Schmuck, Klamotten, Accessoires gehören dazu. Mit Wort und Stimmgewalt düst das 1,78 Meter große Gesamtkunstwerk durchs Studio. Neben ihr wirkt die kleine Co-Moderatorin Natascha Schmidt noch kleiner. Auf HSE 24 bewirbt Ricarda M. gerade ihre „Träume“, „Oberflieger“, „Klassiker“, „Bomben“, „Granaten“, „Erbstücke“, „Must-Haves“ und gar „Luxusdampfer“. Es geht um Ringe, Ohrringe, Armbänder und Ketten. Goldig schimmert die Haut an Ricarda M.s Händen. Glanz macht jung, das weiß sie. „Ricarda M., Secrets of Beauty“ heißt ihre Sendung. Geheimnisse mag sie haben, aber einen Hehl aus ihrem Geburtsdatum macht sie nicht: Im November wird sie 48 Jahre alt.

Nach etwa 30 Minuten in Verkaufs-TV-Turbogeschwindigkeit setzt Ricarda M. noch einen drauf: Sie tanzt hinter dem Tresen vor, zeigt das von ihr entworfene schwarze, schulterfreie Oberteil im Lagenlook, drunter sieht man ein eng anliegendes trägerloses Top, darüber ein plissiertes Gewand, das Speckröllchen bei Frauen versteckt, die welche haben. „Das ist teuer, edel, Luxus, chaka, chaka. Da werde ich gleich selbst ganz wuschig“, posaunt Ricarda M. in die Kamera, dreht sich, schwingt die Hüften und lacht dabei ein Lachen, das garantiert im Wohnzimmer von Frau Rabe und Frau Karsten, die live angerufen haben, Widerhall findet.

„Die freie Schulter ist jetzt hipp“, sagt die Co-Moderatorin Schmidt, das habe sie irgendwo gelesen. Ricarda springt ihr geradezu ins Wort und sagt kess: „Das hast du nicht gelesen, das habe ich dir letzte Woche gesagt.“ Der rhodinierte Ring passe klasse zur Lederjacke, „das müssen Sie einfach haben“, rufen die beiden Verkaufsgenies direkt in die Kamera. Auch für ein kleines Budget, für 24,99 Euro, gebe es tollen Schmuck, der garantiert echt wirke, sagt Ricarda M. und setzt hinterher: „Ich kann fei nichts dafür, dass ich mitten im Monat hier rausmuss und nicht am Anfang.“ Solche Sprüche muss man sich leisten können.

So sieht sie also aus, die Königin des Teleshoppings, die seit ihrer Inthronisierung vor 15 Jahren von einer eigenen Bühne herab regiert und von den Co-Moderatoren huldvoll hofiert wird? „Nein, nein. Da fängst du ganz klein an“, erzählt die Frau, die bei der Stippvisite in Ludwigsburg von Kopf bis Fuß ihre eigenen Kreationen trägt. Sie ist ein wandelnder Showroom: Leoparden-Gehrock, Leggings, Shirt mit Glitzersteinchen, himmelhohe Stilettos. Exakt gezirkelte Augenbrauen thronen über tiefbraunen Augen und einem Schmollmund. „Ja, irgendwie sah ich schon immer anders aus“, sagt sie und erzählt, wie sie einmal ein Kollege bei Karstadt gefragt habe, ob ihre Eltern ihr künstliche Wangenknochen haben einsetzen lassen. Damals war sie 18 Jahre alt. „Mein Papa hat sich kaputt gelacht“, sagt sie. Die Wangen seien echt. „Erst war ich der Lulatsch mit den Brillengläsern wie Colaflaschenböden. Später war groß sein schön, die Kontaktlinsen kamen, und ich hab denen in der Schule das Tanzen beigebracht“, erzählt sie mit einer Portion Selbstironie. Mit ihrer Art öffnet sie Türen.

Die Nagelprobe kam schließlich mit dem Feilenset „Ruby Cristal“, das ihr Bruder aus den USA importierte und das Ricarda Hofmann in Deutschland für die Firma von Vater und Bruder präsentierte. HOT, damals der erste Homeshopping-Sender im deutschen Fernsehen, sah sie und engagierte sie.

Im Ford Transit zur ersten Sendung

Mit zehn Minuten in der Sendung „Beauty-Stunde“ startete sie. Das war am 18. Dezember 1998. Vor diesem ersten Auftritt hatte sie 3500 „Ruby-Cristal“-Sets im Keller der Seniorenwohnanlage einer Freundin verpackt und gelabelt – „mit einem Tacker von Tengelmann“. Anschließend lud sie alles in einen alten Ford Transit und fuhr ins Fernsehstudio. „Und dann sollst du schön sein und verkaufen.“ 980 Sets wurden über das Wochenende an die Kundinnen gebracht; für den Sender ein gigantischer Erfolg. „Ich dachte jedoch, das sei total wenig und sah mich schon die nächsten 50 Jahre in der Kaufinger Straße meine rot-goldenen Sets neben den Gemüsehobeln verkaufen.“ Erst am Montag traute sie sich, im Sender anzurufen – und wurde gleich fest verpflichtet. „Ruby Cristal“ wurde zu einem Verkaufsschlager.

Im Jahr 2000 gründet sie ihre eigene Firma, macht aus Ricarda Manuela Hofmann Ricarda M. und beschert den Shoppingkanälen seitdem Rekordumsätze. Und das mit gerade mal sieben Mitarbeitern. Betriebswirtschaftler müssen sich die Finger lecken bei solchen Personalkosten, einerseits. Andererseits: seit es hierzulande das Teleshopping gibt, wird dem Metier der Untergang prophezeit. Bis heute macht nach Ansicht des Medienpsychologen Jo Groebel das eher skeptische Kaufverhalten der Deutschen der Einkaufssenderbranche das Leben schwer. „Viele Leute befürchten sofort, übers Ohr gehauen zu werden, wenn jemand sie zum Kauf eines Produktes animieren will“, sagt Groebel, der das deutsche Digitalinstitut in Berlin leitet, in der Zeitung „Die Welt“. Trotzdem gibt es nach Ansicht von Groebel Faktoren, die dem Teleshopping eine Daseinsberechtigung geben: limitierte Stückzahlen und begrenzte zeitliche Verfügbarkeit der Produkte und vermeintlich niedrige Preise machten den Kick aus. Und nicht zuletzt ziehe eine soziale Komponente: „Es gibt unter Tele­shoppern eine Art Gemeinschaftsgefühl“, sagt Groebel. „Der Zuschauer wird vom Moderator ständig daran erinnert, dass er beim Teleshoppen nicht alleine ist. Dass so viele andere gleichzeitig kaufen, fordert ihn dazu heraus mitzumachen.“

„Die Leitungen explodieren“, schreit die Co-Moderatorin Schmidt zwischen Ricarda M.s wortreichen Erläuterungen zu ihrer 24-Stunden-Creme und dem Anruf von Frau Fischer, einer Kundin der ersten Stunde, die nach ihrer Bestellung live ins Studio geschaltet wird. Dabei rasselt ein Zähler, der am Fernsehbildschirm eingeblendet ist, unaufhaltsam gen Ausverkauf. „Endlich nach neun Monaten habe ich mein Lebenselixier wieder“, schwärmt Frau Fischer. Die Mama und die achtjährige Tochter würden den Topseller benutzen, der Ricarda M. wohl reich gemacht hat. Seit dem Jahr 2001 gibt es diese Creme, und sie wurde nach Angaben des Senders seitdem fast vier Millionen Mal verkauft. Alleine seit vergangenem Wochenende mehr als 40 000 Mal, sie war der „Joker der Woche“ für 34,99 Euro – und kommt „so garantiert nie wieder“.

„Es gab vor mir niemanden, der das auf diese Art gemacht hat“, sagt Ricarda Hofmann. Anfangs habe man ihr oft gesagt, dass sie zu laut sei und zu viel herumwackle. „Wenn du acht Stunden live sendest, dann kannst du dich nicht verstellen.“ Spätestens nach der vierten Stunde komme das wahre Ich heraus. Und wäre sie nicht authentisch, würden das die potenziellen Kundinnen kaum verzeihen.

Das HSE-24-Publikum liebt seine Ricarda M. Die Zuschauerinnen stricken ihr Socken, weil sie mal gesagt hat, dass sie die mag. Oder backen Kekse, passend zur 24-Stunden-Creme. Aber es gibt auch die hässliche Seite. Schmähschriften, bitterböse Kommentare über ihr, wie manche meinen, künstliches Aussehen und Anfeindungen, die weit unter der Gürtellinie sind. Vor allem seit es im Internet so einfach ist, respektlos zu sein. „Natürlich tut das weh“, sagt sie. Man mag sie, oder man mag sie nicht, das sei ihr klar. Sie aber wisse, dass sie „saumäßig hart“ für den Erfolg gearbeitet habe.

„Ricarda M. ist mein Baby, eigene Kinder habe ich keine“, sagt die Frau, deren Ex-Gatte Marcello Hofmann heute ihr engster Vertrauter im Betrieb ist. Profis unter sich. „Wir haben eine Siebentagewoche“, sagt er. Auf roten Teppichen in München sehe man sie kaum. „Wenn ich nach Hause komme, bin ich einfach müde“, sagt Ricarda Hofmann und streichelt ihren Königspudel Justin. Grobe Fehler hat sie bisher offenbar nicht gemacht: So musste sie noch kein Produkt vom Markt nehmen, weil es Pusteln ausgelöst hat.

Eine neue Perspektive

Auf HSE 24 geht es in die sechste Livestunde, es ist 23 Uhr. Inzwischen hat sich die Stilikone aus den Stilettos in die Turnschuhe gestellt. Ricarda M. trägt nun einen lilafarbenen Glam-Suit, einen Jogginganzug, mit dem man alles machen kann – auch Joggen. Die Co-Moderatorin wurde ausgetauscht. Nur Ricarda M. läuft und läuft. Sie scherzt, nimmt sich auf die Schippe, und dann kachelt sie wieder los, wieder etwas zu laut. Aber binnen einer Stunde gehen rund 1000 Haremshosen über den Fernsehtresen, das Stück zu 39,99 Euro.

Ein Ende der Geschichte scheint nicht in Sicht, auch wenn Ricarda M. wohl spätestens im Winter HSE 24 den Rücken kehrt, „mit offenem Ziel“. Kommen doch die eigenen Shops? Einen „lebendigen Internetshop“ könne sie sich vorstellen: Ricardas Welt, Freundinnen sind willkommen.

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