Unverbrüchliche Liebe zu Bietigheim-Bissingen
: Der Auswanderer kehrt immer zum Pferdemarkt zurück

Vor 66 Jahren wanderte Alfred Geiger in die USA aus und machte dort seinen persönlichen American Dream wahr. Seine Geburtsstadt Bietigheim hat ihn aber nie losgelassen. Komme, was wolle: Wenn Pferdemarkt ist, reist er aus Fair Oaks bei Sacramento an.
Von
Susanne Mathes
Ludwigsburg
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Die Pferdeskulptur des Künstlers Douglas van Howd stiftete Alfred Geiger der Stadt Bietigheim-Bissingen im Jahr 2004. Sie steht auf dem Pferdemarkt-Gelände an der Enz.

factum/Weise

Bietigheim-Bissingen - Eines steht für Alfred Geiger schon lange felsenfest. Seinen 100. Geburtstag wird er in Bietigheim feiern. Er will sein Lebensjahrhundert dort vollenden, wo es seinen Anfang nahm. Auch wenn er seit 66 Jahren in den USA lebt, es dort zu Wohlstand gebracht hat und nur noch zu Besuch nach Bietigheim kommt – immer zum Pferdemarkt. Das jedoch so verlässlich, dass vom früheren Oberbürgermeister Manfred List das Bonmot überliefert ist, wenn Geiger es einmal nicht schaffe, müsse der Pferdemarkt eben verlegt werden.

Dass es bis seinem Hundertsten nur noch 13 Jahre sind, mag man Alfred Geiger allerdings kaum abnehmen. Auch nicht beim zweiten Hinschauen. 87 Jahre soll der drahtige Mann sein, der beim Gang durch die Altstadt-Gassen das Tempo vorgibt, übermütig kleine Vorsprünge hinaufhüpft oder sich behände auf die Metter-Mauer schwingt? „Mein Sohn ist Chiropraktiker“, erklärt er. „Meine Frau und ich trainieren regelmäßig bei ihm an seinen Geräten.“

Als junger Mann war er ein gefragter Läufer

Alfred Geiger – rosiger Teint, Lachfältchen um die Augen, stets einen schlagfertiger Spruch auf den Lippen und zur Feier des Tages in ein Trikot gekleidet, das Olymp-Seniorchef Eberhard Bezner seinem Jugendfreund mit einem persönlichen Aufdruck verehrte – ist ein Energiebündel. Schon immer. Aufgewachsen mit zwei Schwestern und ohne Vater mitten in der Stadt – in der Schieringerstraße, wo seine Mutter ein kleines Textilwarengeschäft hatte – , zeigte sich früh sein sportliches Talent. Er war gefragter Feldhandballer und kam durch Zufall, weil einem Läufer-Team des TSV ein Mann ausgefallen war, zum Mittel- und Langstreckenlauf. Er war so gut, dass ihm 1952 die Teilnahme an den Olympischen Spielen winkte. Doch Geiger entschied sich für etwas anderes: fürs Auswandern. „Ich bin am letzten Tag gegangen, an dem mein Visum gut war.“ Ein bereits in den USA lebender Onkel bürgte für ihn. „Er hatte uns nach dem Krieg immer Lebensmittelpakete geschickt. Und Zigaretten“, erzählt Geiger. „Die hab’ ich dann auf dem Schwarzmarkt für sechs Mark pro Stück verkauft.“

Tagsüber paukte er Englisch, nachts kruppte er in der Sägemühle

Nach acht Volksschuljahren in der Bietigheimer Hillerschule war er Bau- und Möbelschreiner-Lehrling bei der Firma Knodel geworden. Doch sein Tatendrang verlangte nach einem Tapetenwechsel. „Ich war von jeher abenteuerlustig“, lautet Geigers Selbst-Charakterisierung. „Überall hat man was von der weiten Welt gelesen. Ich wollte es nicht lesen, sondern sehen.“

Der Anfang auf der anderen Seite des großen Teiches war für den jungen Kerl alles andere als einfach. „Wenn mir in den ersten zwei Jahren jemand das Geld gegeben hätte, wäre ich zurückgegangen“, erzählt er. Erst einmal drückte er zwei Jahre die Schulbank, lernte Englisch und malochte in Nachtschichten in einem Sägewerk. 1954 machte er seinen Highschool-Abschluss, zog nach Sacramento zu seinem Cousin, arbeitete bei der Büchsenfabrik Libby’s, dann als Parkettleger. „Zum Glück hatte ich ja die Ausbildung“, sagt er. „Fünf Jahre lang hab’ ich keinen Urlaub gemacht. Ich wollte ja Geld verdienen.“ Dass er etwas auf dem Kasten hatte, sprach sich bald herum. Seine Arbeit war so gefragt, dass er er es wagte und selbst ein Geschäft eröffnete: Geiger Hardwood Floors. Wieder ein paar Jahre später war er Chef seines eigenen Bauunternehmens. „Wenn du in Amerika was kannst, brauchst du kein Studium“, sagt er, stolz darauf, wie er seinen persönlichen American Dream aus eigener Kraft wahr machte. Seine Schwestern holte er bald in die USA nach, seine Mutter in betagtem Alter ebenfalls.

Dennoch: Die US-Staatsbürgerschaft hat er nie angenommen. „No matter wo ich leb’“, sagt er in seiner charmanten Mischung aus Schwäbisch und Englisch, „ich bin Deutscher, ich bleibe Deutscher.“ Jede Menge Deutsche hat er auch schon bei sich zuhause in den USA willkommen geheißen. Kaum ein Bietigheimer, der bei einer USA-Reise nicht einen Zwischenstopp bei Geigers in Kalifornien einlegt. Gerne hängt er dann sein humoriges Plakat „Geiger Hilton“ an sein Haus. Schlendert man mit ihm durch Bietigheim, wird er alle naselang angehalten, begrüßt, umarmt.

Ein unbezahlbarer Freundschaftsdienst

Seine Erinnerungen von damals sind so präsent, als wären sie erst einen Wimpernschlag her. Etwa diejenige, wie er nach Ende des Dritten Reichs für einen älteren Freund dessen Gewehr auf dem Dachboden versteckte, das dieser im Zuge der Entwaffnung hätte abgeben müssen. Das Gewehr wurde entdeckt. Geiger wusste: Würde er den wahren Besitzer, der schon über 18 Jahre war, verraten, würde er ihn ins Unglück stürzen. Ihm drohte die Todesstrafe. Der Junge verriet den Freund nicht. Der 14-Jährige schwieg, wurde abgeführt, kam vor ein amerikanisches Kriegsgericht und saß in Folge vier Wochen Jugendarrest im Besigheimer Turm und ein halbes Jahr in einem Jugendheim auf dem Schönbühl ab.

Denkt er an Begebenheiten wie diese zurück, schleicht sich mitunter doch eine Träne in die Augenwinkel des 87-Jährigen. Doch flugs überspielt er Anflüge von Rührung mit einem kessen Spruch. Dass seine Heimatstadt ihn fast ein Menschenleben später damit würdigt, dass er beim Pferdemarkt-Umzug in der Prominenten-Kutsche Platz nehmen darf, macht ihn glücklich. Meist sind auch seine Frau Annemarie, seine Kinder Fred, Ron, Heidi und Dorie und deren Familien mit von der Partie. „Als kleiner Kerl bin ich bei dem Umzug meinem Opa hinterhergelaufen. Er ging als Sämann, und ich war sehr fasziniert“, sagt Alfred Geiger. „Wer hätte gedacht, dass ich hier einmal selbst mitfahren darf?“

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