Verlag aus Ludwigsburg
: „Habe 12 Stunden am Tag gearbeitet“ -Hersteller erklärt Hype um Brettspiele

Seit der Corona-Pandemie erleben Brettspiele einen Boom. Ein Hersteller aus Ludwigsburg verrät, warum sie so beliebt sind, wie gute Spiele entstehen – und warum Klassiker wie „Risiko“ und „Monopoly“ in seinen Augen schlechte Spiele sind.
Von
Frederik Herrmann
Ludwigsburg
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Gunnar Nickel erklärt „EOS“- ein Spiel, das der Verlag 2023 auf der Spielemesse in Essen präsentierte.

Werner Kuhnle

„Monopoly“ verwandelt uns in einen gierigen Kapitalisten, „Siedler von Catan“ lässt uns fremde Inseln besiedeln, und bei „Risiko“ kämpfen wir um die Weltherrschaft. Seit der Coronapandemie sind Brettspiele beliebt wie nie, sagt Gunnar Nickel. Er betreibt einen Spieleladen und ist Geschäftsführer des Verlags King Racoon Games aus Ludwigsburg.

So viel wie in der Coronapandemie musste er aber noch nie arbeiten. „Manchmal stand ich 12 Stunden am Tag im Laden und habe Pakete verpackt und verschickt.“ Ihn wundert das nicht: „Die Menschen hatten Zeit, viele haben dann auch große und aufwendige Spiele ausprobiert.“ Zwar seien Brettspiele nach wie vor sehr beliebt, der Trend gehe aktuell aber zu kleinen, lustigen Spielen, die schnell zu lernen sind. Diese seien häufig günstiger. Die Menschen möchten derzeit weniger Geld ausgeben, erklärt Nickel die Entwicklung. Auch thematisch stellt er einen Trend fest. Viele Brettspiele setzen derzeit auf Natur und Umwelt – wie etwa „Dorfromantik“, das 2023 Spiel des Jahres wurde. Darin können Spieler Landschaften gestalten, indem sie Felder mit Wäldern, Flüssen und Dörfern kombinieren und Punkte sammeln.

„Wollen Produktion nach Europa verlagern.“

Als Geschäftsführer von King Racoon Games verkauft er nicht nur Spiele, sondern produziert sie auch selbst. Gerade die Produktion sei während Corona eine Herausforderung gewesen. Denn viele ihrer Spiele werden in China produziert. „Dort gab es Lieferengpässe, Fabriken waren geschlossen, und die Transportkosten stiegen stark an“, erklärt Nickel. Um unabhängiger zu werden, plane er jetzt, die Produktion nach Europa zu verlagern. Doch das hat seinen Preis. „Ein Spiel, das wir in China produzieren lassen und für 30 Euro verkaufen, würde 40 Euro kosten, wenn es in Polen produziert wird und 60 Euro oder mehr, wenn es in Deutschland hergestellt wird“, rechnet er vor.

Das Spiel, an dem er und sein Team derzeit arbeiten, wollen sie in Polen produzieren lassen. Die Produktionskosten seien dort noch akzeptabel. Ein Name für das neue Spiel steht auch schon fest. Es soll „TDO – Titan Defense Organisation“ heißen. Eine Kombination aus Würfel- und Kartenspiel. Dabei suchen sich die Spieler einen Charakter aus und müssen dann miteinander kooperieren, um einen Titanen zu besiegen. Jeder Charakter hat verschiedene Schwächen und Stärken. Da gebe es zum Beispiel den „Herrn Schulz“. Ein Bürokrat, der gut planen könne. Im Spiel könne er das Team mit Projekt- und Ablaufplänen unterstützen.

Gerade King Racoon Games an einem neuen Prototyp. Das Spiel soll „TDO – Titan Defense Organisation“ heißen.

Foto: Werner Kuhnle

Noch besteht das Spiel nur als Prototyp. Um es zu testen, haben Nickel und sein Team die einzelnen Spielelemente auf Papier gedruckt und ausgeschnitten. Immer wieder laden sie Freunde und Bekannte ein und testen es. Dann überlegen sie, was sie noch verbessern können. Ist das Spielkonzept logisch, macht es Spaß und sieht es ansprechend aus? „Mindestens 100-mal spielen wir einen Prototyp und basteln an ihm herum“, sagt Nickel. Erst wenn sie mit allem zufrieden sind, erstellt ein Grafiker einen Entwurf, der dann in die Produktion gehen kann.

Erst eine Fantasiewelt, dann das Spielkonzept

Die Ideen für die Spiele kommen von Felix Mertikat, dem Gründer des Verlags. Häufig überlegt er sich zuerst eine Welt, in der das Spiel handelt. Dann zeichnet er Drachen, Engel und Hexen. Bunt und fantasievoll müssen sie sein. Erst dann entsteht das eigentliche Spiel. Er überlegt sich, ob die Spieler gegeneinander oder miteinander spielen. Sollen sie Punkte sammeln, eine eigene Welt erbauen oder Rätsel lösen? Die Ergebnisse übersetzt er dann in ein Brettspiel. Meist arbeitet er an sechs bis acht Prototypen gleichzeitig, sagt Nickel.

Ihm selbst gefallen Spiele, bei denen es verschiedene Wege zum Sieg gibt. Von sogenannten E-Spielen hält er wenig. Bei diesen Spielen werden analoge Brettspiele mit Smartphones kombiniert. Das Handy könne dann Fragen stellen oder Hinweise geben. Wenn sich Nickel mit Freunden zum Zocken trifft, ist er dagegen froh, das Handy auch mal ausschalten zu können. Auch könne er die Beliebtheit von Klassikern wie „Risiko“ oder „Monopoly“ nicht nachvollziehen. Bei diesen Spielen sei der Faktor Glück viel zu groß. „Und wer bei ‚Monopoly’ einmal vorne liegt, kann kaum mehr eingeholt werden“, betont Nickel. Dabei macht es ihm überhaupt nichts aus, auch mal „auf die Fresse zu bekommen“, wie er sagt. Denn das Schöne bei Brettspielen sei doch, mit Freunden Spaß zu haben. Da gehöre Verlieren eben auch dazu.

Auch Comics im Portfolio

King Racoon Games:
Der Verlag wurde 2016 von Felix Mertikat gegründet und fusionierte 2023 mit dem Spieleladen „Fantasy Stronghold“ in der Kirchstraße 11 in Ludwigsburg.

Mehrere Veröffentlichungen:
Seit seiner Gründung hat der Verlag acht Brettspiele herausgebracht. Das bisher erfolgreichste, „Tsukuyumi“, wurde in fünf Sprachen übersetzt. Zudem entwickelte das Studio mehrere Erweiterungen, einen Comic und einen Roman, so Gunnar Nickel.

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