Wachstum trotz Strukturwandel
: Der Krise trotzen – drei Firmen in Ludwigsburg zeigen, wie’s geht

Der Kreis Ludwigsburg steht vor wirtschaftlichen Herausforderungen, doch drei Unternehmen kommen erstaunlich gut durch die Umstrukturierung. Wie schaffen sie das?
Von
Anna-Sophie Kächele
Ludwigsburg
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Tobias Weimann zeigt Oberbürgermeister Matthias Knecht den künftigen Produktionsstandort von Goetze KG Armaturen.

Simon Granville

Es gab schon bessere Zeiten für die Wirtschaft. Besonders in der Region Stuttgart, wo lange die Automobilbranche für Arbeitsplätze sorgte und satte Gewerbeeinnahmen in die Kassen spülte, herrschen an vielen Stellen Verunsicherung und Zukunftsangst. Die Stadt Ludwigsburg liefert bei ihrer jährlichen Tour durch drei Unternehmen jedoch drei Positivbeispiele, die zeigen: Statt Resignation eröffnet gerade jetzt der Blick nach vorn neue Chancen.

Es war eine der ersten Amtshandlungen von Oberbürgermeister Matthias Knecht, verkünden zu müssen, dass beim Automobilzulieferer Mann+Hummel mehrere hundert Arbeitsplätze wegfallen. Umso mehr freut es ihn, heute auf selber Fläche im Industriezentrum Ludwigsburg (LIZ) ein kleines, zukunftsfähiges Unternehmen besuchen zu können. Seit April nutzen die ISP Tech-Gründer Lukas Werling und Felix Lauck die Räumlichkeiten, um einen „grünen“ Antrieb für Satelliten zu entwickeln. Der seit den 1960er-Jahren verwendete übliche Treibstoff ist hochgiftig und krebserregend.

Im 3D-Druck-Verfahren stellen sie Antriebe für Satelliten her, sodass sich diese bewegen und ausweichen können und auch wieder aus dem Weltraum herunterholen lassen. Denn die Menge, die an Weltraumschrott herumfliegt, ist jetzt schon enorm. Und jährlich kommen fast 300 Satelliten hinzu. In zehn Jahren rechnet man mit 50.000 bis 100.000 aktiven Satelliten im Weltraum. Eine internationale Richtlinie, die dazu verpflichtet, sie wieder aus ihrer Umlaufbahn zu holen, gibt es derzeit noch nicht.

Anfragen aus der Automobilbranche

Werling und Lauck zufolge geht das umweltfreundlicher. Ein Vorhaben mit Zukunft. Denn ohne Satelliten keine Navigation, keine Messdaten für Wettervorhersagen und Klimamonitoring, kein Satellitenfernsehen. Die Zukunftsfähigkeit ihrer Geschäftsidee scheint den Gründern ein gängiges Problem zu nehmen: Fachkräftemangel. Bewerbungen gebe es genug – auch aus der Automobilbranche. „Nach der Mondlandung ist nicht mehr viel passiert, jetzt ist wieder einiges in Bewegung“, sagt Werling. Für das kommende Jahr sind drei Weltraummissionen mit ihrem Antriebssystem geplant.

Nur wenige Meter entfernt entsteht derzeit der Neubau des Familienunternehmens Goetze KG Armaturen. In der Robert-Mayer-Straße, in der das Unternehmen seit den 60ern seinen Sitz hat, fehlt schlicht der Platz. „Ohne Sie wären wir nicht mehr in Ludwigsburg“, sagt Geschäftsführer Detlef Weimann im Gespräch zu Matthias Knecht und den Wirtschaftsförderern Frank Steinert und Lars Frommer. „Hier hatten wir aber auch die Chance zu reagieren“, sagt Knecht. Häufig komme man erst ins Gespräch, wenn das Unternehmen bereits auf gepackten Koffern sitze, mit Goetze habe man – zugegebenermaßen mit einem Ringen – eine Lösung gefunden.

Lukas Werling und Felix Lauck haben die Firma ISP-Tech gegründet und sind damit dieses Jahr nach Ludwigsburg gezogen.

Foto: Frederik Herrmann

Eine Win-win-Situation für das Unternehmen und die Stadt – denn die ist aufgrund schwindender freier Flächen wählerisch bei der Vergabe. In Zeiten leerer Stadtkassen braucht Ludwigsburg Unternehmen, die langfristig Gewerbesteuer einzahlen. Im Dezember hat der Gemeinderat knapp für eine Erhöhung der Steuer gestimmt. „Wir brauchen das Geld, um Unternehmen und ihren Mitarbeitern zu bieten, was sie brauchen: zum Beispiel Kitas und eine lebenswerte Stadt“, sagt Knecht zu der Frage, wie die Anhebung der Steuer mit der Stärkung des Wirtschaftsstandortes zusammenpasst. Während in anderen Ländern wie der Schweiz Kommunen und Ämter wie Dienstleister gegenüber Unternehmen auftreten würden, sehen Detlef und Tobias Weimann hierzulande noch Luft nach oben. Man müsse die Stadt mit persönlichem Engagement von Projekten überzeugen. „Die Skepsis muss weg“, pflichtet ihnen Knecht bei. „Wenn sich unsere Unternehmen an uns wenden, müssen wir begeistert, nicht misstrauisch sein.“

Hier werden Produktion, Logistik, Entwicklung und Administration künftig unter einem Dach vereint.

Foto: Simon Granville

Die US-Zölle, die überbordende Bürokratie, hohe Energiekosten: Viele Unternehmen zieht es ins Ausland, Goetze KG Armaturen bekennt sich zu Ludwigsburg. Der Neubau im Industriezentrum hat eine Tiefgarage mit 90 Plätzen, ein begrüntes Dach mit 900 Kilowattpeak Photovoltaik, ein Wasserlauf für Starkregen und eine Fußbodenheizung. Zum Jahreswechsel wollen die Weimanns mit ihren 210 Mitarbeitenden umziehen.

Chef wird zum Angestellten

Während es viele Unternehmen an Aufträgen fehlt, kann Andre Streicher Neukunden am Telefon nur aufs kommende Jahr vertrösten. 2024 hat er das Unternehmen Sonnenenergie Streicher & Holzbau Kapfenstein in Eglosheim übernommen – der Betrieb, in dem er vor etwas mehr als zehn Jahren als Praktikant startete.

Thilo Kapfenstein, ehemaliger Inhaber des Handwerksbetriebs, hat sich mit Ende 50 wieder in die Rolle des Angestellten begeben – und unterstützt vor Ort. „Ich hatte viele Ideen und wollte die umsetzen“, antwortet Streicher auf die Frage, weshalb er Chef werden wollte. „Und ich wollte etwas bewegen.“ Dass Thilo Kapfenstein noch weiter im Unternehmen arbeitet, ist für den 36-Jährigen die ideale Lösung.

Wirtschaftsförderer Lars Frommer und Frank Steinert mit Andre Streicher und OB Matthias Knecht (von links)

Foto: Anna-Sophie Kächele

Mit der Übernahme hat sich auch das Geschäftsmodell erweitert. Das Unternehmen hat schon viele Jahre PV-Anlagen für Fremdfirmen installiert – jetzt bekommen Kunden den Holzbau, hauptsächlich im Sanierungsbau, und die PV-Anlage aus einer Hand. Auch wenn er als Chef einiges zu tun hat – digitale Umstellung, Betreuung von sechs Auszubildenden, steht er noch jeden Tag auf dem Dach. „Anders könnte ich es nicht“, sagt der Zimmerermeister lachend.

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