Ausstellung in Welzheim: Der Magie der Mühlen auf der Spur

Maßstabsgetreu und voll funktionsfähig: Hermann Hägele hat in das Modell der Heinlesmühle viel Zeit und Mühe investiert.
Gottfried StoppelHermann Hägele hat an alles gedacht. Das maßstabsgetreue Modell, das er von der Sägemühle der Heinlesmühle bei Alfdorf angefertigt hat, ist nicht nur voll funktionsfähig, sondern bietet auch unzählige Details zum Schauen. Ein imposantes Wasserrad natürlich – aber auch Entchen, die im Mühlkanal nach Essbarem suchen, und ein Angler, der einen dicken Fisch aus dem Mühlteich ziehen will. Im Inneren des Gebäudes liegen Miniaturbaumstämme, die unter Aufsicht eines Arbeiters von einer mit Laubsägeblättern bestückten Säge akkurat in Stücke geteilt werden. Rund 2000 Arbeitsstunden habe der Schöpfer in den Bau der Sägemühle im Kleinformat investiert, erzählen Herbert Soukopp und Wolfgang Grabe vom Historischen Verein Welzheimer Wald.
Dieser zeigt in seinem Museum in Welzheim nun unter dem Titel „Es klappert die Mühle im Schwäbischen Wald“ eine Ausstellung über ein Handwerk, das in dieser Gegend immens wichtig war. Denn Wasser, an dem es im Schwäbischen Wald selten mangelte, half den Menschen in der vorindustriellen Zeit all jene Arbeiten zu bewältigen, die viel Kraft erfordern: dicke Baumstämme zersägen, schwere Mühlsteine in Bewegung setzen, um Korn zu Mehl zu machen, oder aus Bucheckern und Leinsaat tropfenweise Öl herauszupressen. Letzteres war zum Beispiel in der Ölmühle in Michelau der Fall. Auch von dieser ist ein funktionsfähiges Modell zu sehen, gebaut hat es Walter Buck.

Der Nachbau der Ölmühle Michelau funktioniert tatsächlich.
Foto: Gottfried StoppelMüller hatten eine Sonderstellung in der Gesellschaft. Sie waren meist wohlhabend und saßen gewissermaßen am längeren Hebel: Bauern waren verpflichtet, ihr Getreide in eine bestimmte Mühle, die Bannmühle, zu bringen. Weil es beim Mahlen zwangsläufig Abfall gibt, aus 50 Kilo Korn also nicht exakt 50 Kilo Mehl erzeugt werden können, unterstellte manch einer dem Müller, etwas vom Mehl abzuzweigen. Die Tätigkeit des Müllers, die viel technisches Wissen verlangte, habe wohl auf viele irgendwie magisch und etwas unheimlich gewirkt, sagt Wolfgang Grabe. Zudem standen Mühlen oft an wassertechnisch günstigen, aber von Ortschaften abgelegenen Plätzen und erzeugten allerlei merkwürdigen Lärm.
Heinlesmühle war auch Gaststätte, Schul- und Rathaus
Allein im Gebiet zwischen Welzheim, Alfdorf und Kaisersbach haben die Ausstellungsmacher Hinweise auf 80 Mühlen gefunden. Die meisten sind nicht mehr sichtbar, geschweige denn in Betrieb. Insbesondere Sägemühlen wurden oft abgebrochen: Anders als Mahlmühlen, die in gemauerten Wohngebäuden untergebracht waren, waren die Sägemühlen meist provisorisch zusammengezimmerte Holzschuppen und standen wegen der Feuergefahr etwas abseits.
Die Heinlesmühle hat als einzige Mühle im Schwäbischen Wald noch zwei Wasserräder – eines für die Sägemühle, eines für die Mahlmühle. Eine wichtige Anlaufstelle war sie früher obendrein, erzählt Herbert Soukopp: „Die Mühle war auch eine Schildwirtschaft, also ein Gasthaus, in dem man übernachten konnte.“ Für eine gewisse Zeit war hier obendrein eine Schule untergebracht, und der Müller hatte das Amt eines Schultheißen inne, die Mühle war auch Rathaus.
Ähnlich wie das heutige Kirchenasyl wirkte der sogenannte Mühlenfrieden, erzählt Wolfgang Grabe: „Wenn jemand in einer Mühle Unterschlupf gesucht hat, durfte er ohne Gerichtsurteil nicht verhaftet werden.“ Wer eine Mühle beschädigte, musste mit einer drakonischen Strafe rechnen – kein Wunder, schließlich lieferten Mühlen das Mehl fürs tägliche Brot. In Württemberg wurde das Getreide mit dem Hohlmaß Simri gemessen. Die Ausstellung zeigt mehrere der kreisrunden, aus Holz und Metall angefertigten Gefäße. In deren Wände sind viele Jahreszahlen geritzt – ein Beweis dafür, dass die Behälter regelmäßig geeicht wurden.
Erinnerung an den Mühlenbauer Eberhard Bohn
Neben Planzeichnungen und Fachliteratur für angehende Müller – alles aus dem Nachlass des Mühlenbauers Eberhard Bohn – ist auch ein Protokollbuch von 1760 zu sehen, in dem der Betreiber der Hahnschen Mühle in Schorndorf die ein- und ausgegangenen Erzeugnisse notiert hat. Welche Getreidesorten eine Mühle zu welchen Produkten verarbeitet, zeigt ein Arrangement aus Gläsern, in denen Körner, Mehl, Grieß und Dunst zu sehen sind. Auch ein Foto von Karl Grau, dem letzten Müller der Meuschenmühle, ist zu sehen. Darauf schärft er mit einem Werkzeug den Mühlstein.
Eine der ältesten noch existierenden Mühlen im Schwäbischen Wald ist die Menzlesmühle, die um das Jahr 1300 nachgewiesen werden kann. Sie habe zeitweise bis zu sieben Mühlräder gehabt, sagt Herbert Soukopp. Dass sie an zwei Bächen lag, war ein klarer Standortvorteil.
Die letzte verbliebene gewerblich arbeitende Mahlmühle im Schwäbischen Wald ist die Voggenbergmühle der Familie Meyer bei Alfdorf. Einige ihrer Erzeugnisse haben es sogar als Exponate in einer der Museumsvitrinen geschafft.
Mühlen und der Römer Martinus
Museum
Das Museum Welzheim, Pfarrstraße 8, ist jeden Sonntag von 13 bis 16 Uhr geöffnet, der Eintritt ist frei. An jedem ersten Sonntag eines Monats gibt es zusätzlich zu der laufenden Ausstellung Handwerkervorführungen sowie Kaffee und Kuchen. Die Ausstellung „Es klappert die Mühle im Schwäbischen Wald“ kann man bis zum 15. Juni kommenden Jahres besuchen. Allerdings macht das Museum vom 6. Januar bis 9. März eine Winterpause.
Martinusmarkt
Am Sonntag, 10. November, dreht sich im Museumshof alles um die Römerzeit und den Römer Martinus. Zwischen 11 und 17 Uhr kann man eine Weihezeremonie erleben (11.30 Uhr), sich über den Kult Mithräum informieren (14 Uhr) oder einen Gerichtsprozess erleben (15 Uhr).