Bundesverdienstkreuz I, Schwaikheim
: Ein Raum zum Lernen und Leben

Susanne Saltikiotis leitet den Verein Ina, der seit vielen Jahren Kindern und Jugendlichen in Schwaikheim die Möglichkeit bietet, jeden Tag mit Unterstützung Hausaufgaben zu machen und zu lernen. Für ihr Engagement bekommt sie das Bundesverdienstkreuz.
Von
anc
Stuttgart
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Seit 20 Jahren engagiert sich die Schwaikheimerin Susanne Saltikiotis dafür, dass Kinder mit Migrationshintergrund eine Chance auf Bildung haben. Am Donnerstag bekommt sie das Bundesverdienstkreuz.

Frank Eppler

Schwaikheim - Schwaikheims Bürgermeister kennt Susanne Saltikiotis offenbar ziemlich gut. Zumindest scheint Gerhard Häuser genau gewusst zu haben, dass es besser ist, die 54-Jährige nicht zu fragen, ob er sie für das Bundesverdienstkreuz vorschlagen darf. Tatsächlich war es der erste Gedanke von Susanne Saltikiotis, die Ehrung durch Bundespräsident Joachim Gauck abzulehnen. „Ich weiß, dass es eine Wertschätzung ist, aber die brauche ich nicht. Meine Arbeit macht mir Spaß und ist das, was ich machen möchte. Es ist kein Opfer“, sagt sie. Vielleicht trifft die Auszeichnung aber gerade deshalb die richtige.

Einen Ort schaffen, an dem Kinder jeden Tag lernen können

Seit etwa 20 Jahren engagiert sich Susanne Saltikiotis in der Sprachhilfe an der Schwaikheimer Schule, die meiste Zeit davon als Leiterin. „Ich wollte immer etwas mit Kindern machen“, sagt die gelernte Notarssekretärin. Hinzu kam das persönliche Interesse an interkulturellen Belangen – und das Wissen, wie dringend Kinder mit Migrationshintergrund ihre Hilfe benötigen. „Durch meinen Mann habe ich gesehen, wie schwer es für Gastarbeiterkinder ist, die keine Unterstützung haben“, sagt Susanne Saltikiotis, die mit einem Griechen verheiratet ist.

Schnell hat die zweifache Mutter gemerkt, dass die Sprachhilfe nicht ausreicht. „Viele Eltern wollten gerne Nachhilfe für ihre Kinder haben. Es ist einfach so, dass diese ihre Kinder nicht so unterstützen können wie deutsche Eltern“, erzählt sie – weil beide Elternteile arbeiten müssen oder weil es sprachliche Hürden gibt. Und so überlegten sich die befreundeten Familien Saltikiotis und Otizirovic, dass in Schwaikheim ein Ort geschaffen werden muss, an dem Kinder jeden Tag mit Unterstützung lernen können – und zwar für einen erschwinglichen Kostenbeitrag. So entstand 2005 der Verein Integrations- und Nachhilfe (Ina).

Aus dem Zimmer ist mittlerweile ein Haus geworden

Mit dem gemieteten Raum kam die Ina allerdings nur kurze Zeit klar: „Wir hätten nicht gedacht, dass uns die Bude so eingerannt wird“, erzählt Susanne Saltikiotis. Mit 20 Kindern fing das Angebot an, mittlerweile sind es jeden Nachmittag mehr als 70 Kinder. Aus dem Zimmer ist ein ganzes Haus geworden, das für viele Kinder zu einer zweiten Heimat geworden ist. „Sie kommen nicht nur zum Lernen, sondern weil sie hier ihre Freunde treffen, spielen und Spaß haben können.“

Unter den Mitarbeitern sind viele, die als Ina-Kinder angefangen haben und jetzt der nächsten Generation bei den Hausaufgaben helfen. Andere bereiten sich inzwischen auf ihre Meisterprüfung vor. „Letztens stand ein junger Mann vor der Tür, der seit einiger Zeit in der Türkei lebt. Er ist als Kind zur Ina gekommen und wollte deswegen bei seinem Besuch in Deutschland unbedingt vorbeischauen“, erzählt sie. Solche Momente sind es, die für Susanne Saltikiotis mehr zählen als jeder Preis, den der Verein Ina für seine Arbeit bekommen hat.

Bauchgrimmen vor dem Fernsehinterview

Mittlerweile ist das Vereinshaus nicht nur ein Treffpunkt für die Schwaikheimer Kinder geworden. Ihre Mütter kommen zum Sprachkurs und zum Frauencafé, die Väter zum Bauen und Werkeln. Ihre tatkräftige Unterstützung wird bald wieder nötig sein – das Haus soll einen Anbau bekommen. „Uns fehlt ein größerer Raum, auch für kulturelle Veranstaltungen“, sagt Susanne Saltikiotis, die jeden Tag entweder mit der Sprachhilfe oder Ina beschäftigt ist. „Ich lese eigentlich gerne. Aber ich komme nicht dazu“, sagt sie. Sie freue sich darauf, dass sie mit ihrer ganzen Familie nach Berlin fahren kann, um das Bundesverdienstkreuz entgegen zunehmen – so wie auch der Waiblinger Mirko Vidackovic. Richtig entspannen wird die 54-Jährige allerdings erst können, wenn sie das Interview mit Tagesschau-Sprecherin Linda Zervakis überstanden hat: „Davor habe ich schon etwas Bauchgrimmen“, sagt sie. In Schwaikheim werden sicherlich einige Kinder und Jugendliche vor dem Fernseher sitzen, um ihrer Ina-Mutter die Daumen zu drücken.

Ehrung

Zehn Frauen und 15 Männer erhalten heute im Berliner Schloss Bellevue den Verdienstorden. Alle haben sich in besonderer Weise um die Integration von Migranten verdient gemacht. Drei der Geehrten leben in Baden-Württemberg: die Schwaikheimerin Susanne Saltikiotis, der Waiblinger Mirko Vidackovic und der ehemalige Integrationsbeauftragte der Stadt Ludwigsburg, Saliou Gueye. Er leitet seit einem Jahr die „Koordinierungsstelle Ulm: Internationale Stadt“.

Verdienstorden

Es gibt acht Stufen des Verdienstordens. Die Verdienstmedaille und das Verdienstkreuz am Bande werden meist als Erstauszeichnung verliehen. Dass der Bundespräsident diese persönlich überreicht, ist eine Ausnahme – meist ist es Aufgabe der Ministerpräsidenten.

Träger

Theodor Heuss hat den Verdienstorden 1951 gestiftet. Seitdem wurde er rund 248 400 Mal verliehen.

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