Baumfrevel in Fellbach
: Tipps vom Experten: So können beschädigte Bäume gerettet werden

Ingo Kessler ist Sachverständiger für Bäume. Er erläutert den Umgang mit beschädigten Bäumen, das Nachpflanzen und die ökologischen Folgen – auch in Bezug auf Fellbach.
Von
Felix Mahler
Rems Murr Kreis
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Ingo Kessler (links) ist der Geschäftsführer des Baumsachverständigenbüros in Stuttgart.

Ingo Kessler, Lichtgut/Max Kovalenko

Weiterhin werfen die Fälle des Baumfrevels in Fellbach (Rems-Murr-Kreis) Fragen auf. Wir berichteten immer wieder zum Themenkomplex. Ingo Kessler ist Geschäftsführer eines Baumsachverständigenbüros in Stuttgart. Umweltbaubegleitung, Baumpflege, -sanierung und -kontrolle gehören zu seinen Fachgebieten.

Der ausgebildete Landschaftsgärtner erklärt, wie mit beschädigten Bäumen umgegangen wird, worauf es beim Nachpflanzen ankommt und was ökologische Folgen sein können.

Der Umgang mit beschädigten Bäumen

Da es vom Schaden abhängt, lässt sich keine pauschale Aussage treffen. Bäume, die aufgrund unsachgemäßer Schnitte, eines Befalls mit Holz zersetzenden Pilzen, Ausbrüchen oder Höhlungen geschädigt sind, verlieren nicht zwangsläufig ihre Stand- und Bruchsicherheit, was Kessler trotz seiner Erfahrung nach eigenem Bekunden immer wieder bei Untersuchungen überrascht.

Der Experte erläutert: „Wird ein Baum geschädigt, so wird er dabei zwangsläufig zu einem ‚Patienten‘, der in Bezug auf seine Verkehrssicherheit als auch seine Vitalität und die Auswirkungen der jeweiligen Verletzung engmaschiger kontrolliert werden muss.“ Die Folge sei nahezu immer eine reduzierte Rest-Lebenszeit.

Ab wann ein Baum gefällt wird

Bei Bäumen handele es sich auch um Lebewesen, womit jeder Baum ein für sich zu betrachtendes Individuum sei. Wann gefällt werden muss, hänge von den oben genannten Kontrollpunkten ab. Die Gattungen und Arten hätten unterschiedliche Fähigkeiten zur Kompensation von Schäden.

Linden können sich gut selbst schützen. (Symbolbild).

Foto: imago/Wolfilser

Ein Aspekt ist die Abschottung innerhalb des Holzkörpers. Damit kann ein Baum sehr gut imstande sein, sich gegen eindringende Pathogene zu Wehr zu setzen. Ein Beispiel ist die Eiche. Der Verschluss von Verletzungen durch die Bildung von Wundholz wie auch der Neuaustrieb zur Kompensation verlorener Äste und Blattmasse sei eine weitere Gabe – das können Ahorn, Weide und Kastanie.

Wie sieht es bei Bäumen aus, die in Fellbach betroffenen sind? Bei einer Birke „dringen ziemlich sicher Pilze ein“ und bei größeren Schäden sei es in Sachen Vitalität nahezu aussichtslos. Auch Mandelbäume sind in der Abschottung schlechter.

Worauf es beim Nachpflanzen ankommt

„Den Meisten ist nicht in ausreichendem Ausmaße bewusst, dass Gedeih und Verderb eines Baumes in erheblichem Ausmaß mit den Wurzeln beginnen“, sagt Kessler. Sie benötigten nicht nur Nährstoffe und Wasser, sondern auch Luft und durchwurzelbaren Raum – gerade Letzteres werde bei sehr vielen Pflanzungen vollkommen vernachlässigt.

Krone und Wurzel korrespondierten im Verhältnis miteinander. Sobald kein ausreichender Wurzelraum zur Verfügung stehe, stelle der Baum das Wachstum in der Krone ein oder beginne bereits nach wenigen Jahren zu stagnieren und zu resignieren – „es kann also nie genug durchwurzelbarer Raum geschaffen werden“. Wichtig sei, dass der Boden gut durchlüftet ist und ein guter Gasaustausch gewährleistet wird.

Bäume arrangieren sich mit den Wurzeln. Bei Hindernissen wie verdichtetem Boden oder versiegeltem Weg geht es dann nicht weiter. Das sei ein Klassiker bei Straßenbäumen – der Blumentopf-Effekt, dass sich der Baum praktisch selbst mit den Wurzeln erwürgt.

Die ökologischen Folgen des Baumfrevels

Ein geschädigter Baum verliere seine ökologische Leistungsfähigkeit teilweise oder komplett. Angefangen von der Fähigkeit, Sauerstoff zu produzieren und Schadstoffe zu binden, über seine kleinen klimatischen Fähigkeiten bis hin zum Verlust als Nährgehölz und Habitat für Tiere. Ingo Kessler findet klare Worte: „Man zerstört ein Lebewesen, das anderen Lebewesen Lebensraum und uns Lebensgrundlage bietet. Einen größeren Schaden kann man der Natur und damit auch sich selbst nicht zufügen.“

„Bäume sind von sehr großer Wichtigkeit für unsere Städte“, sagt der Landschaftsgärtnermeister. Noch vor dem Sauerstoff sei das Hauptargument die lokale Kühlung der Luft. Sein Beispiel ist eindrucksvoll: Ein einzelner großer Baum kann eine Kühlleistung von bis zu 30 Kilowatt erzeugen – das entspreche ungefähr der Leistung von zehn Klimaanlagen. Dafür Geld in die Hand zu nehmen, sei das beste Mittel zur Sicherung in der Zukunft.

Durch eine höhere Anzahl an Bäumen in geringen Abständen kann eine spürbare Kühlung der Luft bewirkt werden (Symbolbild).

Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Positiver Einfluss auf die Bewohner und Tiere

„Bäume haben einen nachgewiesenen positiven Einfluss auf die Bewohner einer Stadt“, so Kessler. Jeder kenne eine Straße, die im Winter trostlos aussieht und plötzlich wie ausgewechselt wirkt, sobald die Bäume ihr Laub ausgetrieben haben. Schon Napoleon habe Alleen etabliert, weil seine Soldaten dadurch fitter an der Kampflinie angekommen sein sollen.

Ein weiterer Aspekt ist der Artenschutz, der sowohl auf dem Land als auch in der Stadt gleichermaßen wichtig ist. „Es ist beeindruckend, mit welcher Häufigkeit mir an älteren Bäumen in der Stadt geschützte oder sogar streng geschützte Arten begegnen – von Käfern und Vögeln bis zu Fledermäusen“, schildert der Sachverständige.

StZ Rems-Murr-Kreis
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