Impressionismus bei Galerie Stihl
: Ungewohnte Bilder von Manet, Monet und Co. in Waiblingen

Mehr als Seerosen und Sonnenuntergänge: Die Galerie Stihl Waiblingen stellt mit der Ausstellung „Der andere Impressionismus“ das verbreitete Bild dieser Kunstrichtung auf den Kopf.
Von
Annette Clauß
Rems Murr Kreis
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„Oktober“ hat James Tissot diese Darstellung seiner Muse Kathleen Newton betitelt.

Gottfried Stoppel

Helle Farben und leichte Pinselstriche, Seerosen, Mohnfelder und Sonnenuntergänge – an solche Bilder denken wohl die meisten beim Begriff Impressionismus. Doch die Stilrichtung hat noch eine andere Seite. Eine, bei der Schwarz, Weiß und ihre Zwischentöne die Hauptrolle spielen. Und bei der, statt der Leinwand, Metall- und Steinplatten zum Einsatz kamen, die mit Chemie behandelt oder mit einem scharfen Gegenstand traktiert wurden.

Die Ausstellung „Der andere Impressionismus“ in der Galerie Stihl in Waiblingen (Rems-Murr-Kreis) widmet sich ganz der Druckgrafik, die dem anfangs umstrittenen Impressionismus den Weg in die Museen ebnete. Sie eröffnet am Freitag, 27. September, 19 Uhr, und zeigt bis zum 11. Januar 2026 rund 120 Werke von berühmten Künstlern wie Manet, Renoir, Degas und Max Liebermann, die sonst im Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin liegen.

Die Druckgrafik sei für die neue Kunstrichtung Impressionismus die „Speerspitze“ und „die Räuberleiter ins Museum“ gewesen, sagt die Kuratorin Anna Marie Pfäfflin vom Berliner Kupferstichkabinett. Denn während die Mehrzahl der impressionistischen Gemälde auf das Auge heutiger Betrachter gefällig und harmlos wirkt, lösten sie im 19. Jahrhundert einen Skandal aus. „Die Menschen fühlten sich vom Impressionismus provoziert“, erzählt die Galerie-Leiterin Anja Gerdeman, welche die Ausstellung zusammen mit Emese Éva Baumann für Waiblingen adaptiert hat.

Manet, Degas, Renoir und Liebermann in der Galerie Stihl

„Der Schlaf“ heißt diese Lithografie von Eugène Carrière.

Foto: Gottfried Stoppel

Für den Künstler Max Liebermann war die impressionistische Sicht auf die Welt eine Haltung, und auch die in sieben Kapitel gegliederte Ausstellung vertritt die These, dass Impressionismus nicht an eine bestimmte Epoche geknüpft, sondern eine zeitlose Sehweise ist. So hängt in der Ausstellung eine Arbeit, die bereits 1651 entstand. Die „Landschaft mit Bäumen und Bauernhöfen“ stammt von Rembrandt. Seine Beschäftigung mit Licht und Schatten beweise, dass er die Welt mit „impressionistischen Augen“ gesehen habe, sagt Anna Marie Pfäfflin.

Mit einem Werk des niederländischen Malers Johan Barthold Jongkind ist laut Anja Gerdemann das „erste impressionistische Blatt“ in der Galerie Stihl zu sehen. Im Jahr 1868 hatte Jongkind einen Sonnenuntergang im Hafen von Antwerpen festgehalten – mehrere Jahre vor Claude Monet. Der habe eingeräumt, „dass Jongkind sein Lehrmeister war“, erklärt Gerdemann.

Claude Monet gehörte zu den ersten Impressionisten

Typisch für Claude Monet, der als einer der Begründer des Impressionismus gilt, war die große Experimentierfreude. Die trugen auch andere Impressionisten aus Frankreich, England, Schweden, den USA und Deutschland in sich. Statt im Atelier zu arbeiten, ging es mit Staffelei und Sonnenschirm im Gepäck hinaus in die Natur, beispielsweise in den Wald von Fontainebleau. Dort wurde „en plein air“ gearbeitet, das Spiel von Licht und Farbe, die Stimmung eines Augenblicks festgehalten.

Die Ausstellung zeigt und erklärt die verschiedenen Techniken, die oft zum Einsatz kamen: Radierung, Kaltnadel, Lithografie. Und die des Glasklischeedrucks, auch „Cliché-verre“, die Anna Marie Pfäfflin „eine Sternschnuppe“ nennt, weil sie nur wenige Jahrzehnte angewandt wurde. Die Technik war ein Zwitterwesen aus Fotografie und Handzeichnung. Dabei ritzten die Künstler ihre Zeichnung mit einer Nadel in eine Glasplatte, die mit einer lichtundurchlässigen Schicht versehen war. Anschließend legte man ein fotosensibles Blatt auf die Glasplatte, ließ die Sonne das Ganze belichten und die Zeichnung sichtbar werden.

Joseph Pennells Straßenschluchten und Wolkenkratzer

Dass nicht nur die Natur ein Thema für die Impressionisten war, beweisen Arbeiten wie die des US-amerikanischen Lithografen Joseph Pennell: Er zeigt Wolkenkratzer, Straßenschluchten, Werften, einen Hochofen. Und transportiert die Atmosphäre und Stimmung, die dort herrschte.

Die Industrialisierung hatte aber nicht nur Einfluss auf die Auswahl der Motive, sagt Anna Marie Pfäfflin: „Es gibt die These, dass die Industrialisierung eine Voraussetzung für den Impressionismus war. Durch die Luftverschmutzung bricht sich das Licht anders und wurde so erst richtig spannend für die Künstler.“

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