Motorradsaison 2025: Weniger Unfälle, aber mehr Frust bei Bikern im Rems-Murr-Kreis

Die Strecke zwischen Stetten und Esslingen ist bei Bikern beliebt.
Gottfried StoppelDie Motorradsaison 2025 ist vorbei – und sie war bemerkenswert. Der Rems-Murr-Kreis verzeichnet so wenige Motorradunfälle wie seit Jahren nicht mehr. Wie das Landratsamt mitteilt, sank die Zahl der Unfälle mit Motorradbeteiligung um 20 Prozent auf 146. Die Zahl der „Personenschäden“ ging sogar um 30 Prozent zurück. Keine Toten. Weniger Lärm. Ein Erfolg, zumindest aus Sicht der Behörden.
Doch während Landrat Richard Sigel von einem „erfreulichen Fazit“ spricht, hat sich auf der Straße eine andere Stimmung verdichtet: Frust, Unverständnis – und zuletzt Protest. Ende September demonstrierten dutzende junge Motorradfahrer unter dem Motto „Wir brauchen Raum!“ für einen festen Treffpunkt im Raum Stuttgart.
Motorradunfälle 2025 stark rückläufig: Zahlen und Fakten
Der Rückgang der Unfallzahlen ist deutlich. Besonders auffällig: An der Sulzbacher Steige (B14) krachte es 2025 nur noch ein einziges Mal – nach 21 Unfällen im Jahr 2023. Das Landratsamt führt das auf ein Maßnahmenpaket aus Verkehrsüberwachung, baulichen Veränderungen und einem langen Atem zurück. Man spricht von „gezielten Eingriffen“: Noppen auf der Fahrbahn, mobile Blitzer mit Spezialtechnik, engmaschige Polizeikontrollen.

Ein mobiler Spezialblitzer ist regelmäßig an der Sulzbacher Steige zum Einsatz gekommen.
Foto: Frank RodenhausenZusätzlich wurden an weiteren Strecken neue Messpunkte installiert, etwa an der B29 und der L1199. Dort, am sogenannten „Tor ins Remstal“, wurde nicht nur ein langjähriger Unfallschwerpunkt durch Umbauten wie neue Leitplanken mit Unterfahrschutz und Tempo 40 entschärft. Auch ein beliebter Bikertreffpunkt fiel den Maßnahmen zum Opfer. Das Ziel: weniger Raserei, mehr Sicherheit.
Verkehrssicherheit Rems-Murr-Kreis: Maßnahmen zeigen Wirkung
Die Bilanz aus Sicht der Behörden liest sich eindrucksvoll. Die Leichtverletzten-Quote sank um 29 Prozent, die Zahl der Schwerverletzten um 35 Prozent. Ein beachtlicher Fortschritt, vor allem angesichts der hohen Zahlen vergangener Jahre. Möglich wurde das vermutlich auch durch mehr Kontrolle und schärfere Sanktionen: 13 Motorradfahrer erhielten 2025 Fahrtenbuchauflagen, um ihr Verhalten besser nachverfolgen zu können.
Zur Prävention wurden zudem neue Hinweisschilder aufgestellt, die zu rücksichtvollem und leisem Fahren auffordern. Der Kreis beteiligt sich weiterhin an der landesweiten Initiative gegen Motorradlärm. Auch das zeigt offenbar Wirkung: Laut Rückmeldungen der Anwohner habe sich die Lärmsituation in vielen Gebieten spürbar verbessert, heißt es vonseiten des Landratsamts.
Motorradlärm und Kontrolle: Rückhalt bei Anwohnern, Kritik von Bikern
Doch dieser Erfolg hat auch seinen Preis, vor allem aus Sicht der jungen Szene. Treffpunkte wie das „Tor ins Remstal“ an der L1199 oberhalb von Stetten sind Geschichte. Auch in Altbach im Kreis Esslingen sind Motorradfahrer neuerdings unerwünscht. Die „Stuttgarter Biker“, eine lose Gruppe junger Motorradfans, verloren damit nicht nur ihre Routen, sondern auch ihr soziales Zentrum. Ihre Demonstration im September war ein deutliches Signal: Die Szene fühlt sich übergangen – und zunehmend kriminalisiert.
„Wir werden überall weggeschickt“, sagt Neo Stippa aus Waiblingen, einer der Organisatoren. Gemeinsam mit anderen sammelte er Unterschriften, forderte Gespräche mit Kommunen. Doch bislang blieb es bei Absagen. Die Gruppe sucht weiter nach einem legalen Ort „zum Chillen und Schrauben“, wie sie es nennt. Bislang ohne Erfolg.
Junge Motorradfahrer fordern legale Treffpunkte
Die Kritik der Szene richtet sich nicht nur gegen Sperrungen, sondern gegen das Gefühl, pauschal verurteilt zu werden. In Altbach, so erzählen Biker wie Sarah Siebert, habe man sich um Rücksicht bemüht: Mülltüten mitgebracht, Gespräche gesucht, Lärm vermieden. Doch einige wenige Störer hätten das Bild für alle zerstört – mit Folgen für die gesamte Gruppe. Die Behörden verweisen hingegen auf Verkehrsverstöße, Lärmbelästigungen und Beschwerden von Anwohnern.
Streit um die Applauskurve: Freiheit kontra Sicherheit
Besonders emotional bleibt der Konflikt an der L1199. Die sogenannte „Applauskurve“, einst Kult-Ort der Bikerszene, wurde zum Symbol der Auseinandersetzung. Für manche ein Treffpunkt mit Ausblick, für andere eine Gefahrenstelle mit Ansage.
Verkehrsdezernent Stefan Hein verteidigt den Rückbau der Haltebucht: „Ohne Publikum fehlt der Reiz zur Selbstüberschätzung.“ Die Maßnahmen an der Strecke seien im Sinne der „Vision Zero“ getroffen worden – dem Ziel, langfristig keine Verkehrstoten mehr zu beklagen. Der Umbau der Kurve soll dieses Ziel unterstützen, auch wenn dabei ein beliebter Aussichtspunkt verloren geht.
Bikerszene in der Region Stuttgart sucht weiter legalen Treffpunkt
Doch die Szene bleibt. Und sie bleibt laut. Der Protest im September war vermutlich kein Ende, sondern der Auftakt. Junge Motorradfahrer fordern mehr Gesprächsbereitschaft und Lösungen jenseits von Verboten. Ihr Vorbild: die „Löwensteiner Platte“ im Kreis Heilbronn – ein legaler, akzeptierter Treffpunkt mit Regeln, aber auch mit Freiraum.
Ob es einen solchen Ort auch im Rems-Murr-Kreis geben wird, ist offen. Die Behörden verweisen auf Zuständigkeiten der Kommunen. Doch bislang fehlt wohl auch der politische Wille. Und so bleibt die Frage: Wohin mit den Bikern? Denn eines zeigt die Saison 2025 ebenfalls – wer keinen Platz bekommt, sucht sich einen. Ob legal oder nicht.
