Neue Freie Grundschule in Waiblingen
: Zwei Frauen wollen Schule verändern – „Da kann ich nicht mehr dahinter stehen“

Weder Noten noch Hausaufgaben soll es an der Freien Grundschule Waiblingen geben. Die Initiatorinnen wollen mit ihrem speziellen Konzept Eltern und Kindern eine Alternative bieten.
Von
Annette Clauß
Rems Murr Kreis
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Vanessa Fernandez (links) und Andrea Schweikardt wollen mit anderen Müttern eine Freie Grundschule in Waiblingen eröffnen.

Gottfried Stoppel

Das Leben ist kein Ponyhof – den Spruch bekommt so manches Kind zu hören, wenn es um die Schule geht. Kein Wunder, dass einige Kinder da ganz schnell die Lust am Lernen verlieren, findet Vanessa Fernandez. Die Waiblingerin kennt sich aus im Bildungswesen, schließlich hat sie selbst als Lehrerin an einer Realschule gearbeitet. „Es gibt viele Menschen an Regelschulen, die wertvolle Arbeit machen“, sagt sie.

Trotzdem: Für Vanessa Fernandez fühlt sich inzwischen vieles, was in Regelschulen gang und gäbe ist, nicht mehr richtig an: „Meine Haltung hat sich geändert.“ Das System von Belohnung und Bestrafung, Noten und Nachsitzen, Strafarbeiten. Das Lernen unter Druck im 45-Minuten-Takt. Und die wenige Zeit, die Lehrkräften oft bleibt, um zu ihren Schülerinnen und Schülern eine persönliche und vertrauensvolle Beziehung aufzubauen. „Da kann ich nicht mehr dahinter stehen.“

Lernen im 45-Minuten-Takt ist Standard an Grundschulen.

Foto: dpa/Sven Hoppe

Für ihre Kinder wünschte sie sich eine andere Art von Schule und hielt Ausschau nach Alternativen. Die gibt es im Umland, aber nicht in Waiblingen. Auch seien die Plätze bei den alternativen Schulen oft völlig ausgebucht, sagt Vanessa Fernandez – „und manche Konzepte haben einfach nicht zu uns gepasst“.

Freie Grundschule Waiblingen: Von allen Schulen das Beste zusammenbringen

So hat sie sich mit anderen Müttern zusammengetan, den Verein „BeYOU Bewegung“ gegründet und ein eigenes Konzept für eine Freie Grundschule in Waiblingen verfasst. „Wir wollten von allen Schulen das Beste zusammenbringen, verschiedene Strömungen aufgreifen und uns nicht nur für eine entscheiden.“ Wichtig ist dem Kernteam aus rund zehn Frauen mit ganz unterschiedlichem beruflichen Hintergrund – Sozial- und Erlebnispädagogen, Lehrer, Therapeuten und Frauen aus der Wirtschaft – ein „wertschätzender Umgang und gewaltfreie Kommunikation“, wie Andrea Schweikardt sagt.

Bildung, Bewegung und Beziehung – so lässt sich das Konzept der Freien Grundschule, mit welcher der Verein die Bildungslandschaft bereichern will, kurz und knapp beschreiben. „Die Kinder sollen in unserer Schule im Mittelpunkt stehen, sie selbst sein können und individuell gefördert werden“, fasst es Vanessa Fernandez zusammen und betont: „Wir sind nicht demokratiefeindlich und keine christliche Bekenntnisschule.“ Der Verein ist Mitglied im Bundesverband der Freien Alternativschulen. „Wir orientieren uns an Vorreiterschulen, zum Beispiel in Neuseeland“, erklärt Fernandez.

Andere Fehlerkultur an der Freien Grundschule Waiblingen

Abgeschaut habe sich das Team dort beispielsweise die Naturverbundenheit und eine andere Fehlerkultur, sagt Andrea Schweikardt: „Fehler sind etwas Gutes, daraus kann man lernen.“ Schulnoten soll es an der Freien Grundschule keine geben. Stattdessen sieht das Konzept individuelle Entwicklungsberichte vor. Die größte Sorge vieler Eltern sei, ob ihre Kinder nach dem Besuch der alternativen Schule problemlos auf eine weiterführende Schule wechseln können, sagt Vanessa Fernandez. „Damit der Wechsel klappt, würden wir in der vierten Klasse die Kinder auf den Wechsel vorbereiten, unter anderem mit einer Heranführung an kleine Hausaufgaben. Und bei unserem Konzept lernen Kinder, wie sie lernen können und haben so eine gute Grundlage für die fünfte Klasse.“

Derzeit plant der Verein, der als Träger der Schule fungieren würde, im September mit den Klassen 1 und 2 zu starten und das Angebot dann auszubauen. Ob das klappt, ist aktuell nicht sicher, eine Schulgründung ist eine komplizierte Angelegenheit. Die Ersatzschule, so viel steht fest, muss die festgelegten Bildungsstandards wie Lesen, Schreiben und Rechnen vermitteln – wie, das ist aber ihre Sache.

Der Schultag an der Freien Grundschule hat verschiedene Phasen

„Kinder brauchen beides, Struktur, aber auch Freiheit“, sagt Vanessa Fernandez und ergänzt: „Wir wollen eine Naturschule sein, aber auch digitale Kompetenz fördern.“ Der Schultag hat daher verschiedene Phasen: In der sogenannten Raupenzeit steht das Erlernen der Kulturtechniken im Fokus, in der Schmetterlingszeit sollen die Kinder jahrgangsübergreifend kreativ und selbstbestimmt in Projekten oder Workshops arbeiten. Geplant sind auch regelmäßig Natur- und Bewegungstage.

Auch in der Freien Grundschule werde der Alltag manchmal anstrengend und fordernd sein, sagt Vanessa Fernandez. Ziel sei eine Schule, welche die Kinder gut auf das Leben im 21. Jahrhundert vorbereite und ihnen neben Wissen auch Resilienz und ein Selbstwertgefühl vermittele. Derzeit ist der Verein auf der Suche nach passenden Räumen und führt Gespräche mit Lehrkräften – wer Interesse und Hinweise dazu hat, darf sich gerne melden. „Wir brauchen pro Klasse einen Lehrer mit Grundschulqualifikation.“ Die Idee ist, dass die Klassenstärke bei 15 Schülerinnen und Schülern liegt, die von einer Lehrkraft und einer weiteren Person betreut werden.

Eltern müssen ein monatliches Schulgeld bezahlen, das sich nach dem Einkommen richtet. Finanziell schlechter gestellte Familien sollen eine Beihilfe zum Schulgeld beantragen können. Gibt das Regierungspräsidium Stuttgart grünes Licht für die Schulgründung, dann muss der Verein die Finanzierung drei Jahre selbst stemmen, ab dem vierten Jahr gibt es staatliche Unterstützung. „Daher sind wir auf Sponsoren angewiesen“, sagt Vanessa Fernandez.

Infoabend

Austausch
Am 10. April, 20 Uhr, gibt es einen Online-Infoabend, Anmeldung unter www.beyou-schule-waiblingen.de.

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