Neues Angebot zur Leseförderung
: In Weinstadt werden Bücher auf spezielle Weise zu den Schülern gebracht

Das Familienzentrum Weinstadt versorgt Grundschüler mit aktuellem Lesestoff. Das Transportmittel für die lesefördernden Schmöker ist kurios.
Von
Luitgard Schaber
Rems Murr Kreis
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Mit dem Lastenrad werden die Bücher zu den Weinstädter Grundschulen transportiert.

Gottfried Stoppel

Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, muss der Berg zum Propheten kommen. Dieses Sprichwort hat sich die Leiterin des Familienzentrums Weinstadt (Rems-Murr-Kreis), Margret Mack, offenbar zum Motto genommen für ein neues Projekt: das Büchereifahrrad. In der Herbstferien hatte es bereits seinen ersten Einsatz bei der Kinder-Herbst-Woche des Hauses der Jugendarbeit. Zum Kennenlernen des neuen Angebots machte das Büchereifahrrad im Stiftshof im Ortsteil Beutelsbach Station. Künftig werden damit Ehrenamtliche alle vier bis fünf Wochen die Grundschulen in Weinstadt anfahren, um ihnen aktuelle Bücher zu bringen.

„Wir wollen auch Kinder und ihre Eltern erreichen, die nicht in die Stadtbibliothek gehen oder Verständnis dafür haben“, erklärt Nicole Thumm, die gemeinsam mit Mack das Projekt betreut. Indem man an die Grundschulen gehe – also dorthin, wo sich Leseanfänger täglich aufhalten – wolle man diesen die Möglichkeit geben, sich Bücher auszuleihen. „Damit jedes Kind ein Buch daheim im Kinderzimmer hat.“ Denn das sei laut Studien keine Selbstverständlichkeit mehr.

Vorlesemangel gefährdet Bildungschancen der Kinder

So haben etwa nach dem Vorlesemonitor von 2024 der Stiftung Lesen rund 30 Prozent der befragten Familien mit Sprösslingen im Alter von ein bis acht Jahren maximal zehn bis gar keine Kinderbücher zu Hause. Ähnlich hoch mit gut 32 Prozent ist laut der Erhebung der Anteil der Eltern, die ihrem Nachwuchs selten oder gar nicht vorlesen – wobei Letzteres mit knapp 20 Prozent in jeder fünften Familie zutrifft. Dabei stelle, so die Studienmacher, Vorlesen bereits weit vor der Schulzeit die Weichen für die Gesamtentwicklung von Kindern und sei daher bildungspolitisch in hohem Maße relevant. Es fördere nämlich nicht nur die sprachliche Entwicklung von Kindern, sondern sei auch ein wichtiger Impuls für deren späteres eigenes Lesen und damit ihren schulischen Erfolg in allen Fächern, für ihre Persönlichkeitsentwicklung und die Erlangung sozio-emotionaler Kompetenzen sowie ihre langfristigen Bildungs- und Lebenschancen.

Dass mehr Ansporn zum Lesen lernen in der Tat Not tun würde, zeigt derweil die Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung, kurz IGLU. Alle fünf Jahre wird damit länderübergreifend die Lesekompetenz von Viertklässlern ermittelt, zuletzt 2021. Deutsche Schüler bekommen laut der 2023 veröffentlichten Ergebnisse diesbezüglich kein gutes Zeugnis ausgestellt. Denn jeder vierte Viertklässler hat in seiner Grundschulzeit keine ausreichenden Lesefähigkeiten erworben. Zudem hat der Anteil von leseschwachen Schülern seit der ersten Teilnahme Deutschlands im Jahr 2016 zugenommen.

Es existiert bereits ein guter Fundus an Schmökern, mit denen das Büchereifahrrad bestückt wird.

Foto: Gottfried Stoppel

„Ich fand das alarmierend. Das war eine Hiobsbotschaft“, kommentiert Mack die Ergebnisse. So habe sie beschlossen, etwas zur Förderung der Lesekompetenz von Weinstädter Grundschülern zu unternehmen. Auf die Idee mit dem Büchereifahrrad habe sie ein Artikel in dieser Zeitung gebracht. Dieser handelte davon, dass die Stadtbibliothek in der Landeshauptstadt Stuttgart per Lastenfahrrad einen Fundus an Büchern als mobile Bücherei in Parks, auf Plätze und zu Stadtteilfesten transportiert.

10.000 Euro Spende ermöglicht Büchereifahrrad für Weinstadt

Mack griff die Idee auf und fand schon bald im Geschäftsführer des Remstalmarkts einen ersten Unterstützer. Durch die von ihm initiierte Pfandspendeaktion sei eine vierstellige Summe zusammengekommen, die er aus eigener Tasche noch auf 10 000 Euro aufgestockt habe, berichtet Mack. Mit weitere Geldern aus der StZ-Weihnachtsaktion „Hilfe für den Nachbarn“, von der Bürgerstiftung Weinstadt und der Landesbank Baden-Württemberg sei es dann gelungen, den Kauf des Büchereifahrrads komplett mit Spenden zu finanzieren. Darüber hinaus bezuschusse das Sozialministerium mit einer Anschubfinanzierung von insgesamt 30 000 Euro – über dieses und nächstes Jahr verteilt – das Projekt.

Auch die Stiftung Lesen trage das Vorhaben mit. Gut 1000 Bücher habe man von ihr für den Anfang bekommen, die auch aktuelle Themen behandelten wie Umweltschutz, Nachhaltigkeit, Migration und Patchwork-Familien. Dadurch sei das Büchereifahrrad mit Lesestoff ausgestattet, der die heutige gesellschaftliche Situation und Lebenswirklichkeit der Kinder widerspiegele, so Thumm zum Vorteil des Büchereifahrrads als ergänzendes Angebot: „Jede Grundschule hat zwar auch eine eigene Bücherei, kann sie aber nicht ständig aktualisieren.“

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