Public Viewing in Schorndorf: Im Fußballfieber für Flutopfer

Im EM-Schuppen in Schlichten wird gemeinsam gefiebert und gefeiert. Die Einnahmen sollen Flutopfern zugutekommen.
Eva HerschmannRund 100 kleine und große Fußballfans im Schlichtener EM-Schuppen bejubelten am Samstag lautstark den Einzug der deutschen Fußballnationalmannschaft ins Viertelfinale der Europameisterschaft. Meik Unrath, Steffen Hofele, Benjamin Aurenz und Sven Hees feierten mit. Die vier Macher des privaten Public Viewings in dem Schorndorfer Stadtteil freuten sich, dass die Fußballparty für den guten Zweck mindestens noch eine Runde weitergeht.
„Hätten die Deutschen gegen Dänemark verloren, hätten wir dicht gemacht“, sagt Meik Unrath. Das gehört zur Tradition, seitdem der 36-Jährige zusammen mit seinen Freunden Steffen Hofele, Benjamin Aurenz und Sven Hees vor 14 Jahren erstmals die große Gerätescheune seiner Eltern in der Lanzengasse zur Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika zum „WM-Schuppen“ umfunktioniert hat. Sobald das deutsche Team ausscheidet, was bei den Turnieren in den vergangenen acht Jahren spätestens stets im Achtelfinale der Fall war, ist es vorbei mit dem privaten Public Viewing in Schlichten.
Die Dorfjugend hockt in der ersten Reihe
Aber immer, wenn die Deutschen spielen, treffen sich die Fußballbegeisterten aus dem rund 800 Einwohner zählenden Flecken zum gemeinsamen Gucken – und die Dorfjugend hockt in den ersten Reihen. Auch handverlesene Reingeschmeckte sind willkommen. Matthias Klopfer, einst OB in Schorndorf und jetzt Verwaltungschef in Esslingen, war vor zwei Jahren bei der Winter-WM in Katar zur Partie Deutschland gegen Spanien unter den Gästen. Und am vergangenen Sonntag schaute sich Christian Gehring, Landtagsabgeordneter des Wahlkreises Schorndorf, in Schlichten das dritte EM-Gruppenspiel der DFB-Elf gegen die Eidgenossen an.
Je länger die Gastgeber beim Turnier mitspielen, umso voller wird die Spendenkasse. Denn die Freunde machen die Fußballshow nicht nur für den Ort, sondern auch für einen guten Zweck. Spielsachen für den Kindergarten in Schlichten haben sie schon gekauft, den örtlichen Kinderchor oder das Kinderhaus Pusteblume in Schorndorf unterstützt und einen öffentlichen Defibrillator mitfinanziert, der am Feuerwehrgerätehaus angebracht ist. Und angesichts der Katastrophe in unmittelbarer Nachbarschaft wollen Meik Unrath, Sven Hees, Steffen Hofele und Benjamin Aurenz in diesem Jahr mit dem Geld von Flut betroffenen Familien aus dem Wieslauftal eine Freude machen.
„Wir möchten Familien einladen, einen unbeschwerten Tag im Legoland, im Freizeitpark Rust oder an einem anderen schönen Ort zu verbringen“, erzählt Steffen Hofele. Mit dem, was beim Fußballgucken an Spenden hineinkommt, sollen möglichst viele Familien wenigstens ein paar sorgenfreie Stunden genießen können. „Ganz toll wäre es natürlich, wenn uns Busunternehmen bei der Logistik und die Freizeiteinrichtungen beim Eintritt unterstützen würden.“ Und toll wäre es auch, wenn die deutsche Mannschaft weiter mitspielt und die Europameisterschaft im eigenen Land um einiges ergiebiger wird als die WM in Katar oder der Titelkampf in Russland, als das deutsche Team jeweils nach der Gruppenphase die Koffer packen musste.
Meik Unrath, Benjamin Aurenz, Sven Hees und Steffen Hofele, die alle auch aktiv in der Schlichtener Abteilung der Freiwilligen Feuerwehr Schorndorf sind, machen alles ehrenamtlich. Angefangen bei der Sponsorensuche. „Wir holen Rote Würste und Brötchen vom Schlichtener Dorfladen, und die Rechnung bekommt und bezahlt jedes Mal ein anderer aus der Reihe unserer sieben Gönner", sagt Meik Unrath. Die Kooperation mit örtlichen Firmen ist eingespielt, ebenso wie die mit backfreudigen Frauen, Müttern und Nachbarinnen, die Hefezopf, Muffins oder anderes zum Fußballfest beisteuern.
Die vielen Handgriffe sitzen perfekt
Die vielen Handgriffe, die es braucht, damit aus der großen Scheune, in der sonst Traktoren und andere landwirtschaftliche Geräte stehen, ein Wohnzimmer für die Dorffamilie wird, sitzen bei dem Quartett perfekt. Bereits Wochen vor dem Anpfiff hatte Meik Unrath die Deutschlandfahne auf der riesigen Fichte gegenüber des elterlichen Wohnhauses gehisst und an dem hölzernen Schild an der Außenwand der Scheuer das „W“ vor dem „M“gegen ein „E“ ausgetauscht.
Kurz vor dem Turnierstart geht es in die Endphase. Der Schuppen wird ausgeräumt und umgebaut – mit Bierzeltgarnituren, einer großen Kühltruhe für Getränke und schwarz-rot-goldener Fahnendeko. Das und die gesamte Technik beanspruchten locker vier Arbeitstage und noch einige lange Abende dazu, erzählt der Scheunenherr. Doch wenn wie am Samstag gegen Dänemark die Bude voll ist, Jung und Alt mitfiebern und feiern, wissen die vier, warum sie alle zwei Jahre den Stress auf sich nehmen.
In diesem Jahr haben Meik Unrath, Steffen Hofele, Benjamin Aurenz und Sven Hees erstmals sogar zwei riesige Fernseher im Schuppen aufgehängt. So haben alle einen ausgezeichneten Blick auf den verwandelten Handelfmeter von Kai Havertz und das Traumtor zum 2:0 von Jamal Musiala. Am Freitag, 18 Uhr, werden die vier Freunde – wieder zusammen mit ganz vielen kleinen und großen Fußballfans aus Schlichten – dem deutschen Team die Daumen drücken, wenn es um den Einzug ins Halbfinale kämpft. „Unser Traum wäre es, dass wir 5000 Euro zusammenbekommen, und wir dann noch jemand finden, der jeden Euro von uns verdoppelt“, sagt Steffen Hofele.