Rems-Murr-Kreis: Vorsicht beim Pilzesammeln – immer wieder kommt es zu Vergiftungen

Steinpilze sind lecker und relativ leicht zu bestimmen.
IMAGO/ /Angelika SchmelzerSie liebe Pilze, sagt die Nachbarin am Gartenzaun. „Ich kenne mich aber nicht damit aus und sammle nur Steinpilze und Wiesenchampignons“, erklärt sie. Keine gute Idee, sagt der Pilzkenner. Während der Steinpilz tatsächlich ein idealer und obendrein sehr leckerer Pilz für Einsteiger ist, der sich dazu auch recht gut bestimmen lässt, braucht es schon einige Erfahrung, um einen Wiesenchampignon eindeutig zu identifizieren – und unerwünschte Doppelgänger auszuschließen. Diese können nämlich nicht nur ungenießbar, sondern im schlimmsten Fall sogar tödlich sein, beispielsweise wenn man einen Knollenblätterpilz erwischt.
Große Pilzausstellung in Großerlach
„Anfänger sollten besser mit jemandem auf die Pilzsuche gehen, der sich gut genug auskennt, um die Pilze einwandfrei zu bestimmen“, empfiehlt der Pilzsachverständige Manfred Krautter. Dieser Tage ist der Naturparkführer wieder im Schwäbischen Wald unterwegs und sammelt Exponate für die große Pilzausstellung in Großerlach, die er unter anderem mit Naturparkführerin Beate Siegel auf die Beine stellt. Mehr als 200 Pilzarten sollen dort präsentiert werden. Die Chancen stehen nicht schlecht. Das milde und regnerische Wetter der vergangenen Wochen hat für eine regelrechte Pilzschwemme gesorgt. Auch im Rems-Murr-Kreis machen sich zahlreiche Pilzsucher mit scharfem Messer, Bürste und Weidenkorb auf die Jagd nach den schmackhaften Schwammerln.
Pilze: Handy-Apps sind nicht empfehlenswert
Weil man sich dabei keine Fehlgriffe erlauben darf, empfiehlt Krautter auch Führungen und Kurse, die für Anfänger und Fortgeschrittene angeboten werden. Infos gibt es beispielsweise im Naturparkzentrum Murrhardt. Von Handy-Apps zur Pilzbestimmung rät der Experte ab, da neben dem Aussehen auch Geruch und Haptik bei der Identifizierung eine wichtige Rolle spielen. „Ein aktuelles Bestimmungsbuch habe ich beim Sammeln immer bei mir“, sagt Krautter.

Steinpilze aus dem Schwäbischen Wald
Foto: LedererZum Pilzesammeln benötigt man idealerweise einen breiten Pilzkorb, bei dem Pilze möglichst nebeneinander liegen, ohne dass sie gequetscht werden, und der eine gute Luftzirkulation ermöglicht. Eine Stofftasche oder ein Netzbeutel aus atmungsaktivem Material eignen sich nur notfalls. Von Plastiktüten rät Krautter absolut ab, weil die Fundstücke darin schwitzen und leicht zerdrückt werden. Und Matsch will sicherlich niemand in seiner Pfanne haben.
Welche Menge darf man sammeln?
Für das Sammeln gilt: In Baden-Württemberg darf pro Person und Tag ein Kilogramm Pilze mitgenommen werden. Es ist wichtig, auf saubere Gebiete zu achten, da manche Regionen in Deutschland noch immer durch Strahlenbelastung betroffen sind, etwa in Bayern.
Zu Hause sollten die Pilze in Papiertüten im Kühlschrank aufbewahrt und bald verarbeitet werden. Pilze lassen sich oft auch gut trocknen. Dazu kann man sie in Spalten geschnitten an einer Schnur aufhängen oder im Ofen auf dem Rost beziehungsweise dem mit Backpapier ausgelegten Blech bei etwa 50 Grad Umluft erhitzen. Die Ofentür dabei einen Spalt offenlassen (Tipp: ein Korken), damit die Feuchtigkeit entweichen kann. „Steinpilze friere ich auch ein, ich putze sie vorher ordentlich und schneide sie in kleine Würfel“, verrät Krautter.
Waldpilze nicht roh essen
Pilze bestehen größtenteils aus Chitin, einem schwer verdaulichen Gerüsteiweiß. Sie sollten daher mit wenigen Ausnahmen vor dem Verzehr mindestens zehn Minuten gekocht oder gebraten werden, auch um unerwünschte Mikroorganismen abzutöten. Viele essbare Pilze enthalten thermoinstabile Giftstoffe, die erst beim Kochen zerstört werden.
Immer wieder kommt es auch im Landkreis zu Pilzvergiftungen: „In den interdisziplinären Notaufnahmen unserer beiden Rems-Murr-Kliniken in Winnenden und Schorndorf sehen wir immer wieder Vergiftungen durch den Verzehr selbst gesammelter Pilze“, teilt Klinik-Sprecherin Christine Felsinger auf Nachfrage mit. Diese Vergiftungsfälle seien bisher zum Glück stets behandelbar gewesen. „Tödliche Verläufe hatten wir somit in den vergangenen Jahren nicht zu beklagen bei unseren Patientinnen und Patienten.“
Pilzreste und Fotos helfen bei Vergiftung
Die durch giftige Pilze hervorgerufenen Symptome sind sehr vielfältig, sie hängen stark von der Art des Giftpilzes und der Wirkung des Gifts ab. „Fast immer leiden die Betroffenen unter Magen-Darm-Beschwerden“, erklärt Christine Felsinger. Ihr Rat: „Sollten solche Beschwerden nach dem Genuss eines Pilzgerichts auftreten, ist es daher hilfreich, Reste der Pilze nicht wegzuwerfen, sondern für eine Beprobung aufzubewahren.“ Auch ein Foto der ungekochten Pilze könne helfen, die Pilzart und somit das Gift zu identifizieren, damit in der Therapie notfalls wirksame Gegenmaßnahmen ergriffen werden können.
Pilze eindeutig identifizieren
Wer in Wald und Flur Naturprodukte zum Verzehr sammelt, sollte sich auf jeden Fall im Vorfeld genau erkundigen, was tatsächlich ohne Bedenken genießbar ist“, sagt Felsinger. „Es gibt eine Reihe essbarer Pflanzen oder Pilze, die leicht mit giftigen und damit gefährlichen Pflanzen oder Pilzen verwechselt werden können.“ Grundsätzlich müsse man jeden Pilz beim Selbersammeln eindeutig identifizieren können, ehe er in den Korb und in die Pfanne wandert. „Wer sich nicht sicher ist, lässt den Pilz am besten dort stehen, wo er wächst“, denn „wahrscheinlich essbar“ sei als Maßstab nicht sicher genug, wenn einem die eigene Gesundheit lieb ist.
Wunderwelt Pilze
Pilzausstellung
Die große Pilzausstellung des Schwäbischen Waldes findet an diesem Wochenende, 12. und 13. Oktober, in der Schwalbenflughalle, Wiesenstraße 5, in Großerlach-Grab statt. Zu sehen sind mehr als 200 verschiedene Pilzarten. Mehrere Pilzsachverständige stehen während der Ausstellung Rede und Antwort. Die Besucher haben dabei auch die Möglichkeit, mitgebrachte Pilze bestimmen und begutachten zu lassen. Geöffnet ist am Samstag von 13 bis 18 Uhr und am Sonntag von 11 bis 18 Uhr. Der Eintritt kostet 5 Euro, für Kinder bis 12 Jahre ist der Eintritt frei.
Pilzberatung
In Kaisersbach findet am Sonntag, 13. Oktober, eine Pilzführung und Pilzberatung in den Kräuterterrassen an der Gartenstraße 9 statt. Treffpunkt ist um 10.30 Uhr. Der lizenzierte Pilzsachverständige Michael Knietsch (DGfM) vermittelt Grundwissen rund um das Thema Pilze. Anschließend gehen die Besucher entweder alleine oder mit dem Berater auf Pilzsuche. Von 13 bis 16 Uhr besteht die Möglichkeit, die gesammelten Pilze in den Kräuterterrassen durch den Fachmann begutachten zu lassen. Dabei informiert er auch über die vielfältigen Farben, Formen und Gerüche und sagt, ob der Pilz genießbar ist. Die Beratungen sind kostenlos, eine Spendenkasse steht bereit. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
