Rüdiger von Fritsch beim Ethikforum in Kernen: Ex-Botschafter mit Hangweide-Historie

Rüdiger von Fritsch (Mitte) lässt sich bim Rundgang zum Ethikforum die Bilder in der Stettener Schlosskapelle erläutern.
Gottfried StoppelJawohl, einst im Lutzhaus auf der Hangweide, da habe er vor ziemlich genau 50 Jahren die Flucht eines Bekannten und zweier seiner Freunde aus der DDR vorbereitet, berichtet Rüdiger von Fritsch, ehemaliger Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Moskau. Sein Beitrag zum letztlich erfolgreichen Fluchtprojekt: gefälschte Pässe. Jetzt hat ihn die Diakonie Stetten als Referenten zu ihrem zehnten Ethikforum nach Kernen geholt. Der Diplomat und ehemalige Praktikant der Diakonie Stetten hat dort aus seinen persönlichen Erfahrungen und über seine Gedanken zur Friedensethik in Zeiten des Wandels und Unfriedens gesprochen.
Rundgang auf dem Schlossgelände
Im Vorfeld seines Auftritts beim Ethikforum im Bürgerhaus in Kernen hat Rüdiger von Fritsch bei einem Rundgang über das Gelände der Diakonie Stetten einen Blick auf seinen früheren Einsatzort als Praktikant geworfen. Zumindest auf den Bereich des Stettener Schlosses, denn die Hangweide existiert nicht mehr. So führte die Tour denn von der Schlosskapelle über den Sommersaal ins Gesundheitszentrum, worin unter anderem die Dauerausstellung zur Geschichte der Diakonie Stetten zu sehen ist, die in diesem Jahr ihren 175. Geburtstag feiert. Endpunkt der Tour war die Gedenkstätte an die Menschen mit Behinderung, die während der nationalsozialistischen Terrorherrschaft von Stetten nach Grafeneck gebracht und dort ermordet wurden.
„Frieden wird auch im Kleinen gebaut.“
„Der Frieden ist nicht bloß ein großes Projekt der internationalen Politik, er wird, ganz wesentlich, auch im Kleinen gebaut“, konstatierte Rüdiger von Fritsch dann in seiner Rede beim Ethikforum im Kernener Bürgerhaus. „Täglich, überall und immer wieder, gegen Widerstände und mit freudigen Überraschungen. Das mag fast selbstverständlich klingen, aber wir müssen es uns immer wieder vergegenwärtigen.“
Gute, internationale Beziehungen seien ein großes Mosaik, in das viele Menschen ihre Steine einsetzen können, sollen und müssen. Dazu gehöre der Schüleraustausch wie das Treffen der Posaunenchöre, die Begegnung der Feuerwehren wie eine Konferenz über Kunstgeschichte, das Fußballturnier wie das Auslandspraktikum.
Das verlange immer wieder neue Anläufe und neuen Einsatz, vor allem aber auch eines: „Beständige, ehrliche Neugier – Interesse am anderen, an anderen Menschen und ihren Überlegungen, an ihrer Sicht der Dinge.“ Das bedeute auch die Bereitschaft zuzuhören und die Bereitschaft zu erklären, „wie wir auf die Dinge schauen und warum wir manches anders beurteilen“. Es komme dabei auf uns alle an, den Frieden zu bauen und zu erhalten– „auf jede und jeden von uns“. Denn das Gesagte gelte nicht bloß für die weite Welt der internationalen Beziehungen, sondern, gleichermaßen, für das tägliches Miteinander in der Nachbarschaft und auf der Arbeit, am Ort und im Verein. „Und hier gilt genauso wie für die weite Welt: Aus dem Kleinen kann das Große wachsen.“
Angegriffenen entschlossen zur Seite stehen
„Wir müssen bereit sein, dem Angegriffenen entschlossen zur Seite zu stehen, so schwierig das für Christen im Einzelnen ist“, betonte von Fritsch. Es gebe keine gerechten Kriege – „aber wir müssen uns die alte biblische Wahrheit in Erinnerung rufen, dass es das Böse in der Welt tatsächlich gibt.“ Dass Böse gebe es immer noch, und es „kann Ausmaße annehmen, welche wir nicht mehr für möglich gehalten haben“.
Es gebe keine gerechten Kriege, so von Fritsch, doch es gebe einen gerechten Frieden. Diesen zu gewinnen, dazu müssen man bereit sein beizutragen. „Dazu beizutragen, dass das Opfer seine Freiheit, seine Unversehrtheit und seinen Frieden zurück erlangen kann.“ In den derzeitigen schwierigen und schweren Abwägung dürfe es zugleich auch keine Selbstgerechtigkeit geben. „Gott ist nicht mit uns im Kriege, aber er ist mit uns als Menschen. Und wenn wir Menschenwerk tun, wenn wir dem Opfer zur Seite stehen, auch mit Waffen, dann müssen wir uns klar sein, dass wir Schuld auf uns laden.“
Schuld lüden allerdings alle, wie Bonhoeffer deutlich gemacht habe, in jedem Fall auf sich, ganz gleich wie man sich entscheide: „Ob wir helfen oder ob wir wegsehen – wir laden Schuld auf uns. Dabei ist für mich die Abwägung, durch welches Handeln oder Nichthandeln ich größere Schuld auf mich lade, nicht schwer vorzunehmen, so sehr ich andere Sichtweisen respektiere.“ Wer Schuld auf sich lade, bedürfe der Vergebung. Auf diese dürften alle Christen vertrauen – sie sei zugesagt aus Gottes unendlicher Liebe. „Damit kehre ich zum Ausgangspunkt meiner Überlegungen zurück: Das Wissen darum, wer der Größte ist und wer das letzte Wort haben wird, ist eine Quelle großer Stärke – und sie kann uns Mut machen und Hoffnung und Zuversicht geben.“
Niemand könne und dürfe es sich mit dieser immer wieder großen Aufgabe einfach machen – „wir müssen bereit sein, auch schwierige Wege zu gehen, wenn sie uns zuverlässiger zum guten Ziel führen“. Dies erfordere einen klaren Blick für Gut und Böse, für wahr und richtig. „Wir dürfen uns weder von der Angst noch von Hass leiten lassen, und wir dürfen die Zuversicht nicht verlieren, dass uns, wie in der Vergangenheit, das scheinbar Unmögliche doch gelingen kann.“
Ehemaliger Botschafter Rüdiger von Fritsch
Persönlich
Rüdiger Freiherr von Fritsch wurde 1953 als Sohn des Kaufmanns Thomas Freiherr von Fritsch (1909–2006) und dessen Frau Astrid-Maria, geb. Baronesse von Hahn (1922–2009) geboren. Er ist mit Huberta, geb. Freiin von Gaisberg-Schöckingen verheiratet. Das Paar hat fünf Kinder. Von Fritsch lebt in Schwäbisch Gmünd.
Beruflich
1984 trat von Fritsch in den Auswärtigen Dienst ein und war von 1986 bis 1989 politischer Referent an der deutschen Botschaft in Warschau. Von 2004 bis 2007 war von Fritsch Vizepräsident des Bundesnachrichtendienstes. Von 2014 bis zum Ruhestand im Juli 2019 war von Fritsch deutscher Botschafter in Russland.