Sonderausstellung in Weinstadt: Eine Schau mit Wow-Effekt

Manche Betrachter können gar nicht glauben, dass sich die 3D-Gebilde einfach zusammenklappen lassen
Gottfried StoppelBücher können einem neue Welten eröffnen. Bei der aktuellen Sonderausstellung im Württemberg-Haus in Weinstadt-Beutelsbach trifft das absolut zu. „Pop-up und 3D“ heißt die Schau, die dort jüngst eröffnet wurde. Die Sammlerin Wiebke Behning hat sie zusammengestellt und bringt damit die Augen des Stadtarchivars wie die eines kleinen Jungen zum Leuchten. „Genau das hatte ich als Kind auch“, sagt Bernd Breyvogel und deutet auf ein Märchenbuch, das die Grimm’sche Erzählung von den Bremer Stadtmusikanten dreidimensional illustriert. Gestaltet hat es wie viele der Exponate Vojtěch Kubašta.
Kubaštas Werke bilden in der Sonderausstellung einen Schwerpunkt
Denn wer sich mit Pop-up-Büchern beschäftigt, kommt an dem tschechischen Künstler nicht vorbei. „Er dominierte diese Buchform nicht nur künstlerisch, sondern auch von der Auflage her“, erklärt Breyvogel. Zu Lebzeiten schuf Kubašta mehr als 200 Bücher, die in 40 Sprachen übersetzt wurden und eine Gesamtauflage von mehr als 35 Millionen Exemplaren erreichten. Kein Wunder also, dass Kubaštas Werke auch in der Sonderausstellung einen Schwerpunkt bilden. Während seine Bücher vor allem aus den 1950er bis 1970er Jahren stammen, gibt es aber auch noch ältere Stücke zu sehen beziehungsweise Nachdrucke davon.
So wird etwa ein Reprint des Münchner Malers und Kinderbuchautors Lothar Meggendorfer gezeigt, der die Szenerie in einem Zoo nahezu plastisch in Papier veranschaulicht. Er zählt zu den Pionieren der Aufklapp-Bilderbücher, die um 1850 aufkamen, wie in einem Hintergrundtext zur Ausstellung zu lesen ist. Die Ursprünge der Buchform sind danach wesentlich älter und in der Erwachsenenliteratur zu finden. Das älteste darin genannte Beispiel hat der englische Chronist Matthäus von Paris bereits um 1250 erstellt.
Direkt unter dem Reprint von Meggendorfer werden in derselben Vitrine moderne Pop-up-Bücher präsentiert. „Dank Computern ist vieles verfeinert worden“, beschreibt Wiebke Behning den Unterschied zu früheren Werken. Teils derart, dass manche Betrachter gar nicht glauben wollten, dass die 3D-Gebilde sich einfach zusammenklappen lassen, berichtet die Sammlerin von Besucherreaktionen bei der Vernissage und deutet auf Klappkarten eine Vitrine weiter, aus denen sich beim Öffnen Fahrzeuge entfalten: „Sie dachten, die wären drauf gesteckt worden.“ An der Wand darüber hängen Ansichtskarten aus den 1950er Jahren, in die Mini-Bilderlibrettos eingearbeitet sind.
„Wir wollten nicht nur Kinder- und Märchenbücher zeigen, sondern die gesamte Bandbreite ausstellen“, erklärt Breyvogel. Dazu gehören etwa auch einige Aufklappkarten aus Luxuspapier. „Auffallend fein, teilweise mit durchbrochenen Rändern“ seien die barockisierten, handgemachten Karten aus den 1920er Jahren. In der Vitrine vis-à-vis ragen derweil gleich ganze Burgen, Schlösser und Schiffe als Modelle auf, die sich aus Aufschlagbögen aufgefaltet haben. Der größte Hingucker ist indes ein Space Shuttle im Raum nebenan, das fünfmal so groß ist wie die Buchseiten, aus denen es sich entfaltet hat.
Ein paar Bücher sind bewusst zum Anfassen ausgelegt
Der eigentliche „Wow-Effekt“ ergebe sich allerdings beim Aufklappen, merkt Breyvogel an. Weil sich das im Rahmen einer Ausstellung jedoch schwerlich realisieren lässt, ohne dass die Exponate Schaden nehmen, hat Behning sich etwas einfallen lassen. So sind nicht alle Ausstellungsstücke hinter Glas verschlossen oder der Zugriff auf sie durch Absperrbänder verwehrt. Ein paar Bücher sind bewusst zum Anfassen und Aufblättern auf Tischen ausgelegt. Wem dabei Dino-Gebrüll entgegenschallt, während eine Horde der Urzeit-Reptilien sich ihm aus Buchseiten entgegenrecken, staunt nicht schlecht über die Fähigkeiten der heutigen Pop-up-Literatur.