Stolperschwelle gegen Vergessen: „Erkennen, wie zerbrechlich Demokratie ist“ – Rudersberg erinnert an NS-Lager

Gunter Demning hat die Stolperschwelle selbst verlegt.
Gottfried StoppelEs ist vollbracht, in Rudersberg ist am Montagnachmittag eine Stolperschwelle verlegt worden – mitten im Ortskern, wenige Schritte vom Rathaus entfernt. Dort, wo einst das Arbeitserziehungslager für Frauen stand, markiert nun ein bronzefarbener Streifen im Gehweg das, was jahrzehntelang verdrängt wurde: systematische Gewalt, Zwangsarbeit und staatlich organisierte Erniedrigung.
Der Künstler Gunter Demnig, der bundesweit durch seine „Stolpersteine“ bekannt wurde, hat die Schwelle selbst gesetzt. Gut hundert Menschen standen still, als sich Demnig niederkniete, um das Mahnmal in den Boden zu schlagen. Bürgermeister Raimon Ahrens sprach von einem „bedeutsamen Tag für Rudersberg“. Es sei höchste Zeit gewesen, ein Zeichen zu setzen gegen das Vergessen – gerade jetzt, wo „Gräueltaten verharmlost und Kriege wieder als Mittel der Politik verklärt werden“.
Stolperschwelle in Rudersberg: Mahnmal gegen das Vergessen
Die Zeremonie begann auf dem Rathausplatz. Warm wehte der Maiwind über die Backnanger Straße – fast zu mild für den Anlass. Wenige Schritte weiter wurde Geschichte sichtbar gemacht. Die Stolperschwelle liegt nun dort, wo die „Ritterburg“ steht: ein Bau, der einst eine Gastwirtschaft war – dann ein Ort des Schreckens.

Das einstige Arbeitserziehungslager
Foto: Gemeindearchiv RudersbergZwischen 1942 und 1945 war hier das einzige Arbeitserziehungslager für Frauen in ganz Württemberg. Mehr als 3000 Frauen aus Osteuropa, Frankreich und Deutschland wurden unter unmenschlichen Bedingungen eingesperrt. Viele wurden von hier aus in Konzentrationslager wie Dachau, Auschwitz oder Ravensbrück deportiert. Einige starben an Entkräftung, Krankheit – oder der Gewalt der Lagerleitung.
Die Spur des Terrors – und des Schweigens
Wie aus den Recherchen der Historikerin Sonja-Maria Bauer hervorgeht, war das Lager eng mit dem benachbarten Holzwerk verknüpft, das Munitionskisten herstellte. Der Betriebsleiter Otto Horn hatte das Gebäude „Zur Ritterburg“ aufgekauft, um es – im Auftrag der Gestapo – in ein Lager umzuwandeln. Unter der SS-Führung wurden hier Frauen misshandelt, geschlagen, unterernährt. Besonders brutal agierte Lagerleiter Emil Held: Er trat schwangere Frauen, schlug Inhaftierte krankenhausreif. Die hygienischen Zustände waren katastrophal, medizinische Versorgung kaum vorhanden. Zwei Frauen – Else Homer und Marcelle Gramond – starben nach ihrer Inhaftierung.
Lange wurde verdrängt, was in Rudersberg geschah
Nicht nur Zwangsarbeiterinnen landeten im Lager. Auch politische Gegnerinnen wie Emmy Seitz und Sofie Klenk von der Widerstandsgruppe Schlotterbeck wurden hier festgehalten, gefoltert und später ermordet. Das Gebäude blieb – das Wissen verschwand. Jahrzehntelang wurde verdrängt, was in Rudersberg geschah. Es gab keinen Gedenkort. Besitzer des Hauses lehnten Tafeln ab, Politiker schwiegen. Erst durch die Beharrlichkeit von Menschen wie Sonja Bauer konnte sich die Erinnerungskultur durchsetzen.
Jugend als Stimme der Zukunft

Heute ein Wohnhaus
Foto: Gottfried StoppelVier Schülerinnen des Schulzentrums Rudersberg trugen bei der Verlegung die Biografien mehrerer Frauen vor, die im AEL Rudersberg litten. Sie hatten sich im Geschichtsunterricht mit dem Thema beschäftigt – und begegneten dabei einer Vergangenheit, die plötzlich ganz nah war. Ihre Stimmen, klar und eindringlich, hallten über den Platz.
„Wir müssen erkennen, wie zerbrechlich Demokratie ist“, sagte Sonja-Maria Bauer in ihrer Rede. „Und begreifen, dass es auch in kleinen Orten wie Rudersberg Orte des Schreckens gab.“
Ein Symbol – kein Schlussstrich
Die Stolperschwelle sei kein Denkmal im klassischen Sinn, sagte Bürgermeister Ahrens. „Sie ist ein Stolperstein für das Bewusstsein.“ Wer heute durch die Backnanger Straße geht, wird innehalten. Und vielleicht fragen, was hier war. Und warum. Und was wir daraus lernen.
Die Schwelle liegt nun da, wo einst Gleichgültigkeit war. Und sie wird bleiben. Auch wenn die Zeitzeugen verstummen. Sie wird anstoßen. Zum Denken. Zum Erinnern. Und zum Widerspruch – gegen das Vergessen.
