Therapiebegleithund in Winnenden: Wie Hund Nero einer Frau in der Psychiatrie hilft – „Mit ihm bin ich ruhiger“

Sabine lässt Nero Pfötchen geben.
Gottfried StoppelMit erhobenem Zeigefinger steht Sabine vor dem massigen Hund, die Schultern aufrecht, die Stimme fest. „Sitz!“, sagt sie – und Nero gehorcht. Pfötchen folgt. Ein Moment der Konzentration. Die anderen sind ausgeblendet. Die Pressefotografen, das Klinikum, die Öffentlichkeit.
Nur sie beide zählen. Und vielleicht noch dieser kleine, unscheinbare Beutel, den Sabine in der anderen Hand trägt. Johanna Bader, Ergotherapeutin am Zentrum für Psychiatrie (ZfP) in Winnenden (Rems-Murr-Kreis), nennt ihn augenzwinkernd den „Beutel der Macht“. Prall gefüllt mit Leckerlis, hat er das Zeug dazu, Wunder zu wirken. Vor allem, wenn ihn jemand wie Sabine hält – eine junge Frau mit Angststörungen, Panik vor Menschenansammlungen und dem dringenden Wunsch, endlich wieder zu leben.
Sabine ist Ende zwanzig, und sie will anonym bleiben. Zu persönlich, zu verletzlich ist ihre Geschichte. Aber sie sagt Sätze, die im Gedächtnis bleiben: „Wenn ich mit Nero arbeite, bin ich im Hier und Jetzt. Ich kann mich gut konzentrieren.“ Oder: „Wenn ich unruhig oder unsicher bin, merkt er das. Und spiegelt es mir.“
Nero, ein stattlicher Berner Sennenhund mit braunen Augen und gelber Einsatzweste, ist ein ausgebildeter Therapiebegleithund. Gemeinsam mit Johanna Bader bildet er ein eingespieltes Team. Vier Tage pro Woche ist Bader im Einsatz, einmal davon begleitet sie Sabine. Eine Dreierkonstellation, in der sich die Rollen mit der Zeit verschieben. Immer öfter zieht sich die Therapeutin zurück – Sabine und Nero übernehmen.
Vom Welpen zum Therapeuten
Drei Jahre ist Nero alt. Ausgebildet wurde er am Münsteraner Institut für therapeutische Fortbildung und tiergestützte Therapie (MITTT). Schon als Welpe fiel er auf: ruhig, menschenbezogen, ohne jede Aggression. „Selbst wenn man ihm am Schwanz zieht, darf er nicht knurren“, sagt Johanna Bader. Das ist keine Floskel, sondern Prüfungsanforderung. Denn ein Therapiebegleithund muss in jeder Situation verlässlich bleiben – bei Kindern ebenso wie bei Menschen mit Demenz.

„Selbst wenn man ihm am Schwanz zieht, darf er nicht knurren“, sagt Johanna Bader über Nero.
Foto: Frank RodenhausenNicht jeder Hund eignet sich als Therapiehund
Bader arbeitet seit vier Jahren im ZfP, war zuvor schon in der Psychiatrie tätig. Der Wunsch, einen Therapiehund auszubilden, reifte früh. „Nicht jeder Hund eignet sich“, sagt sie. „Das ist Charaktersache.“ Bei Nero passte alles. Heute sind sie unzertrennlich – und ein Gewinn für die Klinik.
Laut ZfP-Sprecherin Michiko Pubanz ist Nero nicht der erste tierische Mitarbeiter des Hauses. Doch sein Einsatz sei besonders erfolgreich: „Das Konzept hat sich bewährt. Ein Sicherungs- und Hygienekonzept steht.“ Auch in der Kinder- und Jugendtherapie in Weinsberg kommt ein Hund zum Einsatz – Adones, aktiv im Sportbereich.
Nähe statt Notfallmedikation
Was Nero für Sabine bedeutet, lässt sich nicht in Zahlen fassen. Es ist die Art, wie sie sich ihm zuwendet, mit ihm spricht, seine Reaktionen liest. „Wenn ich mit ihm unterwegs bin, werde ich ruhiger. Mein Nervensystem fährt runter“, sagt sie. Einkaufen, Busfahren – was früher undenkbar war, gelingt mit Nero an der Seite. „Er vermittelt mir Sicherheit.“
Er ist Ruhepol, Spiegel, Brücke zur Welt. Wenn Sabine wankt, schwankt auch Nero. Wenn sie zur Ruhe kommt, folgt er. Eine stille Kommunikation, die keiner Übersetzung bedarf. Bader nennt es „emotionale Resonanz“. Und die ist therapeutisch wertvoller als jedes Medikament.
Eigenverantwortung statt Kontrolle
Die Arbeit mit Nero ist keine passive Wohlfühlmaßnahme. Sabine übernimmt Verantwortung. Sie entscheidet, was in der Therapiesitzung passiert – Tricks, Gassigehen, Stadtbesuch oder einfach nur bürsten. Die Zeit mit Nero ist begrenzt: maximal zwei Stunden täglich darf der Hund arbeiten, Tierschutzregel. Dann braucht er Pause. Auch das lernen die Patienten – Rücksicht, Achtsamkeit, Grenzen.
Im Therapieraum wie auf der Straße: Nero zeigt Wirkung. Besonders in der Alterspsychiatrie. Da verstecken Senioren Leckerlis – und müssen sich erinnern, wo. Der Hund löst Bewegung aus, aber auch Erinnerungen. „Er ist Projektionsfläche“, sagt Bader. „Aber eine, die nicht bewertet.“
Zwischen Fell und Freiheit
Sabine sagt, dass sie Hunde liebt. Doch es ist mehr als Zuneigung. Es ist ein Stück Würde, das sie durch die Arbeit mit Nero zurückgewinnt. Eine Fähigkeit zur Begegnung, die ihr verloren schien. Die Stunde mit dem Hund – ihr wöchentliches Highlight. „Die anderen Therapien helfen auch. Aber das Tiergestützte hilft mir am meisten.“
Was so spielerisch aussieht, ist in Wahrheit ein therapeutischer Prozess. Einer, der langfristig wirken kann. Die Patientin lernt, sich selbst zu steuern, sich zu zeigen, zu vertrauen. Und manchmal eben auch: zu führen. Wie an diesem Tag, mit erhobenem Zeigefinger und fester Stimme.
Mehr als nur ein Hund
Am Ende ist es keine Wunderheilung, sondern ein Lernweg. Und Nero ist dabei ein Lehrer mit kalter Schnauze und warmem Herzen. Sabine weiß: „Wenn ich ihm vertraue, kann ich auch mir selbst wieder mehr vertrauen.“ Vielleicht ist genau das die leise Kraft dieser Therapie. Keine Medikamente, keine Maschinen. Nur Fell, Pfote, Blick.
Ein Tier, das nicht urteilt – aber viel bewirkt. Und eine junge Frau, die sich Schritt für Schritt zurück ins Leben tastet. Seite an Seite mit einem Hund, der mehr als nur ein Begleiter ist. Ein Helfer auf vier Pfoten. Ein Anker. Ein Anfang.
