Weinbau im Remstal: Die Weinlese steht an

Die Wengerter rechnen mit einem kleinen, aber qualitativ guten Ertrag.
Lichtgut/Julian RettigAls einfaches Weinjahr wird 2024 sicher nicht in die einschlägigen Annalen eingehen. Dafür haben Frost, Nässe und massiver Druck durch Peronospora – die Pilzkrankheit Falscher Mehltau – in allen Weinbaugebieten der Republik längst gesorgt. In anderen Weinbaugebieten sind gar noch neue Schädlinge im Weinberg dazugekommen. In Baden etwa die Amerikanische Rebzikade, die Erreger des Schadbilds „Goldgelbe Vergilbung“ überträgt. Sie macht bei Befall der Pflanzen den zusätzlichen Einsatz von Insektiziden nötig, ist EU-weit meldepflichtig, allerdings ist sie bislang noch in keinem anderen deutschen Weinbaugebiet nachgewiesen.
Thomas Zerweck, Fellbach
„Generell sieht es sehr gut aus“, sagt fürs Remstal Thomas Zerweck, der Kellermeister bei den Fellbacher Weingärtnern. Derzeit sei hierzulande die Kirschessigfliege (KEF) immer die größte Überraschung, sie bereite aber in diesem Jahr bislang keine größeren Probleme. „Die große Hitze hat die KEF eingeschränkt.“ Natürlich habe der Frost im Frühjahr zu deutlichen Einbußen geführt. „Aber was erfroren war, hat sich gut erholt.“ In der Fellbacher Genossenschaft rechnet man trotzdem mit etwa 20 bis 25 Prozent weniger Ertrag als in einem Durchschnittsherbst.
Ansonsten habe man den Druck durch nässebedingte Peronospora ganz gut in den Griff bekommen. Momentan bereiten sich die Fellbacher Weingärtner auf die Vorlese in der kommenden Woche vor. Dabei geht es vor allem um Sektgrundweine und um Material für Neuen Wein fürs Weinerlebnis am Kappelberg samt „Walk of Wine“ am übernächsten Wochenende. Start der Hauptlese werde, sagt Zerweck, je nach Wetterentwicklung so ab dem 7. September sein.
Christoph Klopfer, Weinstadt
Ähnlich plant in Großheppach Christoph Klopfer den Start für seine Hauptlese. Allerdings meint er, in diesem Jahr könne man sich generell nicht auf ein allgemeines Urteil festlegen. Peronospora, Frost und sonstige Witterungsbedingungen hätten da durchaus einiges in Unruhe gebracht. „Aber was jetzt hängt, sieht gut aus und ist sehr gesund.“ Die Menge werde natürlich letztlich nicht zufriedenstellend sein. Andererseits sei die Wasserversorgung für die Reben in diesem Jahr hervorragend gewesen. In unteren Lagen allerdings, etwa beim Chardonnay, sei teils Totalverlust zu beklagen. Bei Weiß- und Grauburgunder oder Zweigelt sei da am Ende vielleicht noch ein Viertel übrig. In höheren Lagen entwickle sich der ebenfalls frostanfällige Lemberger andererseits sehr schön. Ein Fazit im Hause Klopfer mit Blick auf die Lese 2024: „Man sollte nicht zu viel klagen.“
Philipp Haidle, Kernen
Im Weingut Wolfgang Haidle in Stetten lässt man sich mit dem Lesestart noch etwas Zeit. „Wir haben nicht so viele ganz frühe Sorten wie Acolon oder so“, sagt Philipp Haidle. Momentan sei er noch damit beschäftigt, Barriques und einiges andere abzufüllen. Derzeit komme es – was die anstehende Weinlese angeht – vor allem auf das Wetter in den kommenden Tagen und Wochen an, so der Wengerter.
Was die Vorbedingungen angehe, verzeichne das Weingut einen halben Hektar Fläche mit Totalausfall durch Frost im Frühjahr. Bei einem weiteren Hektar rechne er mit halbiertem Normalertrag. Insgesamt sei der Ertrag voraussichtlich durch Frost und andere problematische Bedingungen deutlich reduziert. Was nicht erfroren ist, stehe aber gut da. Wenn jetzt noch Regen kommt, sagt Haidle, „dann werden sich die Trauben schnell aufplustern“. Sein Wunsch: Das Wetter sollte schön bleiben, am besten warme, sonnige Tage und kalte Nächte.
Felix Ellwanger, Winterbach
In Winterbach stellt Felix Ellwanger vom Weingut Jürgen Ellwanger erst einmal fest, dass sie „mit einem blauen Auge davongekommen seien, was den Frost angeht“. Er rechnet mit „einem kleinen, aber guten Herbst“. 2023 sei schon nicht sehr üppig gewesen, aber der 24er-Jahrgang werde im Remstal sicher noch einmal etwas kleiner ausfallen. Andererseits, so Felix Ellwanger, lasse die Qualität dessen, was im Weinberg hänge, letztlich doch auf einen guten Jahrgang hoffen. Natürlich nur – da sind sich wiederum alle Remstal-Wengerter einig –, wenn in den kommenden Wochen das Wetter nochmals richtig mitspielt.
Blick in andere Weinbaugebiete
Im Weinbaugebiet Pfalz war – wie in Baden – schon vor gut einer Woche Start für die Lese des Federweißen. Der Sonnenschein der vergangenen Tage habe noch einen Reifeschub gegeben, heißt es von dort. Der viele Regen im ersten Halbjahr habe für viel Rebenwachstum gesorgt, man habe das Laub häufiger schneiden müssen. Außerdem hätten einige Betriebe aufgrund der Feuchte auch dort intensiv mit dem Falschen Mehltau zu tun gehabt. Die meisten Betriebe hätten dies aber ganz gut in den Griff bekommen.
Klar ist aber auch, dass das Bild in einzelnen deutschen Anbaugebieten höchst unterschiedlich ist. Während die Pfalz sowie Rheinhessen von späten Frösten im April eher verschont geblieben sind, liegen die Ertragsverluste etwa in Sachsen und im Anbaugebiet Saale-Unstrut bei bis zu 70 bis 80 Prozent.