Weintreff in Fellbach
: 5 Thesen eines Weinexperten: „Das Remstal verkauft sich unter Wert“

Weinexperte Christoph Nicklas führt am Wochenende in der Alten Kelter in Fellbach durch die kommentierten Weinproben – und sorgt vor der Veranstaltung für Gesprächsstoff.
Von
Sascha Schmierer
Rems Murr Kreis
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Profi mit steilen Thesen: Christoph Nicklas

Remstal Tourismus

Wenn Weinmacher wie Aaron Schwegler aus Korb oder der Gundelsbacher Leon Gold als „Geheimtipp“ bezeichnet werden, runzeln Genießer aus dem Remstal erst mal mit der Stirn. Denn für lokal verortete Weinfreunde sind die beiden Bio-Betriebe längst eine feste Größe – und werden nicht selten in einem Atemzug mit Renommier-Weingütern von Aldinger und Haidle bis zu Ellwanger und Schnaitmann genannt.

Der Weinprofi Christoph Nicklas ist dennoch überzeugt, dass viele ambitionierte Weingüter aus dem Remstal in der bundesweiten Wahrnehmung noch weit unter dem Radar fliegen – und stellt die These auf, dass sich Württemberg nach wie vor unter Wert verkauft. Am Wochenende ist der Experte, Autor der Fachzeitschrift „Sommelier“ aus dem Meininger-Verlag, beim Weintreff in der Alten Kelter in Fellbach zu Gast – und hat im Vorfeld der vom Verein Remstal-Tourismus veranstalteten Publikumsmesse mit fünf steilen Thesen über den Weinbau im Remstal für Gesprächsstoff gesorgt.

These 1: „Herausragend ist im Remstal vor allem der Sekt“

Was sind schon Lemberger und Riesling: So richtig punkten beim Publikum kann das Remstal vor allem beim Schaumwein. Aus Sicht von Christoph Nicklas haben die lokalen Weingüter beim Prickelwasser eine Qualitätsstufe erreicht, die sie auf Tuchfühlung zur französischen Champagne bringt. „Der Brut Nature von Aldinger ist absolute Endstufe, aber auch Beurer, Schwegler und Gold kommen beim Sekt ganz kurz nach der Champagne“, sagt der in der Gastroszene anerkannte Weinexperte. Seine Erklärung: Nach klebrig-süßen Zuckerbomben kräht kein Hahn mehr, gefragt sind kühle Eleganz und eine straffe Frische – und für eine solche Ausprägung seien die hohen Lagen im Remstal ideal.

These 2: „Das Remstal verkauft sich unter Wert“

Klar sind ein paar renommierte Prädikatsweingüter aus dem Remstal in der Weinszene auch international ein Begriff. Bei Hansjörg und Matthias Aldinger beispielsweise geht jede achte Flasche in den Export. Doch viele weniger bekannte Kollegen kennt laut Weinjuror Nicklas in Hamburg, Berlin oder München noch kein Mensch. „In der Post-Covid-Weinszene traten auch im Remstal jede Menge Kleinbetriebe auf die Bühne, die bei unseren Tastings absolut überzeugen konnten – in der Fachwelt aber immer noch unterm Radar fliegen“, sagt der Experte. Als Beispiele für unterschätzte Weinmacher nennt er das Weingut Mödinger aus Strümpfelbach, für den Autor ein absoluter Geheimtipp. Qualitativ ebenfalls an der Spitze sieht Nicklas das Weingut Doreas aus Remshalden – auch wenn er dringend empfiehlt, die Präsentation zu überdenken. „Der Wachsverschluss ist eine klasse Idee – aber die Etiketten sind furchtbar“, sagt er.

These 3: Ohne das Remstal kann Württemberg einpacken

Gut möglich, dass Christoph Nicklas vor seinem Auftritt beim Weintreff bei den lokalen Erzeugern gut Wetter machen will – ein wenig Bauchpinselei verbessert die Stimmung und sorgt für die nötige Akzeptanz. Weinmachern aus dem Neckartal, aus dem Heilbronner Unterland oder auch dem Taubertal dürften dennoch trocken schlucken, wenn sich sein Loblied aufs Remstal herumspricht. „Das Remstal ist aktuell der treibende Motor für Württembergs Weinszene. Jahr für Jahr liefern mehr spannende und handwerkliche Betriebe ein paar Extra-PS“, sagt Nicklas – und spricht vom Cool-Climate-Vorzeigemodell. Die Herkunft aus hohen Hanglagen sorgt aus seiner Sicht für eine besondere Dynamik – und für besonders empfehlenswerte Weine.

These 4: In der Gastro werden zu hohe Preise verlangt

Dass in verschiedenen Lokalen für einen 0,1-Schluck inzwischen Preise aufgerufen werden, die früher fürs Viertele verlangt worden sind, ist auch am Meininger-Verlag nicht vorbeigegangen. „Die Wirte haben erkannt, dass über den Wein auch Geld verdient werden kann“, sagt Christoph Nicklas – und spricht von einer „Nimm-es-oder-lass-es“-Mentalität. Dass viele Gäste bereit sind, für guten Wein auch etwas mehr zu bezahlen, würde von manchem Gastronomen ausgenutzt. „Mitunter ist die Kalkulation einfach krass“, sagt der Autor.

These 5: Der Trollinger ist besser als sein Ruf

Nach einer eigenständigen Rebsorte, die für leichten Genuss und geringe Alkoholwerte steht, können andere Anbaugebiete nur träumen. „Die Franzosen sprechen gern von einem ‚Durstwein’ – das ist eine Chance für den Trollinger“, sagt Christoph Nicklas. Die Rebsorte könnte aus seiner Sicht vom Zeitgeist profitieren, wenn sie ihr Billigimage ablegt und ihre Stärken als typische württembergische Spezialität ausspielt.

Weine verkosten in der Alten Kelter

Weintreff
Der Weintreff findet am 22. und 23. Februar von 11 bis 18 Uhr in der Alten Kelter in Fellbach (Untertürkheimerstraße 33) statt – erreichbar mit der Buslinie 60 vom Fellbacher Bahnhof und vom Bahnhof Stuttgart-Untertürkheim. Der Eintritt kostet 25 Euro beziehungsweise 35 Euro fürs ganze Wochenende.

Proben
Enthalten sind im Eintrittsgeld alle Proben an den Ständen der mehr als 40 beteiligten Weingüter und Genossenschaften. Auch kommentierte Weinproben mit Christoph Nicklas sind im Programm sowie Touren mit zertifizierten Weinerlebnis-Führerinnen.

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