Weis Industries in Waiblingen: Ein vernichtender Verdacht

Durchgehend im Art-déco-Stil gehalten: die Firmenzentrale von Weis Industries in Waiblingen.
Frank EpplerWaiblingen - Die einstige Firmenzentrale von Weis Industries ist immer noch ein Hingucker. Monumental thront sie auf einem Hügel hoch über Waiblingen-Neustadt, mit den schmucklosen Nachbarbauten in dem Gewerbegebiet hat sie wenig gemein. Ein pompöses Portal über alle vier Etagen, abgerundete Ecken, kreisrunde Fenster, ein Dachaufbau mit viel Glas – die Art-déco-Architektur ist konsequent durchgehalten, auch in Details wie dem Schriftzug „Weis House“ über dem Eingang und den Gravuren auf den Aufzugtüren. Am Material wurde nicht gespart, zum Einsatz kamen Edelstahl und weißer Marmor. Besonders aufwendig war die Illuminierung: Umlaufende Neonröhren ließen das Gebäude im Dunkeln leuchten wie ein modernes Märchenschloss, weit strahlte das geflügelte „W“ in die Nacht hinaus.
Eigentlich passte die Zentrale nie so ganz zu einem Mittelständler, der sein Geld als grundsolider Industrieausrüster verdiente. Umwelttechnik für Fabrikhallen, Filteranlagen, Heizung und Sanitär – das versprühte wenig Glamour. Doch der Sohn des Firmengründers Edmund Weis, Alexander Weis, war „schon lange dem Art-déco-Stil verfallen“. Zehn Tage reiste er mit einem Architekten durch Amerika, um Anregungen zu sammeln. Dann entstand, 2001, das „Weis House“. Gelungen sei „ein perfektes Kunstwerk“, schwärmte der Bauherr, der ursprünglich sogar dort wohnen wollte. Es blieb bei einem privaten Schwimmbad im dritten Stock, mit Glasmosaikfliesen, Panoramafenstern und bester Aussicht ins Grüne. Gleich hinter dem Chefbüro führten ein paar Treppenstufen zum Pool.
Sang- und klanglos endet die Geschichte des Unternehmens
Heute ist das Wasser abgelassen, an dem Art-déco-Schreibtisch arbeitet niemand mehr. Die nächtliche Beleuchtung des Gebäudes wurde längst abgeschaltet, man muss Strom sparen. Auf dem Parkplatz verlieren sich nur noch wenige Autos. Der sorgsam gestylte Empfang ist neuerdings unbesetzt, an der Tür hängt ein Zettel, dass man klingeln möge. Besucher für die Geschäftsführung empfängt nicht mehr Alexander Weis, ein jungenhafter Mittvierziger mit markantem Backenbart, sondern Martin Mucha, ein freundlicher, unaufgeregter Rechtsanwalt aus der Stuttgarter Kanzlei Grub Brugger. Seit die hochverschuldete Holding der inzwischen zu „Ecoplant“ umfirmierten Firmengruppe im Mai Insolvenz anmelden musste, ist er als Insolvenzverwalter eingesetzt.
Zunächst setzte Mucha alles daran, den Geschäftsbetrieb zu stabilisieren. Die laufenden Aufträge wurden so gut wie möglich abgearbeitet. Kunden und Lieferanten galt es bei der Stange zu halten. Nun ist er dabei, teils in Deutschland, teils international Käufer für die zukunftsfähigen Firmen zu finden – und die anderen abzuwickeln. Wenn er seine Mission vielleicht in einigen Wochen beendet hat, wird von Weis Industries/Ecoplant nichts mehr übrig sein. Sang- und klanglos endet dann nach mehr als fünfzig Jahren die Geschichte des Unternehmens, das in seinen besten Zeiten 500 Mitarbeiter beschäftigte.
Kein schleichender Niedergang, sondern ein abrupter
Es war kein schleichender Niedergang, sondern ein ziemlich abrupter – ausgelöst durch einen Korruptionsverdacht, der bis jetzt freilich nicht bewiesen ist. Das macht den Fall auch für Mucha zu einem „Lehrstück“: einem Lehrstück darüber, welchen Stellenwert heute eine saubere Unternehmensführung hat und welch fatale Folgen schon Zweifel daran auslösen können. Zugleich geht es um die Fragen, wie hart Konzerne wie Daimler in Zeiten verschärfter Compliance-Standards auf mögliche Verstöße von Geschäftspartnern reagieren sollen, ob die Justiz nicht zu lange braucht, um Vorwürfe zu klären, und welche Chance eine Firma noch hat, wenn Ermittlungen erst mal öffentlich werden.
Bis vor drei Jahren war aus der Sicht von Alexander Weis „alles in bester Ordnung“. Weis Industries sei ein „gesundes, dynamisches und wirtschaftlich erfolgreiches Unternehmen“ gewesen, man habe zuverlässig Steuern gezahlt und regelmäßig einen sechsstelligen Betrag gespendet – an Sportvereine, einen Gospelchor oder SOS Kinderdorf. „Der Wunsch, immer besser zu sein als der Wettbewerb, war tief im Unternehmen verankert“, sagt der einstige geschäftsführende Gesellschafter. Bei Kundenbewertungen habe man stets Bestnoten erhalten, für Talente sei Weis Industries ein attraktiver Arbeitgeber gewesen.
Ebenso wichtig war es laut Weis, „menschlich, sachlich und ethisch einwandfrei zu handeln“. Die Ethikregeln wurden auf der Internetseite offensiv herausgestellt: Selbstverständlich befolge man „überall in der Welt“ die Gesetze, auf Geschäfte, die nur mit Korruption zustande kämen, verzichte man lieber. Als leuchtendes Vorbild erschien die Firma sogar in einem Buch über „mittelständische Vorreiter ethischen Handelns“. Herausgeber: der Fernseh-Grandseigneur Ulrich Wickert.
Dazu passte es so gar nicht, was ein Insider etwa zur gleichen Zeit dem Daimler-Konzern steckte: Bei dessen Aufträgen an Weis Industries gehe es nicht mit rechten Dingen zu, man solle doch mal genauer hinschauen. Das taten die Prüfer des Unternehmens, bei dem für Compliance – also Regeltreue – seit 2011 sogar eine eigene Vorstandsfrau zuständig ist. Sie sahen die Vorwürfe erhärtet und schalteten die Staatsanwaltschaft Stuttgart ein. Seither wird dort wegen Bestechung und Bestechlichkeit im geschäftlichen Verkehr ermittelt, gegen Alexander Weis einerseits und mehrere Daimler-Angestellte samt einer Ehefrau andererseits. Der Verdacht: bei Daimler sei Weis Industries gegenüber anderen, günstigeren Anbietern bevorzugt worden, die zuständigen Mitarbeiter hätten überhöhte Angebote und folglich auch Rechnungen akzeptiert. Dafür sollen sie belohnt worden sein, unter anderem auf dem Umweg über Aufträge für eine Werbeagentur, die einst der Ehefrau des zuständigen Daimler-Projektleiters gehörte.
Die Vorwürfe wiesen Weis und seine Anwälte stets zurück: Es handele sich um eine „gezielte Anschwärzungs- und Verleumdungskampagne“ eines früheren Mitarbeiters, alles werde sich rasch aufklären. Schwerer als die Strafanzeige traf das Unternehmen die andere Konsequenz des Autokonzerns: Er verhängte eine Auftragssperre für Weis Industries, so lange, bis dort „Fehlverhalten dauerhaft auszuschließen“ sei. Damit brach über Nacht der größte Kunde weg, 30 Millionen Euro Jahresumsatz und 120 Arbeitsplätze gingen verloren. Es war der Anfang vom Ende.
Seit bald drei Jahren wird ermittelt
Heute sieht Weis darin eine „nach rechtsstaatlichen Kriterien kaum haltbare vorverurteilende Praxis“. Viele Unternehmen in der Region könnten durch eine solche Sperre in Existenznot geraten und hätten „nicht die geringste Chance, sich gegen die Vorwürfe zu wehren“. Auf eine frühere Frage der StZ, ob die Sanktion nicht zu drakonisch sei, hatte es von Daimler keine Auskunft gegeben; zu laufenden Verfahren könne man sich nicht äußern. Mit den eigenen Leuten ging der Autokonzern offenbar etwas nachsichtiger um: Der beschuldigte Projektleiter blieb lange auf seinem Posten, erstaunlich lange für Insider. Erst seit einer Weile ist er offenbar abgelöst. „Der arbeitet nicht mehr hier“, erfährt man bei einem Anruf unter seiner Durchwahlnummer.
Neben der Daimler-Sperre macht Weis das „lange Ermittlungsverfahren“ und die Medienberichte darüber mitverantwortlich für die Insolvenz. Alles zusammen habe zu „massiven Auftrags- und Umsatzeinbrüchen“ geführt und das Verhältnis zu den Finanzierungspartnern belastet. Schon vor Jahr und Tag hatten seine Anwälte bei der Staatsanwaltschaft auf einen raschen Abschluss gedrungen, die Situation sei für das Unternehmen „existenziell bedrohlich“. Doch nach bald drei Jahren wird immer noch ermittelt. Zum Jahresende, sagt eine Sprecherin, wolle man fertig werden. Den Vorwurf der Verzögerung lässt sie nicht gelten: Immer wieder hätten die Anwälte von Weis neue Behauptungen vorgebracht, die man gewissenhaft prüfen müsse. Das brauche eben seine Zeit. Intern geben sich die Staatsanwälte ziemlich sicher, am Ende nicht mit leeren Händen dazustehen. Über Schuld oder Unschuld entscheidet dann irgendwann ein Gericht.
Mitbestraft fühlen sich schon jetzt viele der Mitarbeiter, die im Zuge des Niedergangs ihren Job verloren haben. Das Betriebsklima sei „nicht das schlechteste“, die Identifikation mit dem Unternehmen entsprechend hoch gewesen, erkannte der Insolvenzverwalter Mucha. Blättert man durch alte Ausgaben der opulent gestalteten Firmenzeitschrift „Weis-Zeit“, erscheint die Belegschaft als große Familie. Zu den Höhepunkten des Jahres zählte die Firmen-Fußballmeisterschaft, an der auch der Chef im Sportdress teilnahm. Bei den Mitarbeitern spürt Mucha denn auch eine große Betroffenheit, er müsse „viel erklären“. Manche suchten „einen Schuldigen“ dafür, dass es ihre Firma nicht mehr gebe.
Der eine oder andere sieht ihn in jenen Ex-Kollegen, die als Tippgeber von Daimler gelten. Seit Monaten erhalten diese anonyme Briefe, in denen sie übel beschimpft und bedroht werden. Tenor: nun hätten sie die Firma also erfolgreich ruiniert, aber dafür könnten sie und ihre Familien sich nie mehr sicher fühlen. Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft Ermittlungen aufgenommen, um den Urhebern der Drohbriefe auf die Spur zu kommen. Die Glaubwürdigkeit ihrer Zeugen scheint sie hoch einzuschätzen: Ein Verfahren wegen Falschaussage, das Weis’ Anwälte gefordert hatten, wurde nicht aufgenommen.
Zu spät kam nach Muchas Einschätzung der Versuch, das Unternehmen durch radikale Konsequenzen zu retten: 2012 zog sich Alexander Weis aus allen Führungsämtern zurück, die gesamte Gruppe wurde in Ecoplant umgetauft – der belastete Familienname sollte verschwinden. So werde die Firma „zu alter Stärke zurückfinden“, hoffte der Chef. Auch für ihn sei „diese Zeit nicht einfach“, schrieb er in seinem Abschiedsbrief, die Zusammenarbeit habe ihm „immer viel Freude bereitet“. Leider, bilanziert er heute, „haben alle diese Maßnahmen nichts erreicht“. Die öffentliche Verbreitung des Verfahrens habe die Verhandlungsposition des Unternehmens zusätzlich geschwächt, „insbesondere gegenüber unseren Finanzierungspartnern“. Am Ende kündigte auch die Hausbank, die Kreissparkasse Waiblingen, die Kreditlinie. Dort will man sich wegen des Bankgeheimnisses nicht näher äußern.
Ein anderes Institut, Ellwanger & Geiger, ist derweil mit der Verwertung der Firmenzentrale beauftragt. Auf Immobilienportalen im Internet wird das „Weis House“ gleichzeitig zum Verkauf und zur Vermietung angeboten. „Luxus“ ist als Qualität der Ausstattung angegeben, „neuwertig“ als Erhaltungszustand. Es handele sich um ein „aufwendig gestaltetes Büroobjekt“ mit „unverwechselbarer Ausstrahlung“. Der Kaufpreis: 4,9 Millionen Euro.
