Winterferien-Tipps im Rems-Murr-Kreis
: Das Stadtgedächtnis als bunte Schau

Was tun in den Winterferien? Wir haben für jeden Tag einen Ausflugstipp parat. Heute: Das Haus der Stadtgeschichte in Waiblingen präsentiert – gegliedert in Themenbereiche – die Geschichte und Entwicklung der Stauferstadt und erzählt auch Geschichten von Menschen aus Waiblingen.
Von
Eva Herschmann
Rems Murr Kreis
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Kristina Kraemer im Raum, der von der „Stadt des guten Tons“ erzählt.

Eva Herschmann

Hinter den historischen Fachwerkmauern des Hauses in der Weingärtner Vorstadt in Waiblingen ist die Stadtgeschichte gegenwärtig – von der Römerzeit bis heute. Die Dauerausstellung ist in Themenbereichen gegliedert. Die Kapitel heißen „ Herrschaft und Verwaltung“, „Maschine und Massenprodukt“ oder „Waiblingen weltweit“. Und nicht nur auf die kleinen Besucherinnen und Besucher wartet derzeit zudem eine Druckwerkstatt, in der sie sich auf die Spuren von Johannes Gutenberg begeben können.

Das Haus selbst ist ein eindrucksvoller Zeitzeuge

Kristina Kraemer, die Leiterin des Hauses der Stadtgeschichte, schätzt sich glücklich, in solch einer Kulisse ihren Arbeitsplatz zu haben. Das stattliche Haus der Stadtgeschichte, schräg gegenüber der Kunstgalerie Stihl, beherbergt schließlich nicht nur Exponate aus der Vergangenheit der Stauferstadt, sondern ist selbst ein eindrucksvoller und charakteristischer Zeuge der Waiblinger Geschichte. Das „Große Haus an der Rems“, wie es bei den Waiblingern hieß, ist das älteste noch erhaltene weltliche Gebäude der Stadt. „Es wurde um 1550 über zwei Vorgängerbauten gebaut und hat den verheerenden Stadtbrand von 1634 überstanden“, sagt Kristina Kraemer.

Sie findet es bemerkenswert, dass es die „Nummer 20“ überhaupt bis in diese Zeit geschafft hat. Als es die Stadt 1983 erworben habe, sei das heutige Fachwerkjuwel, das als Wohnhaus genutzt worden war, schon halb verfallen gewesen. Sogar der Abriss des historischen Hauses habe gedroht. Zum Glück seien Pläne, hier Wohnungen zu verwirklichen, nicht weiter verfolgt worden, so die 34-jährige Museumsleiterin. Stattdessen wurde das alte Gemäuer zwischen 1987 und 1990 saniert und 1991 als Museum der Stadt Waiblingen, wie es damals hieß, eröffnet. Seit 2014 dient es mit der jetzigen Konzeption als „Haus der Stadtgeschichte“. „Ich hoffe, dass das Haus weitere 475 Jahre vor sich hat“, sagt Kristina Kraemer. Sie freut sich auf die Sonderausstellung im neuen Jahr, die unter der Überschrift „Nummer 20. 475 Jahre Großes Haus“ dessen Vergangenheit und die seiner Bewohner und Nachbarn beleuchten wird.

Auch im alten Gewölbekeller sind Exponate ausgestellt.

Foto: Eva Herschmann

Beim multimedial animierten Stadtmodell streikt gerade die Technik. Doch auch ohne computergenerierte Spezialeffekte gibt es im Haus Spannendes über die Geschichte Waiblingens und seiner Bewohnerinnen und Bewohner zu entdecken. Viele der im Haus der Stadtgeschichte ausgestellten Gegenstände bewahren ein besonderes Stück Stadtgeschichte und sind bedeutsam für das Stadtgedächtnis.

Einige Exponate erzählen auch besondere Geschichten von und über Waiblinger Menschen, illustrieren deren Denken und Handeln oder belegen deren Schicksal. Das Festtagsgeschirr von Bertha Kahn fällt in diese Kategorie. Die 61-jährige Witwe war 1941 die letzte noch in Waiblingen lebende Jüdin, und das silberne Geschirr ist das einzige gegenständliche Zeugnis ihres langen Lebens in Waiblingen, das im Lager Jungfernhof bei Riga endete.

Der Waiblinger Rolf Götze, damals 82 Jahre alt, hatte das Geschirr 2011 beim Sortieren des Nachlasses seiner Mutter entdeckt. Ihm fiel sofort die „kleine Frau mit grauen Haaren“ ein, die immer schwarz gekleidet war und ihn, als er noch ein Bub war, oft Vokabeln abgefragt hatte. Und er erinnerte sich auch daran, dass seine Mutter ihm erzählt hatte, dass es ihr von Bertha Kahn vor deren Zwangsdeportation übergeben wurde mit den Worten: „Damit es den Häschern nicht in die Hände fällt.“

Die Ziegelherstellung ist ein Teil der Waiblinger Geschichte

In jedem Raum steckt ein neues Stück Waiblinger Stadtgeschichte. Dazu gehört zweifelsohne auch die Ziegelherstellung. Auf die reichen Lehmvorkommen in der Gegend wurden schon die Römer aufmerksam und brannten in den Feuern der Töpferöfen Gefäße für den alltäglichen Gebrauch. Auch nachfolgende Generationen nutzten den Ton, um Gebrauchskeramik und Ziegel herzustellen. Mit der Industrialisierung entstanden tonverarbeitende Firmen, die auf innovative Produkte eigene Patente anmeldeten. Eines davon ist der Schofer-Kamin-stein. 1906 begann die Ziegelei Schofer mit der Fertigung der Kaminsteine, die sich zu mehrzügigen Rauch- und Entlüftungskamine zusammensetzen ließen. Um 1910 war die „Aktiengesellschaft Dampfziegelei Waiblingen“ die größte württembergische Ziegelei in der „Stadt des guten Tons“. Und das ist nicht das einzige Produkt, das von Waiblingen aus die Welt erobert hat – und selbstverständlich finden sich auch die Erfolgsgeschichten von Unternehmen wie Stihl oder Kaisers Brust Karamellen im Haus der Stadtgeschichte wieder.

Von den hohen Schornsteinen der ziegelproduzierenden Betriebe, die einst das Stadtbild prägten, ist indes nichts mehr zu sehen. Doch das war wohl nicht gemeint mit dem Spruch „Früher war mehr Lametta“, der an die Wand der Druckwerkstatt im Eingangsbereich hängt. „Kulturgeschichte zum Ausprobieren“ ist das Gemeinschaftsprojekt mit der Kunstschule Unteres Remstal betitelt, und nicht nur Kinder können sich spielerisch und kreativ mit Drucktechniken vom Stempel bis zur Presse beschäftigen. Die gut laufende Werkstatt sei noch bis einschließlich Sonntag, 19. Januar, geöffnet, erzählt Kristina Kraemer. „Danach brauchen wir den Platz für die Sonderausstellung rund um unser Haus.“

Kunst und Kultur

Haus der Stadtgeschichte
Führungen im Haus der Stadtgeschichte können über die Kunstvermittlung, Telefon 07151 5001-1701, oder per E-Mail an kunstvermittlung@waiblingen.de gebucht werden. Die maximale Gruppengröße beträgt 15 Personen. In den Wintermonaten gibt es regelmäßig eine Taschenlampenführung für Kinder von sechs Jahren an, in Begleitung von Erwachsenen. Auskunft erteilt die Kunstvermittlung, Telefon 07151 5001-1701.

Galerie Stihl
Noch bis zum 2. März ist die Ausstellung „Ein Fest für die Augen! Essen in der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts“ zu sehen. Geöffnet ist dienstags bis sonntags von 11 Uhr bis 18 Uhr, donnerstags von 11 Uhr bis 20 Uhr. Erwachsene bezahlen 6 Euro, ermäßigt (Studierende, Menschen in Rente, Schwerbehinderte, Stadtpass-Inhaber, Teilnehmende an Gruppenführungen, ab Januar 2025 Inhaber der artCard) 4 Euro, Kinder bis 16 Jahre haben freien Eintritt, und das gilt für alle Besucher an Freitagen von 14 Uhr bis 18 Uhr. www.galerie-stihl-waiblingen.de.

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