25 Jahre nach 9/11
: „Wo ist der Papa?“ – So dramatisch erlebten Stuttgarter die Anschläge in New York

Am 11. September 2001 änderte sich alles, auch für Familien aus der Region. Vom abgebrochenen Kinderfest bis zur Notlandung im Nirgendwo – diese Augenblicke bleiben für immer präsent.
Von
Eberhard Wein
Stuttgart
25 Jahre nach dem 11. September 2001: ARCHIV - 14.09.2001, USA, New York: HANDOUT - Ein New Yorker Feuerwehrmann fordert weitere Rettungskräfte auf, sich einen Weg in die Trümmer des World Trade Center in New York City zu bahnen, (Nur für redaktionelle Zwecke) (zu dpa: «Wenn Helfer Jahre später erkranken – Die Folgen von 9/11») Foto: Preston Keres/U.S. Navy/dpa - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung und nur mit vollständiger Nennung des vorstehenden Credits +++ dpa-Bildfunk +++

Vor 25 Jahren starben Tausende Menschen in New York.

Preston Keres/U.S. Navy/dpa
  • Bürger aus der Region Stuttgart schildern persönliche Erinnerungen an den 11. September 2001.
  • Eine Frau hörte im ICE live vom zweiten Einschlag und fühlte sich New York stark verbunden.
  • Ein Kind verlor an dem Tag seinen 5. Geburtstag – später überwog Mitgefühl für Betroffene.
  • Flüge wurden umgeleitet: Notlandung in Neufundland, gesperrter Luftraum, große Hilfsbereitschaft.
  • Familien bangten um Angehörige in New York – Erleichterung nach Kontakt, Dankbarkeit bleibt.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Nicole Niebling sitzt im ICE von Hannover nach Stuttgart. Sie hört Kassetten, dann wechselt sie aus Langeweile zum Radio. Ihr Walkman kann das. Sie ist live dabei, wie ein Sprecher berichtet, dass in diesem Moment ein Flugzeug in den zweiten Turm hineinfliegt. „Es folgten weitere für mich kryptische Dinge. Ich dachte, es ist ein Hörspiel.“ Erst allmählich wird ihr klar, was da soeben passiert ist. Nicole Niebling trifft es ins Mark. An Politik denkt sie zunächst gar nicht. Ganz persönlich fühlt sich sie getroffen. „Da sind in meinem New York Flugzeuge in mein World Trade Center gekracht!“

So wie Nicole Niebling aus Stuttgart – damals Ende 20 – geht es vielen Menschen in der Region Stuttgart. Die Anschläge auf das World Trade Center vom 11. September 2001 haben die Welt verändert, aber auch viele Menschen in der Region Stuttgart ganz persönlich berührt. Kaum einer, der sich nicht daran erinnern kann, wie er von dem unfassbaren Ereignis erfahren hat.

Zahlreiche New-York-Besuche – bis zu den Anschlägen

Wir haben unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, uns ihre Erinnerungen an diesen Tag mitzuteilen, viele haben uns geschrieben. So wie Nicole Niebling, die nach dem Abitur 1992 ein Jahr als Au Pair in Summit, New Jersey, verbracht und sich dabei in New York verliebt hat. Jährlich habe sie die Stadt besucht und die Aussicht vom WTC genossen. Mit den Anschlägen von 2001 hat das ein Ende. „Ich konnte da einfach nicht mehr hinfliegen.“

Virginie Fahrner war erst fünf Jahre alt, als die Zwillingstürme in New York in sich zusammenfielen. Das heißt, sie wurde an diesem Tag fünf. Alles bereitete sich auf eine schöne Feier vor. „Mein Vater hatte extra frei genommen für Kaffee, Kuchen und Geschenke auspacken.“ Der Anruf einer Tante riss die Familie aus der Feierlaune. Fassungslos saßen alle vor dem Fernseher, „mein 5. Geburtstag war Geschichte“.  Ihr Verständnis dafür sei damals überschaubar gewesen, gibt Virginie Fahrner zu, „zumal die Erwachsenen Mühe hatten, uns Kindern den Vorfall zu erklären.“ Unfassbar unfair sei ihr das damals vorgekommen, „aber heute gilt die Wehmut und das Mitleid den Betroffenen“.

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Flugzeug nach Atlanta landet in Neufundland

Thomas Weimann saß damals in einem Flugzeug von Stuttgart nach Atlanta. Als noch relativ junger Anwalt hatte der Stuttgarter dort geschäftlich zu tun. Mitten über dem Meer sei die Maschine dann ohne Erklärung in den Sinkflug übergegangen. Später erklärte der Kapitän, dass der Luftraum über den USA gesperrt sei. Stattdessen landete er auf einem Provinzflughafen in Neufundland. „In Schulbussen wurden wir in den kleinen Ort Gambo gebracht.“ Erst dort sahen die Passagiere die schrecklichen Bilder aus New York, erlebten aber auch große Hilfsbereitschaft der kanadischen Bevölkerung. In kürzester Zeit wurden Essen, Seifen, Deos und Rasierer bereitgestellt. „Es war ein surreales Erlebnis.“

Auch Dieter Lippold aus Stuttgart-Hoffeld erlebte die Auswirkungen des 11. September recht direkt. Mit einem Kollegen sei er zu Inspektionsarbeiten in einem Zementwerk in Vancouver gewesen. „Der Rückflug war für den 11. September gebucht, weil der Kollege  unbedingt bei der Einschulung seines Sohnes dabei sein wollte.“ Während Lippold noch auf die Abfahrt zum Flughafen wartete, sah er auf einem Fernseher die Bilder von den Anschlägen. „Ich dachte noch, was ist das für ein reißerischer Film.“ Dann erkannte er, dass es eine Liveschaltung war. „Oh my God“, sei der häufigste Ausruf gewesen. „Das werde ich wohl nie mehr vergessen.“ Aus dem Heimflug wurde erst einmal nichts. Der Luftraum blieb gesperrt. „Es herrschte fast gespenstische Stille“, doch „die Luft war völlig klar und rein wie nach einem Gewitter“.

„Wo ist der Papa?“

„Wo ist der Papa?“ Mit dieser Frage ihrer Tochter wurde Anne Gräfin Vitzthum aus Weinstadt an jenem Tag zu Hause empfangen. Weinend sei die 23-Jährige damals vor ihr gestanden. Der Vater war zu geschäftlichen Terminen für ein großes schwäbisches Unternehmen in New York. Doch die Versuche, telefonischen Kontakt aufzunehmen scheiterten zunächst. Mit weichen Knien ging die Ärztin zu ihrer Abendsprechstunde. „Ich habe eine Kerze ins Fenster gestellt.“ Dann gab es endlich Entwarnung, und nach einer Woche war er schließlich daheim. „Dankbarkeit für doppeltes Glück.“ Denn die Tochter war eine Woche vor den Anschlägen auch in New York gewesen – und auf der Aussichtsplattform gestanden.

Anja Neupert arbeitete an dem Tag für das Garten- Friedhofs- und Forstamt Stuttgart. Ein Kollege informierte sie über die Geschehnisse in New York. „Erst abends im Fernsehen wurde uns dann das volle Ausmaß der Katastrophe bewusst“, schreibt sie. Einige Zeit nach den Anschlägen war ihre amerikanische Tante zu Besuch. Ihr Ehemann war Bauunternehmer und half bei den Aufräumarbeiten. Er brachte ihnen einen Bolzen aus den Trümmern mit, den Neupert heute noch als Erinnerungsstück aufbewahrt.

Ein verbogener Bolzen aus den Trümmern des WTC.

Ein verbogener Bolzen aus den Trümmern des WTC.

Anja Neupert/privat

Ingrid Wolff aus Leonberg erfuhr von den Anschlägen im Bethesda Krankenhaus. Dort wartete sie auf eine Knieoperation, die für den nächsten Tag geplant war. Zusammen mit ihrer Zimmerkollegin habe sie unter Tränen bis tief in die Nacht das schreckliche Geschehen am Fernseher verfolgt. „Jährlich am 11. September telefonieren meine damalige Zimmerkollegin und ich miteinander und erinnern uns, unter welch schlimmen Umständen wir uns kennengelernt haben“.