Abenteuer vor 50 Jahren: Gefährliche Expedition – wie fünf Jungs die legendären Bopserhöhlen entdeckten

Michael Huiss
Torsten SchöllWie kürzlich berichtet, hat die Stadt den größten Teil der sagenumwobenen Bopserhöhlen Ende vergangenen Jahres aus Sicherheitsgründen verfüllt. Die mehrere hundert Jahre alten unterirdischen Sandsteinhohlräume, die keinen natürlichen Ursprung haben, drohten wegen des ständigen Wassereinbruchs einzustürzen. Der über ihnen liegende Straßenraum im Bereich des oberen Bopserwegs und der Bopserwaldstraße sei gefährdet gewesen, hatte die Stadt erklärt.
Die Höhlen, aus denen einst Sand gewonnen wurde, waren 1939 im Zuge von Straßenbauarbeiten wiederentdeckt worden, ein zweites Mal 1979, nachdem sie nach dem Krieg erneut in Vergessenheit geraten waren. Diese jüngste Wiederentdeckung hatte vor fast fünf Jahrzehnten für viel Aufmerksamkeit in der Stadt gesorgt, weil es dieses Mal fünf abenteuerlustige Buben im Alter von gerade einmal 13 und 14 Jahren waren, die sich heimlich als Höhlenforscher betätigt hatten. Was die fünf Freunde erlebten, ist eine Abenteuergeschichte, wie sie sonst nur in Jugendbüchern vorkommt.
Einer der beteiligten Jungen, alle damals Schüler des Königin-Katharinen-Stifts, hat sich im Nachgang zu unserer Berichterstattung noch einmal an die Erlebnisse von vor 47 Jahren zurückerinnert. Michael Huiss ist heute Architekt und lebt mit seiner Familie in Sillenbuch. Dass sich die Geschichte heute wie ein Abenteuer aus der berühmten Jugendbuchreihe „Fünf Freunde“ liest, fällt auch Huiss sofort auf, als er zum ersten Mal wieder die Zeitungsartikel von damals zu Gesicht bekommt. Zwei Fotos zeigen darin den 13-Jährigen, wie er die Entdeckung für die Presse nachstellt.
Im Garten der Studentenverbindung Borussia war der Einstieg
„Wir haben alle in der Gegend gewohnt und waren jeden Tag im Freien unterwegs“, erinnert sich der inzwischen 60-Jährige. Einer dieser Streifzüge hatte die Jungs gegen Ende des Schuljahres in den großen Garten der Studentenverbindung Borussia am Bopserweg geführt. „Unerlaubt natürlich“, wie Huiss lächelnd anmerkt.
Beim Versteckspielen hatten sie einen abseits vom Verbindungshaus gelegenen, efeuumrankten Gartenpavillon entdeckt. Das alte Bauwerk war zugänglich und verbarg in seinem Inneren eine rund 80 Zentimeter dicke Röhre, die im Untergrund verschwand. Was sie da noch nicht ahnten: Sie hatten einen Zugang zur sagenumwobenen Bopserhöhle gefunden.

Michael Huiss 1979 vor dem Gartenpavillon
Foto: Kraufmann„Die Röhre war eng und roch nicht gut“, erzählt Huiss. Das hielt allerdings die Buben nicht davon ab, postwendend mit Taschenlampen hineinzukriechen. Auf der anderen Seite erkannten sie einen großen Hohlraum, der zum Teil mit Wasser gefüllt war. Was sie nicht wussten: Die gemauerte Röhre war während des Krieges Teil einer Entwässerungsanlage, die installiert worden war, damit der Höhlenraum den Bewohnern des darüber liegenden Gebäudes als Luftschutzkeller dienen konnte.
Wie es dann weiterging, überrascht noch heute: Denn das Abenteuer war damit nicht beendet, sondern nahm jetzt erst seinen Lauf. Die Entdeckung, von der sie den Eltern erst einmal nicht berichteten, elektrisierte die fünf so sehr, dass sie sich vornahmen, erst nach ausgiebigen Recherchen und einer gewissenhaften Vorbereitung erneut in die unheimliche Tiefe vorzustoßen.
Das Schlauchboot hatte ein kleines Loch
„Tatsächlich fand sich in der Stadtbibliothek ein Buch, das die Bopserhöhle beschrieb“, staunt Huiss noch heute. Bei dem Werk handelte es sich um eine anlässlich der ersten Höhlenentdeckung 1939 verfasste Publikation. Nun fehlten nur noch Seil, Feuerzeug und ein Schlauchboot, mit dem sie den Höhlensee erkunden konnten.
„Es war der letzte Schultag vor den Sommerferien“, erzählt Huiss. Kaum zuhause angekommen, schlichen sich die Jungs davon. „Mit dem Seil wollten wir zur Not das Boot wieder zurückziehen“, erzählt Huiss. Mit dem Feuerzeug prüften sie, ob in der Höhle Sauerstoff war. Huiss sicherte, nachdem sie zum zweiten Mal in die Höhle eingedrungen waren, am Seil zwei seiner Freunde, die das Boot bestiegen hatten.

Diese Zeichnung zeigt die damalige Höhle unter dem Hohen Bopser.
Foto: Archiv der Stadt Stuttgart„Uns war sehr mulmig zumute“, erinnert sich der 60-Jährige. In der rund 40 Meter tiefen Höhle erkannten sie unter anderem einen zugemauerten Eingang zum darüber liegenden Haus, mutmaßlich der Zugang aus Kriegszeiten. Lange habe ihr Aufenthalt in der Höhle nicht gedauert, erinnert sich Huiss, auch, weil das Boot ein kleines Loch hatte. „Wir wussten, dass es gefährlich war.“
In die Höhle durften die abenteuerlustigen Jungen nie mehr
Doch leichtsinnig, betont der Familienvater auch im Rückblick, seien sie nicht gewesen. „Es hatte einfach so sein sollen“, sagt Huiss. „Damals haben Kinder anders gespielt als heute.“ Und selbst die Eltern hätten „erstaunlich gelassen reagiert“, als alles bekannt wurde. In die Höhle zurück durften die fünf Freunde trotzdem nie wieder.