Abschied im Stuttgarter Theaterhaus
: Volles Haus fürs Pur-Musical – und ein Seitenhieb für die Branche

Die Auslastung für sechs Wochen Pur im Theaterhaus lag bei über 90 Prozent. Der Erfolg zeigt: Stuttgart liebt Musicals. Doch große Premieren gehen nach Hamburg.
Von
Uwe Bogen
Stuttgart

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Stuttgarter Zeitung

Stuttgart kann Musical – das hat die Stadt oft genug bewiesen. Aber manchmal braucht es einen kleinen Seitenhieb aus der eigenen Region, um daran zu erinnern.

Sechs Wochen lang hat die Pur-Show „Abenteuerland“ im Theaterhaus Stuttgart gezeigt, wie groß die Lust auf Pop-Musicals jenseits der üblichen Verdächtigen sein kann. Über 90 Prozent Auslastung, für die letzten Vorstellungen bis zu kommenden Sonntag nur noch vereinzelte Karten – eigentlich beste Voraussetzungen für eine Verlängerung. Doch daraus wird nichts. Der Spielplan lässt es nicht zu. Also endet nun ein Gastspiel, das auch noch hätte weiterlaufen können.

Goldene Schallplatte für Pur-Hit „Abenteuerland“ in Stuttgart

Kurz vor dem Abschied gab es noch einen symbolischen Höhepunkt. Die Band um den 64-jährigen Hartmut Engler bekam Gold für die Single „Abenteuerland“. Der Song gehört zweifellos zu den bekanntesten Titeln von Pur – auch wenn er 1995 zunächst nur einen mittleren Chartplatz erreichte. Das gleichnamige Album verkaufte sich über zwei Millionen Mal und machte die Band endgültig zu einer der erfolgreichsten deutschen Popgruppen.

Mehr als 30 Jahre später ist für die Single die Goldene Schallplatte nun nachgereicht worden – berechnet nach heutiger Währung: Streams und Downloads. Dass die Auszeichnung in Stuttgart überreicht wurde, bei ihrem Musical-Herzensprojekt, dürfte die Musiker besonders gefreut haben. Sie kommen schließlich aus Bietigheim, ganz aus der Nähe. Und seit 1993 gehört auch der Stuttgarter Cherry Gehring zur Band, der Mitte April nach Shanghai aufbricht, wo er im German Center auftritt.

Pur-Musical zieht 150.000 Fans an und tourt weiter

Mit rund 150.000 verkauften Tickets ist die Tournee des von ATG Entertainment produzierten Musicals ein Publikumsmagnet. Nach Stuttgart folgen Gastspiele in Basel, Dortmund, Oberhausen und Hannover. Und wer Pur live sehen will, kann sich schon den 18. Dezember vormerken: Dann spielt die Band in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle.

Der Erfolg von „Abenteuerland“ ist aber auch ein kleiner Kommentar zur Musicalpolitik der Stadt. Marktführer Stage Entertainment betreibt in Stuttgart zwei Häuser – das Stage Palladium Theater und das Stage Apollo Theater – hatte aber wenig Interesse an einem Pur-Musical. Nun konnte man im Theaterhaus beobachten, wie voll die Reihen Abend für Abend sind, am Wochenende dazu noch Nachmittag für Nachmittag.

Auf den Fildern läuft im Palladium das Queen-Spektakel „We Will Rock You“ – allerdings nur bis Ende August. Damit beträgt die zweite Stuttgarter Spielzeit des Musicals, das einst als Dauerbrenner galt, nicht mal ein Jahr. Doch die Stage braucht Platz für ein Stück, das in Hamburg überraschend stark lief: Im Herbst feiert das Jukebox-Musical „& Julia“ Stuttgart-Premiere im Palladium-Theater (genauer Termin steht nicht fest), während auf der anderer Seite der Mega-Erfolg „Die Eiskönigin“ von Disney im Apollo erneut in die Verlängerung geht.

Szene aus dem neuen Musical „Der Teufel trägt Prada“, das von London nach Hamburg wechselt.

Foto: Stage Entertainment

Überhaupt Hamburg. Wer wissen will, wohin sich die Musicalbranche bewegt, muss in den Norden schauen. Am deutschen Hauptsitz der Stage Entertainment starten in diesem Jahr gleich drei Shows, die alle auf Hits der Kinogeschichte beruhen. Den Anfang macht „Zurück in die Zukunft“ am 22. März im Stage Operettenhaus. Am 28. Oktober folgt das zuvor in Köln gespielte „Moulin Rouge“ (von der ATG Entertainment produziert wie „Abenteuerland“) im Theater am Großmarkt für „Harry Potter“. Und am 12. Dezember löst „Der Teufel trägt Prada“, der neue Knüller vom Londoner Wesend, in der Neuen Flora „Tarzan“ ab.

Stuttgart wartet auf Musical-Premieren aus Hamburg

Der Trend ist klar: Filmstoffe sind für Produzenten die sicherere Wette. Bekanntes Publikum, kalkulierbares Risiko. Und eines ist auch klar: Stuttgart kann bei den Trendstarts nur aus der Ferne zusehen. Stuttgart wartet. Wie so oft. Die großen Premieren kommen erst dann in den Süden, wenn sie in Hamburg bewiesen haben, dass sie funktionieren.

Dabei hat das Publikum in Stuttgart längst bewiesen, wie musicalverrückt es ist. Das Pur-Musical ist dafür ein ziemlich überzeugendes Argument und zeigt: Der Süden ist – allen Befürchtungen zum trotz – kein Risiko- und Abenteuerland für Musicals.

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