Andreas Türck: Das wundersame Comeback

So sieht Andreas Türcks neues Studio aus.
Kabel 1Stuttgart - Doch, es gibt ihn noch. Ein Klick, und man darf sich in der Illusion wähnen, man sei ihm ganz nahe, auf seiner Facebook-Seite. Er hat sich selbst mit einer Webcam gefilmt. Karohemd, Vollbart, ein Westernhut auf dem Kopf. Er klimpert etwas auf der Gitarre. Zwischen den Lippen klemmt sein neuestes Spielzeug, eine Mundharmonika. Ist das wirklich Andreas Türck?
Am Sonntag ist er zurück im Fernsehen, nach acht Jahren Sendepause. Dann moderiert er für den kleinen Sender Kabel 1 das Magazin „Abenteuer Leben.“ Es ist das Comeback des Jahres.
Türck, das war der Speedy Gonzales unter den Nachmittagstalkern. 1,89 Meter groß, zart-schmelzender Blick aus braunen Augen, schlagfertig. Ein Mann, nach dem sich Frauen umdrehten, nicht nur auf der Straße. „Andreas, ich will endlich wilden Sex“ oder „Andreas, ich will meine Nacktfotos zurück!“ – das waren Themen seiner Pro-Sieben-Show „Andreas Türck“, über die er mit seinen Gästen redete, 850 Mal, vier Jahre lang. Mehr als zwei Millionen Zuschauer sahen ihm dabei zu, wie er vor der Kamera aufdrehte, was man gelegentlich an tellerrunden Schweißflecken unter den Achseln erkannte. Die wurden sein Markenzeichen. Sein Kollege Stefan Raab hat sie später immer wieder in seiner eigenen Sendung eingeblendet, bei „TV Total.“ Den „Super-Sweater“, so nannte er Türck.
Die Anklage war auf Sand gebaut
2004 war Andreas Türck plötzlich vom Bildschirm verschwunden. Eine fiese Geschichte. Am Anfang stand der Vorwurf der Vergewaltigung. Eine 26-jährige Frau, die ihn nachts in einer Bar angesprochen hatte, behauptete, er hätte sie nach einem Ausflug in seinem Auto auf einer Brücke gezwungen, ihn oral zu befriedigen.
Die Anklage war auf Sand gebaut. Doch wer fragte nach der Wahrheit? Vor Gericht stand der „erotischste Mann Deutschlands“ („Amica“) in einer völlig neuen Rolle – als mutmaßlicher Sexualstraftäter. Diese Geschichte hatte alles, was ein Fortsetzungsdrama braucht. Sex, Lügen, einen prominenten Protagonisten – und das, was man eine Fallhöhe nennt.
„Wird er böse, wenn Frauen nicht wollen?“, fragte die „Bild“-Zeitung in gespielter Arglosigkeit. „So hat Türck mich vergewaltigt“, titelte das Blatt ein anderes Mal, diesmal ohne Fragezeichen. Auch die anderen Medien verbreiteten Details aus dem nicht-öffentlichen Teil des Prozesses. Die Klägerin ließ das zu, auf Anraten ihrer Therapeuten. Sie ahnte nicht, wem sie da nicht nur den angeblichen Vergewaltiger, sondern auch sich selber ausliefern würde. Den Medien. Es ging um Schlagzeilen, Auflagezahlen, Quoten. Man war geneigt, von einem Schauprozess zu sprechen.
Noch vor dem Urteil kündigte Pro Sieben seinem Moderator
Das Urteil war noch gar nicht gesprochen, da hatte der Sender Pro Sieben seinem ehemaligen Hoffnungsträger bereits gekündigt. Da stand der Moderator schon wie nackt in der Öffentlichkeit. Im September 2005 sprach ihn das Frankfurter Landgericht zwar mangels Beweisen frei. Und formell verließ er das Gericht als Gewinner. Faktisch hatte er aber alles verloren: seinen Job, sein Ticket für eine Karriere auf der Überholspur, seine Ehre.
Dementsprechend überrascht reagierte die Öffentlichkeit, als Kabel 1 im Oktober verkündete, Andreas Türck komme zurück auf den Bildschirm. Acht Jahre Sendepause waren eine lange Zeit, für das Fernsehen eine halbe Ewigkeit. Wer will den 44-Jährigen jetzt noch sehen? Schaut man sich die Kommentare auf seiner Facebook-Seite an, dann sind es zu 90 Prozent Frauen. Eine Carmen zum Beispiel bekennt dort, sie sei in den neunziger Jahren sogar nachts aufgestanden, nur um sich die Wiederholungen seiner Talkshow anzuschauen.
Auch die Medien stehen Schlange. Interviewanfragen laufen jedoch ins Leere. Es gibt auch keine Pressekonferenz. Herr Türck wünsche keinen „Presseaufschlag“, heißt es bei Kabel 1. Nicht einmal E-Mails werden beantwortet. Auch nicht die Frage, wie es die Pro-Sieben-Sat.1-Gruppe geschafft hat, ihren geschassten Moderator zur Rückkehr zu bewegen. Ein später Akt der Wiedergutmachung?
Finanziell hätte Andreas Türck dieses Engagement wohl nicht nötig. 2007 wurde er Gesellschafter von Pilot Entertainment, einer Firma, die Fernsehen für das Internet produziert. Das Unternehmen mit Sitz in Hamburg floriert. 200 Mitarbeiter, vier Büros in Deutschland. Türck ist der Motor der Firma, zuständig für die Kundenkontakte. Seiner Vertrauenswürdigkeit als Geschäftsmann hat offenbar weder der Gerichtsprozess noch die Berichterstattung darüber geschadet. Auf ihrer Homepage wirbt die Firma mit seinem Foto. Ernster Blick, das Haar streng gescheitelt, karierte Krawatte.
Interviews gibt er selten
Man fragt sich, wie Andreas Türck es geschafft hat, wieder auf die Beine zu kommen. Er selbst hat in einem der raren Interviews nach dem Freispruch einmal von einem „Albtraum“ gesprochen, von einer „riesigen Wunde“, von einer „menschlichen Katastrophe“, die er bis heute nicht überstanden habe.
Frank Behrendt, als PR-Vorstand der renommierten Hamburger Werbeagentur Fischer & Appelt auch für Krisen-PR zuständig, kennt ähnliche Schicksale aus seiner Praxis. Er sagt: „Nur zehn bis zwanzig Prozent der gefallenen Stars haben die mentale Stärke, um nach einem solchen Rückschlag wieder aufzustehen.“
Der Fall Türck liegt ähnlich wie der von Jörg Kachelmann, dem ARD-Wettermoderator. Auch er stand wegen des Verdachts der Vergewaltigung vor Gericht. Auch er wurde am Ende mangels Beweisen freigesprochen, in einem noch spektakuläreren Strafprozess. 43 Verhandlungstage, zehn Gutachter, mehrere Ex-Freundinnen als Zeugen – und unzähligen Medienberichte. Doch im Gegensatz zu seinem Kollegen dachte Kachelmann nicht daran, sich zurückzuziehen. Er stilisierte sich als Opfer der Justiz, schrieb ein Buch darüber und tingelte damit durch die Fernseh-Talkshows, Hand in Hand mit seiner 28 Jahre jüngeren Co-Autorin und frisch angetrauten Ehefrau Miriam.
In seinem neuen Magazin geht es um Alltagswissen
Schweigen oder mit der eigenen Geschichte hausieren gehen, was rät der PR-Stratege? Frank Behrendt sagt, weder der eine noch der andere Weg sei optimal. Im ersten Fall höre irgendwann keiner mehr zu. Kachelmann habe seine Chance auf eine Resozialisierung verspielt. Im Fall Türck bestehe die Gefahr, dass die Vergangenheit den Moderator wieder einhole.
Als Fallstricken mangelt es bei „Abenteuer Leben“ nicht. Es ist ein Magazin, das Alltagswissen als Unterhaltung verkauft, Um die Quote zu erhöhen, greift die Redaktion gerne zu schlüpfrigen Themen. Ungewöhnliche Sex-Orte, Männerfantasien, solche Sachen. Türck soll als „Presenter“ künftig selbst an Reportage-Orte reisen, so will es der Sender. Wie würde die Öffentlichkeit reagieren, wenn ihn der Job eines Tages in einen SM-Club führt?
Der PR-Fachmann Frank Behrendt sagt, man dürfe die Dynamik der sozialen Netzwerke nicht unterschätzen. Ein Shitstorm im Internet wäre nicht mehr zu kontrollieren. „Besser, er beantwortet die Fragen an ihn wenigstens einmal selber, bevor das wieder andere für ihn tun.“
Tatsächlich? Der Kölner Psychotherapeut und Bestsellerautor Manfred Lütz hat ein Buch darüber veröffentlicht, wie Medien die Realität verbiegen: „Bluff! Die Fälschung der Welt“. Er glaubt, dass Türck gut beraten war, einfach da weiterzumachen, wo er 2004 aufgehört hatte. Lütz sagt, der Fall Türck habe den Rechtsstaat auf eine harte Probe gestellt. Mit dem Comeback habe Andreas Türck all denen den Glauben an die Gerechtigkeit zurückgegeben, die unschuldig verurteilt wurden.