Angebot für Kinder in Stuttgart: „Mein Freund, der Störer“ – wie das Gemeinschaftserlebnis Sport zum Erfolg wurde

Ein Nationalspieler beim Gemeinschaftserlebnis Sport: Cacau kickt mit.
LichtgutEs ist eine Erfolgsgeschichte. Ohne Wenn und Aber. Das Gemeinschaftserlebnis Sport feiert seinen 30. Geburtstag. Was mit einem Vortrag des amerikanischen Geschichtslehrers Ron Jones begann, ist einzigartig und mittlerweile stilbildend fürs ganze Land.

Muhterem Aras kam zum Gratulieren vorbei.
Foto: frRon Jones? Sein Name ist nicht Allgemeingut, aber sein Werk ist es. Seine Forschungen anno 1967 an einer Schule in Kalifornien waren Grundlage für das Buch „Die Welle“, aus dem zunächst ein Theaterstück und mehrere Filme wurden. Er führte ein autoritäres Wertesystem bei seinen Schülern ein. Es hieß „Macht durch Disziplin“, „Macht durch Gemeinschaft“ und „Macht durch Aktion“. Er schuf damit ein Gruppengefühl, Geborgenheit, aber auch Systemfeinde und Außenseiter – und dann Erkenntnis. Die teilte er 1995 bei einem Vortrag in Stuttgart. Dort war man damals ratlos ob der Gewalt an Schulen. Zuständiger Bürgermeister war damals ein gewisser Wolfgang Schuster, später dann OB. Er sagte damals: „Man kann das Thema Gewalt in der Schule nicht isoliert sehen.“ Folglich könne man das Problem auch nicht allein den Lehrern überlassen, nicht den Eltern, der Polizei und dem Jugendamt – man müsse es gemeinsam lösen.
Sie sind an jeder Schule Stuttgarts
Was heute ellenlange Grundsatzdiskussionen auslöst, löste man damals nach dem Motto: Gesagt, getan. Der Sportkreis bekam von der Stadt eine Stelle finanziert, alle Partner samt Kultusministerium feilten am Konzept. Noch 1995 ward das Gemeinschaftserlebnis Sport (GES) aus der Taufe gehoben. Mittlerweile arbeiten für das GES 14 Hauptamtliche, 16 Werkstudenten und sechs junge Menschen, die ihr freiwilliges soziales Jahr absolvieren. Sie sind an jeder Schule in Stuttgart aktiv, machen 200 Angebote, 2200 Kinder und Jugendliche nutzen das – pro Woche.
Da darf man auch mal feiern. Die ersten Flyer bastelten sie von Hand, nun wurden sie im Rathaus geehrt. Die Kultusministerin Theresa Schopper schaute vorbei, auch Landtagspräsidenten Muhterem Aras. Sie lobt, dass das GES Räume für Kinder geöffnet habe, „Räume, in denen sie willkommen sind“. Räume, die es anderswo nicht gibt. Doch was heißt das denn konkret? Eine Fortbildung des GES für Pädagogen heißt „Mein Freund, der Störer“. Das zeigt schon, man braucht in diesem Job eine gewisse Robustheit. Oder wie es GES-Leiter Thomas Krombacher ausdrückt: „Man muss sich durchsetzen können.“ Und er weiß heute noch, wie er frisch von der Uni kam und ihm die Jugendlichen bedeuteten: „Wir machen hier die Regeln!“

Basketball im Stuttgarter Westen
Foto: LichtgutBeim GES muss man nicht Mitglied werden, da kann man kommen, zum Basketball, zum Tanzen, zum Fußball, zum Bewegen in welcher Form auch immer, auch mal um Mitternacht. Sport als Sozialarbeit war neu. Mittlerweile sind sie Träger des deutschen Integrationspreises, wie überhaupt die großen Begriffe schnell bei der Hand sind. Respekt, Integration, Kompetenz, Fair Play, Prävention, halt all das, was Soziologen auf Kinder und Jugendliche drauf werfen, die sich schwertun.
Wie läuft das in der Praxis?
Wenn Krombacher erzählt, fangen diese Begriffe an zu leben. Der Erstklässer, der Stühle aus dem Klassenzimmer wirft; der Zwölfjährige, der sich um die Geschwister kümmert, weil beide Eltern rund um die Uhr arbeiten müssen; die Grundschullehrerin, die um Hilfe ruft, weil sie die außer Rand und Band geratene Klasse nicht mehr unterrichten kann; der Junge, der sagt, ich mache das nicht, sonst kommt mein Vater mit dem Anwalt; die Kinder, die sich als „Opfer“ bezeichnen. Am eindrücklichsten ist die Geschichte, die er erzählt von einer seiner Stunden. Von 27 Jugendlichen hatte er 15 aus der Halle geschickt, weil sie gestört hatten, „da hilft nur ganz viel Klarheit“. Die anderen zwölf hatte er in einen Kreis geholt und wollte sie loben. „Die waren völlig verdattert und haben gefragt: Warum holen Sie uns zusammen? Was haben wir falsch gemacht?“ Wenn jemand sie anspricht, rechnen sie mit Kritik.
Viele dieser Kinder machen die Erfahrung: Ich bin nicht gut genug! Ich kann nichts! Sie empfänden sich als Versager, bekämen keine Anerkennung, kaum Lob. Und Aufmerksamkeit nur, wenn sie Rabatz machen. Nun ist der Sport kein Allheilmittel. Denn in seiner Logik ist er anders, betont Professorin Mone Welche von der Katholischen Hochschule Freiburg. In der Schule gebe es Noten, im Verein seien Leistung und Regeln wichtig. Die klassische Soziallehre hingegen betrachte Integration durch Sport nicht.
Insofern bewegt sich das GES auf Neuland. Immer noch. Peu à peu entstehen in Deutschland ähnliche Projekte, ermutigt vom Beispiel in Stuttgart. Wo man mal den Mut hatte, „Dinge neu zu denken“, wie Krombacher das nennt. Und hoffentlich den Mut hat, trotz schwindender Gewerbesteuern das GES weiter zu finanzieren. 430.000 Euro zahlt die Stadt pro Jahr als Grundförderung, hinzu kommt Unterstützung für einzelne Projekte. Und das muss man immer wieder aufs Neue beantragen. Es ist dies eben auch eine Wahrheit: Bei allem Engagement und Einsatz, es braucht auch regelmäßig und verlässlich Geld, um eine Erfolgsgeschichte zu schreiben.
