Ausstellung im Muse-o in Stuttgart
: Als der Stuttgarter Osten boomte

Stuttgart-Ost in den 1920-er Jahren - das ist das Thema einer gelungenen Ausstellung des Museumsvereins Ost, die einen Vieles in dem Stadtbezirk mit anderen Augen sehen lässt.
Von
Jan Sellner
Stuttgart
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Die 1926 erbaute und im Krieg zerstörte Stadthalle an der Neckarstraße. Im Hintergurnd: die Villa Berg und der Rosengarten. Links das Hotel

Die vor 100 Jahren erbaute und im Krieg zerstörte Stadthalle an der Neckarstraße. Im Hintergrund: die Villa Berg und der Rosengarten. Links das Parkhotel Silber

Archiv/Ulrich Gohl
  • Ausstellung im Muse-o: Der Stuttgarter Osten in den 1920er Jahren mit starkem Aufschwung.
  • Industrie, Textil und Autozulieferer prägten den Bezirk – Bevölkerung wuchs von 34.000 auf 44.000.
  • Neue Siedlungen, Schulen, Sportstätten und Kirchen entstanden, zudem Galerie in der Villa Berg.
  • Stadthalle für 10.000 Zuschauer existierte, brannte 1943 ab und wurde nicht wieder aufgebaut.
  • Begleitprogramm „Waldheime aller Farben“ am Samstag, 22. August, Start an der Geroksruhe.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Wohin in den Ferien? Wir empfehlen eine Reise in die 1920er Jahre! Die sind leichter zu erreichen, als man vielleicht denkt. Dazu muss man sich nur in die aktuelle Ausstellung des Museumsvereins Ost (Muse-o) in das alte Schulhaus in die Gablenberger Hauptstraße 130 begeben - schon steht man mitten in der Geschichte und stellt fest, dass einiges davon bis heute nachwirkt, anderes tatsächlich Vergangenheit ist.

„Der Stuttgarter Osten nimmt in jener Zeit einen ungeheuren Aufschwung“, sagt Ulrich Gohl vom Museumsverein Ost, der die Ausstellung gemeinsam mit Martin Ehmann, dem Vorsitzenden der Geschichtsinitiative Wangen, kuratiert hat. Das zeigt sich schon in der stark wachsenden Einwohnerzahl in dem Stadtbezirk, der sich zwischen dem Neckar und dem Frauenkopf erstreckt: 1919 lebten hier 34.000 Menschen, 1932 waren es schon 44.000. Der Osten, so beschreibt es Gohl, „wird in jener Zeit zu einem bedeutenden Industriestandort. Wichtige Firmen kommen hierher, blühen auf oder werden hier gegründet, schaffen Arbeitsplätze und Innovationen.“

Treiber dieser dynamischen Entwicklung sind die Textilindustrie und Autozulieferer. Das erfordert zusätzlichen Wohnraum. Zwischen den alten Ortskernen Berg, Gablenberg und Gaisburg verdichtet sich das Leben, neue Siedlungen werden gebaut, die Infrastruktur wird modernisiert und hat mit der Neckarkanalisierung ein zentrales Ürojekt.

Auf acht Stadtplänen kann man die Veränderungen nachvollziehen

Gleichzeitig entstehen Schulen mit reformpädagogische Ansätzen. Neue Sportstätten tragen dem sich entwickelnden Massensport Rechnung. Auch das religiöse Leben erlebt eine Wachstumsphase, ablesbar an kirchlichen Waldheimen und zwei neuen katholischen Kirchen im Osten, der Herz-Jesu-Kirche (1921) und der Heilig-Geist-Kirche (1930). Dazu kommt noch die evangelische Lutherhaus-Kirche (1928). Kulturell bedeutend ist der Einzug der ersten städtischen Galerie in die Villa Berg (1925) und der Bau der Sternwarte auf der Uhlandshöhe (1922). Einer Idee der Ausstellungs-Gestalterin Inken Gauken folgend, lässt sich der Boom im Osten auf acht thematisch sortieren Stadtplänen nachvollziehen.

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Muse-o Kurator Ulrich Gohl in der Ausstellung "Die Zwanziger Jahre im Stuttgarter Osten"

Muse-o Kurator Ulrich Gohl in der Ausstellung über die Zwanziger Jahre im Stuttgarter Osten.

Jan Sellner

Buchstäblich verknüpft sind diese Karten mit historischen Abbildungen und kleinen Ausstellungsobjekten, die für in Vergessenheit geratene Industriegeschichte des Stadtbezirks stehen. Einige der Firmennamen sind bekannt, die meisten jedoch durch die spätere „Deindustrialisierung“ verschüttet: die Eva-Korsettfarbrik, Bachenheimer & Stern, die Strickwarenfabrik Paul Kübler & Co. und die Süddeutsche Feinwäsche waren namhafte Textilunternehmen. Im Bereich Auto fallen die Kühler-Produzenten Längerer & Reich ins Auge oder die nur kurzlebige Rennwarenfabrik Turbo-Motoren AG, die mit ihren Wagen immerhin beim Solitude-Rennen 1924 erfolgreich war.

Einige Unternehmen haben überdauert, darunter die Firma Oelheld, die Spezialöle herstellt, heute ein „Hidden Champion“. Verblichen ist dagegen der Ruf anderer Branchen und Unternehmen, die vor 100 Jahren im Osten wichtig waren. Die Feinkostkonservenfabrik Paul Schweikert ist zu nennen, die Chemisch-phamazeutische Fabrik Bika oder die Nafi-Nafi-Zigarettenfabrik.

Wer sich auf diese Zeitreise einlässt, wird mit vielen kleinen und großen Entdeckungen belohnt. Unmöglich, die Ausstellung zu verlassen, ohne einen persönlichen Erkenntnisgewinn mitzunehmen. Sei es die Geschichte von der Schwabengarage, die nach dem Ersten Weltkrieg zunächst ein kommunaler Betrieb war, der defekte Militärfahrzeuge für städtische Zwecke reparierte. Sei es die Begegnung mit der von dem früheren Münzinspektor Adolf Fischer gegründeten Württembergischen Gold- und Silberwarenfabrik. Für die Ausstellung des Museumsvereins hat seine Enkelin einen Flakon aus vergoldetem Silber bereitgestellt.

Beim Rundgang durch die Zwanziger Jahre im Osten wird schnell klar: „Jedes Ausstellungs-Schildle ist ein Gschichtle“, wie Ulrich Gohl sagt. Sein „Lieblingsgschichtle“ ist allerdings noch gar nicht erzählt. Es handelt von einer postkartengroßen Zeichnung des Trickfilmpioniers Rudi Klemm mit der Aufschrift „Aus dem Gaisburger Revolutionsmuseum 1924“. Zu gerne würde der Kurator wissen, was sich dahinter verbirgt. Wenig erforscht ist auch die Historie der Stuttgarter Atelierhäuser; für eine Aufnahme, die den Maler Willi Baumeister vor seinem im Krieg zerstörten Schlossgarten-Atelier zeigt, hat Gohl tagelang recherchiert.

Nach dem Besuch der Ausstellung sieht man den Osten anders

Gut dokumentiert, aber ebenfalls noch nicht auserzählt ist die Geschichte der Stuttgarter Stadthalle, die sich auf dem Gelände befand, auf dem seit 1974 der Südwestrundfunk siedelt. Ein Riesenbau für 10.000 Zuschauer - damals die größte Halle Stuttgarts, in der auch Reitturniere und das Sechs-Tage-Rennen stattfanden. 1943 wurde der Holzbau von Bomben getroffen und brannte ab. In der Nachkriegszeit errichtete der Zirkus Althoff dort eine Halle für sein Winterquartier, die später in die DDR verkauft wurde und als Fernsehstudio diente. „Man sieht bloß, was man weiß“, sagt Gohl.

Nach dem Besuch dieser bis 13. Oktober geöffneten Ausstellung sieht man im Stuttgarter Osten in jedem Fall mehr. Man gewinnt einen geschärften Blick für seine Siedlungen, wie die Raitelsbergsiedlung oder die sogenannte Weiße Siedlung. Auch für das vom Tagblatt-Turm-Architekten Ernst-Otto Osswald gebaute Telegrafenbauamt in der Neckarstraße, dem heutigen Sitz der Staatsanwaltschaft. Ebenso für Schauplätze politischer Verbrechen und Kämpfe jener Zeit. Erwähnt wird der am Rande des Spartakus-Aufstandes 1919 erschossene 17-jährige Karl Fetzer, für den Clara Zetkin damals eine Trauerrede hielt. Oder der 1923 getötete Polizist Heinrich Tschiersch. Auch die große Saalschlacht zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten im Gasthaus Lamm von 1931 steht einem durch die Ausstellung vor Augen.

Ein „Opus Magnum“ steht bevor

Demnächst dürfte man beim Gang durch die Stadt vermutlich noch mehr sehen, gestützt auf Recherchen des Forscher-Duos Gohl und Ehmann. Am 7. Oktober stellen die beiden im Stadtarchiv den ersten ihrer drei Bände zur Geschichte Stuttgarts in den Zwanziger Jahren vor. Ein „Opus Magnum“, wie Gohl sagt. Auf mehr als 500 Seiten soll anhand von Zeitungstexten und Abbildungen die Sicht der Stuttgarter auf ihre Stadt nachgezeichnet werden, beginnend mit den Jahren 1918 bis 1923. Die Bände zwei und drei sollen zeitnah folgen.

Begleitprogramm zur Ausstellung

Begleitprogramm „Waldheime aller Farben. Am Rande des Stuttgarter Ostens“, lautet der Titel einer von Ulrich Gohl und Martin Ehmann organisierten Tour am Samstag, 22. August um 13 Uhr. Treffpunkt ist die Aussichtsplatte Geroksruhe. Der Weg führt zu fünf einst von Protestanten, Katholiken, Kommunisten und Sozialdemokraten erbauten Waldheimen - zwei davon gelten heute als Lost Places. Die Teilnahme ist kostenlos. Das Muse-o bittet jedoch um Spenden. Weitere Infos unter: www.muse-o.de