Bahnfahren im Familienwaggon des ICE: Lieber Dude, der Familien im vollen Zug den Platz blockiert...


Schön ausbreiten. Gerne auch im Familienwaggon.
imago/Christine RothLieber Dude, der allein im Familienwaggon des ICE sitzt und unbedingt seinen Laptop vor sich ausbreiten musste – wahrscheinlich um sich einen Joe-Rogan-Podcast auf Youtube mit Bild reinzuziehen. Wir haben noch nie miteinander geredet, du und ich, aber du weißt sicher, wer gemeint ist. Du bist derjenige, der immer in sich reingrinsen muss, weil er der schlauste Mann im Zug ist. Hast einfach das System geknackt, indem du dir einen Platz in einem vollen Zug reserviert hast: nah am Bordbistro und mit viel Beinfreiheit, damit du deine Füße, die in Wanderschuhen stecken, auch bequem ausstrecken kannst. Wahnsinnstyp. Hast beim Reservieren einfach den Hinweis weggeklickt, dass dieses Abteil Eltern mit Kindern vorbehalten ist, die im engen Zug sonst kaum eine Chance haben, einen Stellplatz für den Kinderwagen zu kriegen. Ich wollte dir mal etwas sagen.
Wo ist der Hebel im ABC-Design Salsa?
Wer schon mal als Elternteil in einem ICE von Stuttgart nach Hamburg keine Reservierung mehr im Familienabteil bekommen hat und deswegen bei Fahrtantritt gezwungen war, in einem anderen Waggon neben der defekten Bordtoilette im engen Flur zehn Minuten den Hebel zu suchen, der seinen ABC-Design Salsa zusammenklappt. Wenn dazu noch die Kinder vor Hunger und Durst quengeln und zu allem Überfluss andere Fahrgäste sich mit ihrem dicken Koffer vorbeiquetschen – dann, und genau dann denken wir an dich, lieber einzelner Mann im Kinderabteil. Du, der es dieser Familie unmöglich gemacht hat, einen Platz zu reservieren, weil du mit deiner Belegung als Einzelperson einen Vierer-Platz aus dem Rennen genommen hast.

„Reisenden mit Kindern vorbehalten“!!!!!
Foto: ScreenshotDu wirst vielleicht in den Tiefen deiner pechschwarzen Seele eine Rechtfertigung für dich finden, denn immerhin entspricht das ja dem Zeitgeist: Einige wenige Menschen nehmen sich das, was der ganzen Gesellschaft zusteht, weil sie es eben können (#elonmusk). Jedenfalls wollte ich dir vorschlagen, dass du deine freie Zeit in der Bahn vielleicht dazu nutzen könntest, deine Privilegien zu erweitern. Vielleicht auch die Plätze für Rollstuhlfahrer ganz abschaffen, auf die du manchmal deine schweren Koffer stellst, und an der Stelle eine Zapfanlage einbauen. So müsstest du die wenigen Meter zum Bistro nicht laufen, sondern könntest direkt am Platz zapfen.
Kein Platz für Familien und dich
Vielleicht arbeitest du auch an der Formulierung eines Volksentscheids, der es Kleinkindern verbietet, überhaupt Zug zu fahren. Es gibt im Internet ja eine ganze Bubble von Männern wie dir. Du bist sicherlich einer von denen, der mal einen Erfahrungsbericht auf Reddit geteilt hat, wie du mal einer Mutter vertreiben musstest, die sich mit ihrem schreienden Kind in den Ruhebereich gesetzt hat. Ja, wo soll sie denn sonst sitzen, frage ich? Wenn diese Welt doch zu klein ist für Familien mit Kindern und dich? Jedenfalls macht es keinen Unterschied, ob du gerade an der Übernahme der Weltherrschaft arbeitest oder dir nicht im geringsten bewusst bist, warum du da nicht sitzen solltest, wo du sitzt. Wir brauchen einen Plan, wie wir miteinander existieren können.
Oder vielleicht können wir uns darauf einigen, dass es Frauen- und Behindertenparkplätze, Vorrangplätze in der Bahn oder eben Familienwaggons aus gutem Grund gibt. Wenn wir diesen Menschen keinen Platz einräumen, dann werden sie unsichtbar sein und können weniger am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Darum bitte ich dich, lieber Dude im Kinderabteil, hilf auch Familien und Kindern, einen Platz in der Gesellschaft zu haben – oder eben in der Bahn. Ansonsten hätte der eine oder andere Millionär sicher noch einen Sitz in seinem Privatjet frei. Vielleicht kannst du ja mitfliegen.