Bitch-Fest Stuttgart
: Welcome back, Bitches!

Beim dritten Stuttgarter Bitch-Fest erkundete Jennifer Reaves gemeinsam mit ihren Gästen weibliche Lebenswelten.
Von
Sabine Fischer
Stuttgart
Jetzt in der App anhören

Jennifer Reaves (links) im Gespräch mit Daya Shadée

Sabine Fischer
  • Drittes Bitch-Fest in der Stuttgarter Staatsgalerie: Workshops, Panels und Performances.
  • Konditorin Kora Böndgen formt mit Teilnehmenden Fondant-Vulven auf Cupcakes.
  • Ziel der Workshops: Aufklärung zu Körper, Sexualität und Geschlechteridentität.
  • Jennifer Reaves nennt sich „Chief Bitch“ und will Frauen Stimme und Raum geben.
  • Daya Shadée betont die Kraft weiblicher Wut – Neins sollen Systeme in Bewegung setzen.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Heute ist die Vulva aus Fondant. In einem Konferenzraum der Stuttgarter Staatsgalerie rollen rund 30 Menschen bunte Zuckermasse vor sich aus. Mit Holzstäbchen modellieren sie daraus sorgfältig Schamlippen, Scheidenvorhof und Klitoris. Das Ergebnis: individuelle, farbenfrohe Vulven, die als Dekoration auf den Cupcakes landen, die alle Teilnehmenden vor sich haben.

„Solche Events sind ein toller Weg, um niederschwellig Aufklärungs- und Bildungsarbeit zu leisten“, erklärt die Konditorin und Aktivistin Kora Böndgen. Bei ihren „Eat a Vulva“-Workshops verbindet sie regelmäßig Themen wie Körper, Sexualität und Geschlechteridentität mit gemeinsamen Erlebnissen. Gerade die Vulva wird dabei zu einem Symbol des feministischen Freiheitskampfes.

Beim Backen die weibliche Anatomie kennenlernen

„Ich merke oft, dass viele Menschen schon bei vermeintlichen Basics nicht genau Bescheid wissen – zum Beispiel dabei, dass sich hinter der Klitoris ein ganzes Organ und nicht nur der äußere, sichtbare Teil verbirgt. Beim Backen kommt man diesen Themen leicht näher und trägt das Gelernte in sein Umfeld weiter.“ So will Böndgen gezielt für ein tieferes Verständnis sorgen und gleichzeitig Raum für Austausch und Verbindung schaffen.

Dass gerade Frauen Räume brauchen, in denen sie ganz sie selbst können, hat sich auch das Stuttgarter Bitch-Fest auf die Fahnen geschrieben. Böndgens Workshop war dabei nur ein Teil des Festival-Programms, das Gründerin Jennifer Reaves am Wochenende in der Staatsgalerie auf die Beine gestellt hat.

Zum dritten Mal lud das Lifestyle-Event Frauen ein, sich bei zahlreichen Workshops, Performances oder Paneldiskussionen inspirieren zu lassen und gemeinsam auf Themen zu blicken, die sie wirklich bewegen. So möchte Reaves „anderen Frauen und Mädchen dabei helfen, ihre Stimme zu finden, ihre Bedürfnisse anzuerkennen und sich selbst treu zu bleiben.“

Entsprechend viele Schlagwörter aus dem Bereich female empowerment waren am Samstag auf den beiden Festivalbühnen zu hören. „Bitches wissen, dass sie eine Stimme haben“, sagte Reaves zum Beispiel zur Eröffnung der Veranstaltung. „Sie gehen raus und sagen: Das bin ich und wenn dir das nicht gefällt, dann geh woanders hin.“ Dafür gab es tosenden Applaus von den rund 800 Teilnehmenden im Publikum.

Dass der Begriff „Bitch“ schon lange mehr als eine patriarchale Beleidigung ist, dürfte den meisten hier inzwischen klar sein. Seit Jahrzehnten balanciert der Ausdruck auf einem schmalen Grat zwischen Herabwürdigung und Selbstermächtigung. Je nachdem, von wem und in welchem Kontext er ausgesprochen wird, steht er heute auch für Frauen, die sich bewusst aus fremdbestimmten Stereotypen befreien. Vorreiterinnen waren dabei oft Künstlerinnen, die sich gegen das bestehende System auflehnten: Im Hip-Hop erfuhr der Ausdruck durch die Selbstbezeichnung von Musikerinnen als Bitches eine neue Lesart, spätestens die Riot-grrrl-Bewegung der 1990er Jahre eroberte den Begriff dann endgültig für sich.

Das Bild der Ja-Sagerin aufbrechen

In der Staatsgalerie bezeichnete Reaves sich während des Bitch-Fests nun als „Chief Bitch“. Gemeinsam mit ihren Gästen diskutierte sie weibliche Lebenswelten – von Beziehungsmodellen und Herausforderungen einer Mutterschaft bis hin zu Sexualität oder Kommunikation. Im Gespräch mit der Influencerin Daya Shadée, die sich auf Instagram selbst als „female rage Maus“ bezeichnet, erkundete sie zum Beispiel die Frage, wie weibliche Wut eine Gesellschaft verändern könnte. „Ich bin mir sicher, dass eine Gesellschaft voller wütender Frauen eine gerechtere wäre“, sagte Shadée. Sie möchte das Bild der Ja-Sagerin, zu dem Frauen oft stilisiert werden, aufbrechen. „Meine Neins setzen andere Leute in Bewegung und verändern Systeme – weil ich die Rolle nicht mehr spiele, die ich früher übernommen habe.“

Neben den Panels sorgten verschiedene Performances, zum Beispiel von Sandra Wurster oder Kim Hoss, dafür, dass neben dem Geist auch der Körper nicht zu kurz kam – ein gelungener Spagat zwischen Unterhaltung und Nachdenklichkeit.

StZ Kompakt - Der Morgen
Montag - Sonntag um 6.00 Uhr
Starten Sie mit den wichtigsten Themen aus Stuttgarter Sicht in den Tag und erhalten Sie sonntags die besten Geschichten der Woche.