Bombenentschärfung in Hoffeld
: Verkapselte Vergangenheit – Was uns die Bombe erzählt

Am Palmsonntag wird in Stuttgart wieder mal eine Bombe entschärft. Was können uns die Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg heute noch sagen?
Kommentar von
Lisa Welzhofer
Stuttgart
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Wenn eine Bombe entschärft wird, heißt das teils für Tausende Menschen ein paar Stunden Ausnahmezustand.

Friso Gentsch/dpa

Diesmal also Hoffeld. Am Palmsonntag wird im Degerlocher Hospitalwald ein 250 Kilo schwerer Blindgänger entschärft, der dort seit 80 Jahren im Boden schlummerte. Für etwa 1000 Menschen bedeutet das ein paar Stunden Ausnahmezustand, ein kurzes Heraustreten aus der Gegenwart und ihrer gemütlichen Selbstverständlichkeit. Das späte Sonntagsfrühstück, der Braten und die Joggingrunde müssen ausfallen, wenn die Vergangenheit plötzlich eine Brücke ins Heute schlägt.

Dabei sind die Meldungen über Bombenfunde aus dem Zweiten Weltkrieg Routine für die Stadtgesellschaft: Im April 2025 wurde eine Fliegerbombe in der Nähe des Fernsehturms entschärft. Im Juli brachten sich 6000 Menschen in Sicherheit, weil ein 500-Kilo-Kawentsmann im Stadtteil Birkenäcker unschädlich gemacht werden musste. Im August fanden Bauarbeiter in Untertürkheim ein solches Relikt aus dunkleren Zeiten, im Oktober war es in Weilimdorf so weit.

Wie viele solcher Blindgänger noch in der Erde liegen, ist nicht zu sagen. Laut dem gemeinnützigen Verein Schutzbauten Stuttgart wurden bei den 53 Luftangriffen der Alliierten auf Stuttgart in den 40er Jahren 12.000 Sprengbomben und 130.000 Brandbomben abgeworfen. Etwa jede zehnte explodierte nicht, aber keiner weiß, wie viele bei Kriegsende schon unschädlich gemacht wurden.

Der Kampfmittelbeseitigungsdienst entschärft jährlich in Baden-Württemberg eine niedrige zweistellige Zahl. Dazu kommen alte Granaten, Minen oder Munition. 2024 sammelte und vernichtete der Dienst 16,6 Tonnen. Es sind die greifbaren Altlasten eines dunklen Gestern, mit dem immer noch nicht ganz aufgeräumt scheint, das – wenn man so will – jederzeit zur potenziellen Gefahr werden kann.

Wie geht es mit der Erinnerungsarbeit weiter?

Die Menschen, die noch erlebten haben, wie die Bomben auf die Stadt fielen, wie sie die Zuhause Tausender zerstörte, welche Verheerung, Angst und Not sie anrichteten, werden weniger. Und damit jene, die erzählen können, welche Geisteshaltung und welche politischen Umwälzungen dazu führten. Krieg, das scheint in Deutschland sehr weit weg – auch wenn die aktuellen Zeitläufte zeigen, wie schnell er wiederkommen kann.

Die Erinnerungsarbeit und -kultur ringt mit diesem Verlust der Zeitzeugen – und überlegt, wie Geschichte ohne sie weiterhin emotional erlebbar werden kann. Museen und Gedenkstätten nehmen deren Erinnerungen auf, mit Hologrammen wird experimentiert. Den Gegenständen aus dieser Zeit kommt zukünftig eine noch wichtigere Bedeutung zu, als stumme, aber gerade dadurch für sich sprechende Zeugen.

Blindgänger werden regelmäßig nicht nur in Stuttgart gefunden.

Foto: Julian Stähle/dpa

Auch die rostigen Bomben im Untergrund mit ihren Restrisiken können diese emblematische Kraft erzeugen. Sie sind verkapselte Zeit. Ihre Funde erinnern, wie es einmal war und wieder werden kann, wenn man nicht gut genug aufpasst.

Die Hoffelder werden vermutlich nach ein paar Stunden in ihr Zuhause zurück kehren, wieder in den Bus steigen, vielleicht noch einen Sonntagskaffee trinken, dann läuft schon der Tatort. Das Leben geht ja immer weiter. Auch das erzählt uns die Bombe.

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