Breuninger: Noch ist die neue Machtbalance nicht gefunden

Van Agtmael (links) macht auf dem Chefsessel Platz für Willy Oergel.
Achim ZweygarthStuttgart - Von seinen vielen Geschäftsfreunden und -partnern hat sich Breuninger-Chef Willem van Agtmael schon in der abgelaufenen Woche bei einem festlichen Dinner in der Karlspassage bereits verabschiedet – von Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking über den LBBW-Vorstandsvorsitzenden Hans-Jörg Vetter bis Leonard Lauder vom US-Kosmetikkonzern Estée Lauder; in der kommenden Woche folgt nun der Schritt, der eine tiefe Zäsur für das Traditionsunternehmen bedeutet: Am 19. September, an seinem 65. Geburtstag, räumt van Agtmael nach – auf den Tag genau – 32 Jahren an der Spitze den Chefsessel für seinen Nachfolger, seinen langjährigen Vertrauten Willy Oergel.
„Willy Oergel gehört fast zur Familie“
Vom „Generationswechsel“ hatte van Agtmael im Frühjahr gesprochen, als er die Nachfolgeregelung im Interview mit der Stuttgarter Zeitung öffentlich machte. Das sorgte bei Spöttern für Amüsement, denn einem 65-Jährigen folgt ein 60-Jähriger nach. Aber an der Spitze des Beirats, der ähnliche Aufgaben wie der Aufsichtsrat einer Aktiengesellschaft hat, stehen künftig gleichberechtigt Jeroen van Agtmael und Harald Meilicke, beide Jahrgang 1975, die damit die Familien repräsentieren, denen das Unternehmen seit 2004 mehrheitlich gehört. Damals kauften ihre Väter Willem van Agtmael und Wienand Meilicke für 41,1 Millionen Euro das Kaufhausunternehmen, das bis dahin zu 80 Prozent einer Stiftung gehört hatte. Bisher stand der 67-jährige Wienand Meilicke an der Spitze des Beirats. Dass zudem noch drei Manager in die Unternehmensleitung aufrücken, die den Altersdurchschnitt drücken, spricht dafür, dass es tatsächlich einen Generationswechsel gibt.
„Willy Oergel“, so hatte van Agtmael über den gebürtigen Stuttgarter, der seit 1984 bei Breuninger ist, gesagt, „gehört fast zur Familie“ – fast. Er gelangt als familienfremder Manager an die Spitze, weil sich die Eigentümer noch nicht auf eine langfristige Regelung einigen konnten. Mit der Neubesetzung ist klar, dass die Machtverhältnisse bei Breuninger innerhalb der nächsten maximal fünf Jahre neu geordnet werden müssen. Der erste Versuch hierzu ist in den zurückliegenden Jahren seit 2009 gescheitert; nur mit viel Mühe konnte ein Eklat vermieden werden.
Zwischen Unternehmens- und Familieninteresse
Der Übergang auf die nächste Generation hatte Willem van Agtmael und Wienand Meilicke, die bereits zusammengearbeitet haben, als der 1980 plötzlich verstorbene Heinz Breuninger noch lebte, gegeneinander aufgebracht. Der Streit kulminierte in einem mehr als 70 Seiten langen Brief, den Meilicke, im Hauptberuf Rechtsanwalt in Bonn, im Januar 2010 an van Agtmael schrieb. Dieses Schreiben war die Reaktion auf einen auch schon sehr umfangreichen Brief van Agtmaels, in dem der Kaufhauschef das Verhältnis zu seinem Beiratsvorsitzenden so beschrieb: „Ich nehme Ihr Misstrauen gegen mich wahr. Umgekehrt bin ich nach der Entwicklung der letzten Monate nicht frei von Misstrauen Ihnen gegenüber.“ Meilicke antwortete in einer gänzlich anderen Tonlage: „Darum will ich nachstehend“, heißt es gleich auf der ersten Seite, „. . . die Sachverhaltskomplexe eingehend darstellen, auch in der Hoffnung, dass, wenn Sie es nicht verstehen, vielleicht Ihre Anwälte in der Lage sind, es Ihnen besser zu erklären, als ich es vermag.“ Und in Kurzform stand dies brachial noch einmal auf der vorletzten Seite: „Vielleicht können Ihnen Ihre Anwälte beim Lesen und Verstehen dieses Schreibens behilflich sein.“
Meilicke, der Jurist und Berater, hat nie operative Aufgaben bei Breuninger übernommen. Er hielt sich stets im Hintergrund, überließ die Führung van Agtmael. Was Meilicke in den zurückliegenden Jahren so auf die Palme gebracht hat, steht in seinem Brief gleich mehrfach: „Sie identifizieren Breuninger so mit sich selbst“, warf er van Agtmael zum Beispiel an einer Stelle vor, „dass Ihnen die Unterscheidung zwischen Unternehmensinteresse und Familieninteresse nicht hinreichend gelingt.“ Und: „Solange Sie keine Kinder im Unternehmen hatten, spielte das nur eine untergeordnete Rolle.“ Anschließend, so sollte das im Umkehrschluss bedeuten, aber nicht mehr. Aus Meilickes Sicht wurden Mitglieder der Familie van Agtmael keineswegs so behandelt wie andere Mitarbeiter, was der Chef freilich vehement bestritt. Zeitweise waren nicht nur van Agtmaels Sohn Jeroen, sondern auch die Töchter Maaike und Claire mitsamt deren Ehemann Martijn Bödeker für Breuninger tätig. Bei der Einstellung von Bödeker im Jahr 2001 wurde dem Beirat die Liaison mit Claire verschwiegen, weil – aus van Agtmaels Sicht – nicht klar war, ob die Verbindung halten würde. „Im Rückblick“, so räumte van Agtmael aber ein, „ist mir klar, dass ich damals besser . . . die Einstellung von Martijn dem Beirat vorgelegt hätte.“
Die Meilickes entdecken ihr Unternehmer-Gen
Meilicke setzte schließlich durch, dass sich van Agtmaels Schwiegersohn nach einer neuen Betätigung umsehen musste. „Herr Martijn Bödeker, Bereichsleiter Flagshipstore Stuttgart, wird das Unternehmen zum 30. 11. 2011 auf eigenen Wunsch verlassen“, hieß es vor einem Jahr in einer internen Mitteilung. Auch die Töchter sind nicht mehr im Haus, sie kümmern sich erst einmal um den eigenen Nachwuchs. Van Agtmael hat stets versucht den Gesellschafterkonflikt zu kaschieren, sprach von persönlichen Entscheidungen der jungen Generation.
Auch in der Familie Meilicke haben sich die Präferenzen geändert. Van Agtmael regiert, Meilicke kontrolliert (aus der Ferne, zumindest ein bisschen) – diese Arbeitsteilung sollte auf einmal der Vergangenheit angehören. Denn anders als der Vater hat Harald Meilicke unternehmerische Ambitionen. So war der Betriebswirt acht Jahre bei der Unternehmensberatung McKinsey, danach bei dem Energiekonzern RWE und arbeitet seitdem als selbstständiger Unternehmensberater.
Und der Vater steht hinter dem Sohn. Harald, so verlangte das Familienoberhaupt damals, solle sich auf Augenhöhe mit Jeroen van Agtmael bewegen. Die Forderung der Familie: Harald müsse sich „vollberuflich und gleichberechtigt um unsere Beteiligung bei Breuninger kümmern“ können. Das geht am ehesten als Mitgeschäftsführer.“ Als diese Forderung erhoben wurde, sollte Jeroen noch Chef werden. Weil der Meilicke-Clan aber für sich alleine das Recht verlangte, über eine mögliche Abberufung von Jeroen entscheiden zu dürfte, platzte die Lösung – van Agtmael junior winkte ab und ging in den Beirat.
Es herrscht Burgfrieden
Als Hoffnungsträger hatte ihn einst auch Wienand Meilicke gesehen, der eigenhändig daran mitwirkte, den jungen Mann aus den USA nach Deutschland zu locken. Jeroen van Agtmael war in Amerika eigentlich fest verankert, denn er hat dort Betriebswirtschaftslehre studiert, ein eigenes Unternehmen aufgebaut und ist mit einer Amerikanerin verheiratet. „Jeroen ist sehr gut und ein richtiger Profi im Einzelhandel, stärker noch als sein Vater“, sagt einer, der den jungen Mann lange beobachtet hat. Zum Zuge kommt bei Breuninger nun aber erst einmal die Variante, die Wienand Meilicke schon Anfang 2010 im Blick hatte: „Wir könnten uns für eine Übergangszeit Herrn Oergel als CEO (Chef, d. Red.) vorstellen, bis dann Jeroen und Harald in einer noch zu findenden Zusammenarbeit die aktive Leitung übernehmen.“
Mittlerweile haben sich van Agtmael und Meilicke wieder zusammengerauft. Schon vor fast drei Jahren hatte van Agtmael seinen Partner aufgefordert: „Wir müssen aufhören, uns mit Vorwürfen zu überziehen, gleich ob diese die Sache oder die Person betreffen. Vorwurf ist Vorwurf.“ Rückblickend nennen die beiden das nur noch Meinungsverschiedenheiten, die normal seien. Es herrscht Burgfrieden, der freilich wieder gestört werden könnte. Bis vor wenigen Tagen sah es so aus, als ob genau einen Tag nach dem Führungswechsel, also am 20. September, vor dem Stuttgarter Landgericht ein Prozess um die Anteile an Breuninger stattfinden sollte. Aber kurzfristig wurde der Beginn aus gerichtsinternen Gründen jetzt auf den 29. November verschoben. Wolfgang Blumers, ein renommierter Stuttgarter Rechtsanwalt, der lange für Breuninger gearbeitet hat, will an dem Unternehmen beteiligt werden und hat deshalb van Agtmael und Meilicke verklagt. Der 72-Jährige war einst einer von fünf Vorstandsmitgliedern der 2004 aufgelösten Heinz-Breuninger-Stiftung, zusammen mit van Agtmael und Meilicke sowie den beiden weiteren Mitgliedern Benno Stratmann und Theo Henselijn.
Alle fünf Vorstände sollten beteiligt werden
Helga Breuninger, die Erbin von Heinz Breuninger, bestätigt ebenso wie alle anderen Beteiligten, was der Öffentlichkeit bis vor wenigen Monaten nicht bekannt war: „Zu Beginn war es vorgesehen, dass die fünf Stiftungsvorstände sich zu gleichen Teilen an Breuninger beteiligen.“ Dann freilich endet die Einigkeit. Warum letztlich nur Meilicke und van Agtmael Anteile erwarben, muss das Gericht klären. Helga Breuninger sieht es so: „Drei haben dann von einer solchen Beteiligung abgesehen. Das war ihre eigene Entscheidung.“ Helga Breuninger erhielt durch den Verkauf auf jeden Fall Geld für ihre gemeinnützige Breuninger Stiftung GmbH und hängt nun nicht mehr von Ausschüttungen des Unternehmens ab.
Blumers sieht sich durch Meilicke, dem er „arglistige Täuschung“ vorwirft, um die Beteiligung gebracht. Der Stuttgarter war einst Partner der Anwaltskanzlei Gleiss Lutz; mit diesem Status war eine Beteiligung an Breuninger nicht vereinbar. Nach der Version von Blumers wurde vereinbart, die Beteiligung bis zu seinem Ausscheiden zu vertagen – zuletzt 2006 auf 31. März 2011 als spätesten Zeitpunkt. Davon, so sagt Blumers, habe Meilicke im Juni 2011 plötzlich nichts mehr wissen wollen. Van Agtmael und Meilicke sagen nur, dass über die Konditionen letztlich keine Einigung erzielt wurde. Die beiden hatten sich schon einmal ganz detailliert über die künftige Aufteilung ihres 80-Prozent-Pakets an Breuninger geeinigt. Sie wollten die drei ehemaligen Stiftungsvorstände mit jeweils zehn Prozent beteiligen und selbst jeweils 35 Prozent behalten.