Cannstatter Volksfest
: Schampus-Boys, Feuerpracht und Secret Room – die andere Seite des Wasens

Das Volksfest ist nicht nur Bier, es ist auch Champagner. Wird Luxus bestellt, wird es spektakulär. Die Spitzbuben Lodge erzielt den wohl höchsten Wasen-Umsatz pro Quadratmeter.
Von
Uwe Bogen
Stuttgart
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Muskulöse Schampus-Boys servieren in der Equipe-Loge in der Schwabenwelt teure Flaschen mit Feuerglanz.

Schwabenwelt

Pssst! In der Spitzbuben Lodge des Sonja-Merz-Zelts befindet sich der wohl geheimste Ort des Cannstatter Volksfestes. Drückt man die richtige Stelle an der Flaschenwand, öffnet sich eine Tür – und hinein geht’s in ein unerwartetes Separee, das manche den „Darkroom“ des Wasens nennen.

Ein rotes Sofa steht darin, die Wände sind mit Asterix-und-Obelix-Comics tapeziert. Wer sich vom dicht gedrängten Treiben zu House-Beats für eine kurze Zeit mit wem auch immer zurückziehen will, findet zu zweit, zu dritt oder zu viert eine kleine Oase. Tim Berkemer, der Chef der Spitzbuben, nennt den Raum nicht Darkroom, sondern „Secret Room“. Schon in den ersten Tagen habe er sich zum „Kuss-Spot“ entwickelt. Ein Ort, den nur wenige kennen – mitten im größten Volksfest Baden-Württembergs.

Ein separater Eingang führt in den exklusiven Bereich

Doch geheim ist die Spitzbuben Lodge längst nicht mehr: Berkemer verkauft täglich mehrere Hundert Flaschen Champagner zu Preisen zwischen 120 und 800 Euro. Beobachter sind überzeugt, dass seine Tanz-Location auf engem Raum den höchsten Umsatz pro Quadratmeter des gesamten Volksfestes erzielt. Selbst an schwächeren Tagen wie Montag oder Dienstag ist die Bar rappelvoll. „Spektakulär läuft es“, freut sich der junge Chef. Rund 800 Gäste feiern hier jede Nacht.

Ein separater Eingang im „Anbau-Zelt“ führt in den exklusiven Bereich. Von Konsumzurückhaltung keine Spur: Viele junge Leute – hier sieht man’s – können sich was leisten, wollen Spaß und suchen das besondere Erlebnis, den Kick für happy moments.

In der Spitzbubenbar ist es Nacht für Nacht rappelvoll.

Foto: Uwe Bogen

Auch die Schatzibar im selben Zelt, auf einer Empore mit einem Karussell um die Theke, zieht ein junges, feierlustiges Publikum an. Auf dem Wasen werden die Betreiber Denis Gugac vom Comodo und der Kollege Berkemer vom Hi Life „die Disco-Boys“ genannt. Die Atmosphäre abseits des klassischen Festtrubels erinnert mehr an einen Club als an ein Bierzelt: House statt Ballermann.

Die wachsende Clubkultur unterscheidet das Cannstatter Volksfest von der Münchner Wiesn. Während dort bereits um 22:30 Uhr Schankschluss ist und die Zelte bis 23 Uhr geräumt sein müssen, darf in Stuttgart in abgetrennten Bereichen, die autark sind mit eigenem Eingang und Toiletten, um eine Stunde länger gefeiert werden als der Rest des Volksfestes. Sonntags bis donnerstags bis Mitternacht, freitags und samstags sogar bis 1 Uhr. Danach bringt ein Shuttleservice die Gäste weiter in die Clubs der Stadt.

Man nennt sie die „Disco-Boys“ des Wasens: Tim Berkemer (links) und Denis Gugac betreiben die Spitzbuben- und die Schatzibar

Foto: privat

Clubatmosphäre statt Prost-ihr-Säcke: Gedämpftes Licht, exklusive Getränke, Showeffekte. Auch Michael Wilhelmer setzt in der Schwabenwelt nicht allein auf Bier. Seine Equipe-Loge wird „Champagner-Box“ genannt. Sobald eine edle Flasche bestellt wird, beginnt die Inszenierung: Junge, muskulöse Männer mit weitgehend blankem Oberkörper – sie tragen allenfalls eine Fliege am Hals und eine Schürze über der Brust – servieren die Könige der Schaumweine mit Feuerfontänen und großem Tamtam.

Auf dem Weinetikett steht: „Es eskaliert eh“

„Es war ein starker Start“, sagt Wilhelmer, „der erste Samstag war der stärkste Tag in meiner Volksfestzeit“. Die Nachfrage nach Premiumprodukten wachse wieder. Aber auch beim Bier gebe es „leichte Steigerungen“. Auf der Weißweinflasche steht auf dem Etikett: „Es eskaliert eh“.

Weitere Attraktionen sorgen für Staunen: In der Taos Lodge im Dinkelacker-Zelt prasseln Eiswürfel von der Decke auf die Flaschen. Bei Martina Böhringer- – der „Eiskönigin vom Wasen“ – wird Champagner stilecht mit dem Säbel geköpft. Beliebte Weingüter liefern exklusive Magnum-Abfüllungen. „Viele Wasen-Fans verbinden Genuss längst nicht mehr nur mit Bier“, sagt die Chefin einer Zeitarbeitsfirma, die sich für das Volksfest von ihrem eigentlichen Beruf verabschiedet und sich den Traum der Wasenwirtin erfüllt. Wirtschaftsbosse, Banker und eine „coole Gesellschaft“, wie sie sagt, gehen hier ein und aus.

Kellner tragen Skibrille im Royal 1850

Foto: Royal 1850

Wo die Kellner Skibrille tragen

Die Macher von Fridas Pier feiern mit ihrem Club Royal 1850 Wasenpremiere auf der Empore der Almhütte Royal. Schon der Eingang ist ein Hingucker: Ein Astronaut, auf dessen Helm der Slogan „Higher than the Rest“ prangt, empfängt die Gäste. Im Inneren erinnert die Ausstattung an eine Skihütte, die Kellner tragen Skibrillen.

„Courchevel trifft Cannstatt“. so lautet das Motto, in Anlehnung an das französische Luxus-Skigebiet Courchevel 1850, dessen Höhenmeter zugleich Namensgeber sind.„Wir gehen es ganz entspannt an und wollen uns von Jahr zu Jahr steigern“, erklärt Benjamin Kieininger von Fridas Pier. Innerhalb von sechs Wochen habe man sich entschieden, das Angebot von Wirtin Nina Renoldi anzunehmen und in der Almhütte Royal als Untermieter einzusteigen. Ziel sei es, die Gäste musikalisch und atmosphärisch mindestens 1850 Meter über den Alltag hinauszuheben.

Exklusivität und Inszenierung spielen eine immer größere Rolle

Ursprünglich wurde das Volksfest nach einer Hungersnot ins Leben gerufen – als Feier zum Aufatmen nach harter Entbehrung. Heute präsentiert es sich in Teilen als Spiegel einer Gesellschaft, in der Exklusivität und Inszenierung eine immer größere Rolle spielen. Zwischen Bierkrug und Champagnerflasche, zwischen „Wackelkontakt“ und House-Beats zeigt sich, wie wandelbar Tradition ist – und wie man beim größten Fest der Schwaben mit der Zeit geht, um frisch zu bleiben und junge Menschen anzulocken.

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