Der Dubai-Schokolade verfallen: „Ich wollte sie doch hassen“

Für rund 15 Euro verkaufte Lindt eine Tafel – geht’s noch?
Imago/Matthias RietschelSchon der Pistazienhype im Sommer hat mich genervt. Überall war plötzlich Pistazie drin. In Berlin gab es im Juli sogar ein Festival. Auf dem „Pistachio-Street-Food-Festival“ gab es Pistazien-Gnocchi, Pistazien-Crêpe, Pistazien-Guacamole, Pistazien-Cheesecake und so weiter. Das Ganze floppte, wie einige Food-Influencer auf TikTok berichteten. Schade, echt.
Für mich markierte das den Anfang vom Ende des Pistazienhypes. Shirin David sang im Radio immer seltener vom grünen Matcha Latte, Charli XCX erklärte den Brat-Summer für beendet, und das Neongrün verschwand aus meinem Feed. Die Hoffnung auf einen nicht-grünen Herbst keimte auf. Tschüss, Pistaziensommer. Pistaciao.
Keine Nachwehe des Pistaziensommers, sondern eine Renaissance
Doch dann: ein Comeback. Der Beginn war schleichend und die Pistazie tauchte immer wieder auf meinen Sozialen Medien auf. Diesmal nicht in einem Croissant oder Berliner, sondern in Schokolade versteckt. Ich hätte die Warnsignale, die Red Flags – beziehungsweise Green Flags – früher erkennen müssen. Was ich anfangs für eine kurze Nachwehe des Pistaziensommers hielt, war die Geburt eines neuen Trends: Dubai-Schokolade.
Die Entstehungsgeschichte ist schon jetzt sehr diffus und sagenumwoben. Am geläufigsten ist die Legende von der schwangeren Chocolatière aus Dubai, die aus Heißhunger mit Pistazie und Schokolade experimentierte und kurzerhand die Dubai-Schokolade erfand. Das machte sie zum Alexander Fleming der Generation TikTok, zur Erfinderin des Pistazien-Penicillins.
„Ich wollte sie doch hassen“
Ob im Internet, im Supermarkt (bei Rewe am Ostendplatz nur an Kasse eins), im WhatsApp-Status meiner Mama und neuerdings auch auf dem Weihnachtsmarkt: Die Dubai-Schokolade ist überall. Da wird auch die Umweltproblematik des Pistazienanbaus – wegen des hohen Wasserverbrauchs – schnell zur Nebensache. Als bekennender Pistazien-Ultra und offensichtliche Klimawandel-Befürworterin hat sich meine beste Freundin eine der überteuerten Tafeln gegönnt. Die Neugier war groß, also probierte ich ein Stück. Scheiße. Ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen. „Mhm. Ja.“
Ich wollte sie doch hassen. Ich wollte mich über diesen unnötigen Hype, diese Umweltsünde, die künstliche Verknappung von Lindt und Co. aufregen. Stattdessen googelte ich, wo ich diese dünnen Teigfäden kaufen kann.
Ist das schon Gaslighting?
Nun stehe ich in meiner Küche, röste Engelshaar, schmelze Schokolade im Wasserbad, lege meine extra bestellten Silikon-Schokoladen-Formen bereit und fühle mich wie Willy Wonka in der Dubai-Schokoladenfabrik. Eigentlich bin ich weder Fan von Pistazien noch des menschenrechtsverletzenden Influencer-Mekkas in den Emiraten, aber die Kombination von knusprigen Nudelfäden, nussiger Creme und Schokolade hat mich verführt. Ist das schon Gaslighting?
Bisher weiß niemand von meiner Dubai-Affäre, dieses öffentliche Bekenntnis soll aber eine Entschuldigung sein an alle Freund:innen und Bekannte, die ich bisher dafür verurteilt habe, 15 Euro für eine Tafel Schokolade auszugeben – sorry, Mama. Die Süddeutsche Zeitung schreibt, dass der Erfolg der Tafeln mit dem Sehnsuchtsort Dubai zu tun habe, der damit ein Stück weit nach Hause komme. Für mich ist Dubai jedoch alles andere als ein Sehnsuchtsort. Ich sage: Es liegt einfach daran, dass die Dubai-Schokoladen-Kombi schmeckt. Auch Pistazienhasser:innen. Manche Trends muss man nicht verstehen – man muss sie probieren. Leider.