Der Fluchthelfer Burkhart Veigel
: Endstation Freiheit

Der Stuttgarter Burkhart Veigel hat nach dem Mauerbau Hunderte DDR-Bürger in den Westen geschleust – zum Beispiel im Armaturenbrett eines Cadillacs.
Von
Ott, Rüdiger
Stuttgart
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Der Schleuser-Cadillac nach seinem Einsatz

privat

Stuttgart/Berlin - Ein halbes Jahrhundert ist seitdem vergangen. Veigel sind nur wenige graue Haare geblieben. Er lädt zum Treffen in eine Arztpraxis in Stuttgart-Sillenbuch, wo sich gerne die Wohlhabenden der Stadt niederlassen. Hier arbeitet er noch hin und wieder, auch wenn er es längst nicht mehr müsste. Er sitzt hinter seinem Schreibtisch, er lächelt gern und viel – vor allem, wenn er über seine Stasiakte spricht. Die fülle einen ganzen Schrank, sagt er.

Die Stasiakte zeichnet ein Bild von Veigel, Deckname „Schwarzer“, das düsterer kaum sein kann. „Totaler Unsinn“, sagt er dazu, wahlweise auch „völlig gesponnen“. Ein Menschenhändler sei er und verschleppe DDR-Bürger, steht auf einem der Bögen. „In der DDR ist kein Bürger geflohen, sie wurden ja alle bearbeitet und umgedreht“, sagt Veigel grinsend. Rücksicht auf Verluste nehme er keine, heißt es in der Akte weiter. Er bereite gewaltsame Grenzdurchbrüche vor und versuche, Maschinenpistolen und Sprengstoff zu besorgen. „Das kam für mich nie infrage“, sagt Veigel. „Die Leute auszutricksen machte mir mehr Spaß.“

Am 13. August 1961 wickeln Soldaten kilometerweise Stacheldraht von der Rolle und teilen damit gleichsam einen Kontinent in zwei Hälften. Veigel, der Stuttgarter, hat im Frühjahr ein Medizinstudium an der Freien Universität Berlin begonnen. Er liebt das bunte Treiben der großen Stadt, fühlt sich im Zentrum einer Welt, in der er das Aufeinanderprallen von Ost und West an jeder Straßenecke spürt. In den Wochen vor und nach dem Mauerbau reist er durch Griechenland, besucht Tempel und wandelt auf den Spuren der Philosophen. Ein Schöngeist sei er gewesen, sagt er.

Veigel wird zu einem Läufer

Am 30. Oktober 1961 kommt der Schöngeist zurück nach Berlin, wo zu diesem Zeitpunkt, wie das Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam später feststellen wird, bereits acht Flüchtlinge an der Zonengrenze gestorben sind. Auf dem Weg zum Anatomischen Institut begegnet Veigel ein Studienfreund. Der fragt ihn, ob er helfen wolle, Ostberliner Kommilitonen, die nun nicht mehr weiterstudieren könnten, rüberzuholen. Kurz entschlossen sagt er Ja. Am selben Abend schleust er seinen ersten Menschen mit einem belgischen Pass über die Grenze. Detlef Giermann und Dieter Thieme, die Köpfe einer studentischen Fluchthelfergruppe, haben die Papiere besorgt, ein falsches Bild eingeklebt und ihm einige Anweisungen mit auf den Weg gegeben.

„In den Wochen danach habe ich maximal zwei Stunden täglich geschlafen“, erzählt Veigel. Er ist jetzt Fluchthelfer. Als sogenannter Läufer hat er die Aufgabe, über die Grenze zu pendeln, die für BRD-Bürger ja noch durchlässig ist, und Menschen mit ausländischen Pässen zu versorgen. Er spricht mit ihnen die Grenzkontrollen durch, gibt ihnen Busfahrkarten aus ihren vermeintlichen Heimatländern und schneidet verräterische Waschzettel aus ihren Kleidern.

„Ich habe oft bis zu zehn Menschen an einem Tag rübergeholt“, sagt er. Es gibt auch düsterte Stunden: Am 7. Januar 1962 werden vier Ostdeutsche verhaftet, denen er falsche Pässe gegeben hat. Veigel sieht alles vom Bahnsteig aus, der für sie die Freiheit bedeutet hätte. Ihnen drohen mindestens zwei Jahre Haft. Unter dem Druck des Verhörs, mutmaßt Veigel, werden sie seinen Namen preisgeben. „Damit war ich verbrannt.“

Burkhart Veigel beugt sich über den Schreibtisch, er lächelt nicht mehr. Seine Augen verengen sich zu Schlitzen. „Ein ehrenwerter Mensch wird man doch erst durch seine Verdienste“, sagt er. Natürlich sei ihm bewusst gewesen, dass er sich jahrelang in Lebensgefahr befunden habe. Abgehalten habe ihn das aber nicht. „Wenn ich nichts mehr für andere tun kann, dann brauche ich auch dieses Leben nicht.“

Das hört sich ziemlich pathetisch an. „Mein Vater ist früh im Zweiten Weltkrieg gefallen, vielleicht hat deshalb der Humanismus mehr auf mich gewirkt“, sagt Burkhart Veigel. Einen Einfluss habe wohl auch gehabt, dass er das Stuttgarter Eberhard-Ludwigs-Gymnasium besucht hat. Dort war schon Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg unterrichtet worden. Und Kurt Huber, den man 1943 für seine Mitgliedschaft in der Weißen Rose hinrichtete. Doch als Widerstandkämpfer fühlte sich Veigel nie. „Wir konnten nachts nicht durch Soldatenstiefel geweckt werden. Wir waren ja in unserem sicheren Westteil.“

Von dort aus verlegt er sich von Januar 1962 an aufs Organisieren – und zeigt dabei ein Talent, das selbst die DDR-Geheimdienstler anerkennend in seiner Akte vermerkten. Seine Pläne durchschauen sie erst Jahre später. Mit der Doppelgängertour etwa, einem komplizierten Verwirrspiel direkt vor den Augen der Grenzer, bei der ein Läufer innerhalb weniger Minuten Einreisestempel in zwei verschiedenen Pässen erhält, schleust er bis zum Jahr 1963 rund 100 Menschen in die Freiheit. Einem französischen Soldaten, der aufgrund des Viermächtestatus nicht kontrolliert werden darf, verschafft er einen Kastenwagen mit doppeltem Boden. „Der hat in vier Jahren mindestens 200 Leute rausgeholt.“ In drei weiteren Fahrzeugen versteckt Veigel in der Zeit zwischen 1964 und 1967 rund 120 Flüchtlinge: im Kotflügel eines Austin Healey, hinter den Pedalen eines Goggomobils und im Armaturenbrett eines amerikanischen Cadillacs.

Mit allen Wassern gewaschen

Aus dem Studenten wird ein Profischleuser, der mit allen Wassern gewaschen ist. „Man hat sich konspirative Techniken zurechtgelegt“, sagt Burkhart Veigel. Er benutzt Kennwörter, zupft sich als Zeichen am Kragen, geht nur noch in Kneipen mit Hinterausgang, spioniert Bahnhöfe aus, um auf Züge springen zu können, und läuft immer auf der linken Straßenseite. „So konnte ich sehen, wenn mich Autos mit mehreren Leuten verfolgten.“

Wie dicht ihm die Stasi damals auf den Fersen gewesen ist, kann er bis heute nicht sagen. Seine Akte gibt darüber keine Auskunft. Aber er ist sich sicher, dass man zweimal versucht hat, ihn zu entführen. 1965 verfolgen ihn drei Männer in einem Auto quer durch Berlin, bis er sie am Mexikoplatz abhängt. Ein Jahr später geschieht Ähnliches in Wien. „Irgendwann hat meine Frau Angst bekommen“, sagt Burkhart Veigel. 1969, als seine erste Tochter geboren wird, beendet er seine Fluchthelferkarriere, zieht nach Hannover, dann weiter nach Tübingen und eröffnet 1976 seine Praxis in Stuttgart.

Am 9. November 1989 fällt die Mauer. Das Zentrum für Zeithistorische Forschung geht davon aus, dass bis dahin mindestens 136 Menschen beim Fluchtversuch getötet wurden. Etwa 100 000 Menschen haben die Flucht gewagt, genauere Zahlen sind nicht bekannt. Einem Bruchteil davon konnte Veigel zur Freiheit verhelfen. Niemand weiß nach der Wende von seiner Vergangenheit, die Patienten nicht, die Freunde aus dem Orchesterverein nicht, seine drei Kinder nicht. „Sie haben es erst mitgekriegt, als ich geweint habe.“

Vor sechs Jahren ist Burkhart Veigel wieder nach Berlin gezogen, die Arztpraxis in der Heimat übernahm sein Sohn. „Mit Stuttgart verbindet mich viel. Aber ich wusste, ich hatte noch eine Aufgabe zu erfüllen.“ Er besuchte Zeitzeugen, führte mehr als hundert Interviews, durchstöberte Archive. Er stieg in die Kanalisation und entdeckte alte Fluchtwege neu. Er hielt Vorträge. Seine Recherche mündete in ein 500 Seiten starkes Buch. Das ergänzt er stetig. „Mit der dritten Auflage bin ich eben erst fertig geworden“, sagt er.

Die Wut sitzt noch immer tief. Er kennt die Namen der Spitzel, die auf ihn angesetzt waren. Vor allem aber verachtet er einen damals 24-jährigen Mann, der 1962 wohl die Skandinavientour verriet und für die Verhaftung von 17 Flüchtigen in einem Zug von Ostberlin ins schwedische Trelleborg verantwortlich war. Veigel kannte diesen Mann und vertraute ihm. Vor einigen Jahren ist er gestorben. „Wer so viele Menschen ins Unglück gestürzt hat“, sagt er, „dem kann und will ich nicht vergeben.“

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