Die Karriere des Verkäufers Hausenblas: Ein Mann saugt sich nach oben

"Ist das nicht toll?" Michael Hausenblas saugt bei Sengers in Göppingen.
Foto: StoppelDer Artikel erschien erstmals am 13. März 2010. In unserer Reihe "Archivschätze" blicken wir zurück auf herausragende Reportagen und beantworten am Ende die Frage, was in der Zwischenzeit passiert ist.
Bonlanden - "Er ist ein toller Typ. Und sieht auch noch klasse aus", sagt eine seiner Mitarbeiterinnen. "Er ist wirklich einmalig", sagt eine andere und führt nach nebenan. "Kommen Sie, ich zeig Ihnen den Bären. Den müssen Sie einfach sehen."
Das Büro von Michael Hausenblas ist stylisch-schmucklos: schwarzer Teppichboden, schwarzer Schreibtisch, weißes Sofa. Nur die Trophäenwand passt nicht ganz ins Ambiente. In barocker Fülle reihen sich Pokale, Medaillen und Ehrentafeln aneinander. Die Krönung des Prunks: ein goldener Grizzlybär. "Den haben nur sieben Menschen bekommen", erklärt die Mitarbeiterin. Michael Hausenblas gehört dazu. Er schaffte es, innerhalb von sechs Monaten seinen Topumsatz noch zu verdoppeln.
Die Zahl der verkauften Staubsauger macht ihn zum Besten
Die Indiobüste bekam er für seine Leistungen in Mexico. Die Urkunde mit dem Foto des US-Firmenpräsidenten für eine andere „spectacular performance“, wie darauf zu lesen ist. Solche Mitarbeiter mag der Boss. Eine ganze Sammlung von Goldsternen liegt in der Vitrine. Jeder einzelne steht für mindestens 25 verkaufte Geräte oder drei neu rekrutierte Mitarbeiter in einem Monat. Mit der Weltkugel aus Silber wird die beste Verkaufsgruppe weltweit ausgezeichnet. Hausenblas hat zwei davon im Regal. Und einen wuchtigen Goldring. Dessen ist nur der Jahresbeste würdig. Wer der Beste ist, dafür gibt es in diesem Geschäft einen untrüglichen Gradmesser: die Anzahl der verkauften Staubsauger.
Seit einem Jahr ist Michael Hausenblas, 41, Chef von Hyla Germany mit Sitz in Bonlanden und 520 Mitarbeitern. Sieben sind angestellt, 513 freiberuflich unterwegs. Hausenblas will jetzt eine Art Betriebsrat einführen: eine Tafelrunde mit den zwölf besten Umsatzrittern und ihm als Hyla-Artus an der Spitze. Er geht immer noch raus, in die Wohnungen. Im Februar hat er zehn Staubsauger verkauft. „Basisarbeit“, sagt er, „damit ich in Übung bleibe.“
An diesem Nachmittag macht Hausenblas Basisarbeit in Göppingen. Er parkt seinen Zweitwagen, einen strahlend weißen BMW X6, vor einem Mehrfamilienhaus. Nach sieben Stunden Arbeit wirkt er wie frisch geduscht. Er trägt sein blondes Haar flott gescheitelt, einen dunklen Anzug und ein nettes Lächeln: „Hallo Frau Senger, da bin ich. Schön, dass ich vorbeikommen darf. Soll ich die Schuhe ausziehen?“

Fallback Image STZ
Stuttgarter ZeitungSchon als Kind verkaufte Hausenblas Sachen
Eigentlich ist Hausenblas ein Lesemuffel. Aber manche Bücher verschlinge er förmlich, sagt er. Im Büro stehen ein paar davon. Sie haben Titel wie „Du schaffst, was du willst“, „Reichtum kann man lernen“ oder „Sprenge deine Grenzen“ von dem Motivationstrainer Jürgen Höller, der sehr erfolgreich war, bevor er ins Gefängnis musste.
Schon als Sechsjähriger war Hausenblas ein aufgeweckter Junge. In einer verlassenen Schmiede in Brugg im Allgäu, wo er herkommt, entdeckte er einige alte Fahrräder. Er schraubte die Klingeln ab und verkaufte sie an Klassenkameraden. Ein verstaubtes Ochsengeschirr veräußerte er an einen Antiquitätenhändler. Bilanz: 30 Mark Gewinn. Nach Intervention seines Vaters musste er die Geschäfte allerdings rückabwickeln.
Frau Sengers kleine Wohnung ist sehr gepflegt, alles an seinem Platz. Sogar die Teppichfransen sind gekämmt. Ein gutes Vorzeichen. Sie sitzt mit ihrem Mann und ihrer Schwiegermutter um den Wohnzimmertisch. Als Begrüßungsgeschenk packt Hausenblas ein paar Proben der Hyla-Kosmetiklinie aus. Dann den Sauger: „1850 Euro. Ein stolzer Preis! Aber entspannen Sie sich. Lassen Sie sich das Gerät zeigen. Wenn es Ihnen nach 15 Minuten nicht gefällt, gehe ich wieder.“
Nach einer Kaufmannslehre, die ihm nicht behagte, fing Hausenblas in einer Leutkircher Lederfabrik an. An seiner Stanzmaschine stehend, sah er draußen die Vertreter ankommen. „Mit Anzügen und 5er oder 7er BMWs. Das wollte ich auch.“ Er ging zum Chef, der gab ihm eine Chance: Bielefeld, ein noch unerschlossenes Gebiet. Sonntagmorgens fuhr Hausenblas los, den Kofferraum voll Allgäuer Lederwaren. Freitagabends kam er mit einem neuen Umsatzrekord zurück. Von da an war er Handelsreisender – oder „Vrträtter“, wie man in seiner Heimat etwas geringschätzig sagt. Mit einem Dreier-BMW und mit Autotelefon.
Staubsauger verkaufen: "Das mache ich jetzt auch"
Bald bekam er das lukrative süddeutsche Revier, wo er öfters an einem Singener Nobelautohaus vorbeikam - „kein Wagen unter 100 000 Mark“. Irgendwann hielt er an, ging zum Geschäftsführer und sagte, er wolle Ferrari-Verkäufer werden. Er bekam die Chance. „Fixum oder Provision?“, fragte der Chef. Selbstverständlich Provision. „Es verging kein Monat, an dem ich nicht mindestens zwanzig Autos verkaufte“, sagt Hausenblas. Er machte auch sonntags auf. Ihm waren die gut betuchten Paare auf Spazierfahrt aufgefallen. Warum deren Wochenendlaune nicht in mobile Träume verwandeln? Und ihm war noch etwas aufgefallen: Einige der Leute, die sich einen Ferrari Mondial oder Lamborghini Diablo leisten konnten, waren im Direktvertrieb tätig. „Ich verdiente 240 000 Mark im Jahr, mehr Autos konnte ich rein logistisch nicht verkaufen“, sagt er. Wie in einer Sackgasse habe er sich gefühlt. Nach einem langen Gespräch mit einem Ferrari-Käufer, der sein Vermögen Staubsaugern verdankte, war für Hausenblas klar: „Das mach ich jetzt auch.“
„Warum gibt es bei Regen keinen Smogalarm in Stuttgart? Weil Wasser den Staub bindet. So machen wir’s auch. Wir brauchen keine Filter, wir leiten den Schmutz ins Wasser.“ Hausenblas saugt und kann nach kurzer Zeit schon eine stattliche Dreckbrühe vorzeigen. „Wie gefällt es Ihnen bis jetzt vom Prinzip?“ – „Gut.“ Hausenblas öffnet sein Duftkästchen. „Und nun können Sie einen Tropfen Orangenöl oder Eukalyptus ins Wasser geben.“ Hausenblas saugt, und bald riecht es wie in einem Wellnesszentrum. „Wie ist das?“ – „Angenehm.“ – „Eine ganz andere Luft, gell? Wenn ich Ihnen dieses Gerät gleich dalassen würde, für welchen Duft würden Sie sich entscheiden?“
Nun ist er sein eigener Herr
Bei Hyla schlug er mit 30 Verkäufen im ersten Monat gleich richtig ein. Er eroberte die Staubsaugerwelt, fand sogar in Costa Rica, Ecuador und Lettland reichlich Käufer. Dann wechselte er zu einer US-Staubsaugerfirma, bei der er sich den Gold-Grizzly erarbeitete. „Aber ich war auch da irgendwann wieder an einem Endpunkt“, sagt er.
Nun ist er zurück bei Hyla, ausgestattet mit den Exklusivrechten für Deutschland und sein eigener Herr. „Ich bin am Ziel“, sagt er. Nicht ganz. Er will die Russen von Platz zwei in der Hyla-Verkaufsweltrangliste drängen. Dann wären nur noch die Amerikaner vor ihm. Hausenblas hasst zweite Plätze.
„Wie riecht’s, wenn Sie Fenster putzen?“ – „Frisch.“ – „Wie riecht’s, wenn Sie Wäsche waschen?“ – „Frisch.“ – „Und wie riecht’s nach dem Saugen?“ – „Eher schlecht.“ – „Aha!“ Hausenblas zeigt das Foto einer Milbe in Superzoom: „Milbenkot, Chipsreste, tote Fliegen: alles landet bei herkömmlichen Saugern in den Beuteln. Das sind Bakterienherde!“ Licht aus. Spot auf den alten Sauger von Frau Senger. „Sehen Sie, während er vorne saugt, bläst er hinten feinen Staub raus.“ – „Oh je.“ – „Riechen Sie das?“ – „Ja. Ganz muffig“.
Jeden Montag ist „Open House“ in Bonlanden. Zuschauer sind dann Hyla-Verkäufer und deren Bekannte, die es vielleicht werden wollen: Männer in Sakkos, Frauen, die sich wie für den Besuch in einem guten Restaurant zurechtgemacht haben. Der Chef Michael Hausenblas stellt ihnen an solchen Abenden den „Karriereplan“ vor oder fragt wie ein Lehrer in die Runde: „Harald?“ – „15 Vorführungen, 13 verkauft.“ – „Achim?“ – „Fünf Vorführungen, vier verkauft.“ – „Mergim?“ – „Fünf Vorführungen,vier Verkäufe.“
Sein starker Wille half ihm, sein Ziel zu erreichen
Der 19-jährige Mergim überholte Hausenblas neulich abends etwas frech im Wohngebiet. Der Hyla-Chef stellte den jungen Mann beim nächsten Halt zur Rede. Man kam ins Gespräch. Jetzt verkauft Mergim Sauger. Die ersten Kunden waren seine Mutter, seine Schwester und sein Schwager. Sie machten Vorschläge für neue Kunden. Wenn aus den Vorschlägen Vorführungen werden, gibt es ein Zubehör gratis. Hyla-Vertreter kommen nur auf Einladung ins Haus. Für Kundennachschub sorgen die Kunden.
„Probieren Sie’s mal selbst, Frau Senger. Und geht’s schwer?“ – Nein.“ – „Toll, nicht wahr? Ich freu mich nach dreizehn Jahren immer noch über dieses Produkt “, sagt Hausenblas und steckt mit einer Gewandtheit aus Tausenden Vorführungen eine Naturhaardüse auf das Gerät. „Wenn Sie morgen Ihren alten Sauger neben unserem im Schrank stehen haben, welchen würden Sie nehmen?“ – „Ihren.“ – „So, und jetzt zeige ich Ihnen, wie Sie ihn noch günstiger bekommen können, für 1595 Euro. Überlegen Sie sich’s. Ich komme in fünf Minuten wieder rein.“ Die fünf Minuten kann sich Hausenblas sparen. Frau Senger ist schon „fasziniert“. Sie will das Gerät gleich dabehalten.
"Wenn ich etwas will, gebe ich keine Ruhe, bis es erreicht ist"
Was ist das Unwiderstehliche an Michael Hausenblas? Vielleicht die Mischung aus jungenhaftem Charme und Entschlossenheit. „Ich weiß, was ich will, das spüren die Kunden“, sagt er. Lampen, Vorhänge, Dächer: er könne alles an den Mann bringen, wenn er es will. Und wenn er etwas will, gebe er erst Ruhe, wenn er es erreicht habe. „Ich bin im Sternzeichen Stier geboren“, sagt er. „Und ein echtes Sonntagskind.“
Zeiten tiefer Zweifel und Betrübnis kenne er nicht. Er sei schon mal schlecht drauf, „aber nie länger als einen Tag“. Keine freien Termine für Kummer. Oder für eine Familie. Wie viel Zeit investiert er in den Job? „Na alles“, sagt er, als würde er die Frage nicht verstehen. Mehr als vier Tage Nichtstun halte er gar nicht aus. Neulich war er im Wienerwald essen. Da gab es eine nette Bedienung. „Sie machen das echt gut“, sagte er ihr. Man kam ins Gespräch. Wahrscheinlich verkauft die Frau bald Staubsauger statt Brathendl.
Was ist seither geschehen?
Die im Text genannte „Mitarbeiterin“ heißt Angelina Martin, ist ehemalige Miss Frankfurt und seit inzwischen zehn Jahren nicht nur die Geschäftspartnerin, sondern auch die Ehefrau von Michael Hausenblas.
Der Sonnyboy wurde nach dem Zeitungsartikel auch zum TV-Star. Bei der Reality-Soap „Hausenblas – Staubsaugervertreter de luxe“ ging er 2012 für RTL II in sechs Folgen auf internationale Vorführtour. Er verkaufte seinen „Hilbi“ in Venedig und Dubai, machte den Geissens in Monte Carlo einen Edelsauger mit Swarowski-Kristallen schmackhaft, reinigte das Wohnzimmer der Jacob-Sisters und die Finca von Jürgen Drews auf Mallorca.
Er war zu Gast im SWR-„Nachtcafé“, schrieb ein Buch („Das Millionärskonzept“), wurde 2017 zum europäischen Wirtschaftssenator ernannt. Auch mit seiner Firma startete er weiter durch. Insbesondere durch Corona gewann das Thema Luftreinigung noch mehr an Bedeutung. Nebenbei coacht Hausenblas Mitarbeiter von Versicherungen, Krankenkassen, Automobilherstellern, die von ihm die Regeln des Erfolgs lernen sollen.
Dass der Chef persönlich bei Kunden saugt, kommt nicht mehr vor. Hyla Germany hat heute seine Firmenzentrale in Altdorf, Kreis Esslingen. 7000 Vertreter sind für das Unternehmen tätig. In diesem Jahr will Hausenblas 100 Millionen Euro Umsatz machen. Eigentlich, sagt er, habe er sein Lebensziel erreicht – das machen zu können, was er will. „Aber es geht immer weiter.“
