Event zum Unabhängigkeitstag des Kosovo: „Afterwar“: Ein Film, der die unsichtbaren Narben von Kriegen zeigt

Eine zentrale Szene des Films „Afterwar“: Ein armer Jugendlicher im Kosovo ist so hungrig, dass er das Geld der Menschen sofort essen würde.
Laureta NrecajMitten in der Nacht steht ein armer Jugendlicher aus dem Kosovo in den Straßen der Hauptstadt Prishtina, blickt mit ernster Miene in die Kamera und spricht die Zuschauer direkt an: „Ich bin so hungrig, ich könnte dein ganzes Geld essen.“ Diese Worte, so simpel sie erscheinen mögen, sorgten am Sonntagabend im Stuttgarter Kino Cinema für bedrückende Stille.
Diese Szene stammt aus dem Film „Afterwar“ der dänischen Regisseurin Birgitte Stærmose, der am Abend des 23. Februar auf Einladung des Vereins „Albanische Studenten und Akademiker Stuttgart“ gezeigt wurde – anlässlich des kosovarischen Unabhängigkeitstags, der eine Woche zuvor gefeiert worden war. Doch dieser Abend war keine gewöhnliche Festveranstaltung, bei der wie sonst ausgelassen zu lauter albanischer Musik getanzt wird. Stattdessen: ein Film, der die Realität vieler Kosovaren nach dem Krieg beleuchtet, ein Gespräch mit der Regisseurin selbst sowie eine Ausstellung zu den Entwicklungen des Landes. Die Veranstaltung fand große Resonanz, alle 159 Plätze waren besetzt.
Die Nachkriegsrealität: Ein oft übersehenes Thema
Kosovo erklärte am 17. Februar 2008 seine Unabhängigkeit – ein historischer Moment für die albanische Bevölkerung, die in den 1990er Jahren unter serbischer Unterdrückung und dem Krieg gelitten hatte. Doch mit der Unabhängigkeit endeten die Herausforderungen nicht. Der Wiederaufbau des Landes, wirtschaftliche Unsicherheit und die Frage nach der Zukunft prägten die nächsten Jahre.
Diese Nachkriegsrealität – ein oft übersehenes Thema – steht im Mittelpunkt von „Afterwar“. Dabei dokumentiert Stærmose mit inszenierten Szenen die wahren Lebensgeschichten von armen Kindern im Kosovo, die vor den Augen der Zuschauer erwachsen werden. Sie zeigt ihren Alltag, ihre Träume sowie Ängste, und verdeutlicht, wie tief die Spuren des Krieges bei den Menschen eingegraben sind. Dabei durchbrechen die Protagonisten immer wieder die vierte Wand, blicken in die Kamera und sprechen die Zuschauer direkt an, um sie an ihren Gedanken und Empfindungen teilhaben zu lassen.
Kollektives Trauma und jugendliche Hoffnung
Stærmose ging 2007 zum ersten Mal nach Kosovo, als sie vom Organisator des Dokumentarfilmfestivals in Prizren eingeladen wurde, Teil der Jury zu sein. „Als ich in das Land kam, war ich betroffen von dieser Verbindung aus kollektivem Trauma durch den Krieg, Traurigkeit und einer unglaublichen, jugendlichen Energie und Hoffnung für die Zukunft“, sagt sie.
Acht Jahre später kehrte sie ein weiteres Mal nach Kosovo zurück. In der Zwischenzeit blieb sie mit den Protagonisten in Kontakt oder verfolgte sie in den sozialen Netzwerken. „Ich konnte sehen, dass sie teilweise immer noch zu kämpfen hatten“, so die Regisseurin. Dann kam ihr der Gedanke: „Es ist sehr selten, dass wir tatsächlich eine Geschichte über die langfristigen Auswirkungen eines Lebens in Armut und die Folgen des Krieges erzählen.“ So entschied sie, aus den Kindheitsvideos der Protagonisten sowie späteren Aufnahmen eine längere Geschichte über insgesamt 15 prägende Jahre im Leben der Betroffenen zu erzählen.
Eine Konfrontation mit dem, was man nicht sehen will
Besonders eindrücklich sind Szenen, in denen Kinder und Erwachsene am Straßenrand oder in Restaurants Erdnüsse verkaufen – ein alltägliches Bild, das viele in der Diaspora lebende Kosovaren aus ihren Heimatbesuchen kennen, aber oft nicht bewusst wahrnehmen. An diesem Abend wurde es aber zum Symbol für Armut, Überlebenskampf und die Kluft zwischen denen, die gingen, und denen, die im Kosovo blieben. „Das war für uns ein Reality-Check“, sagt Arber Osmanaj, erster Vorsitzender des Vereins. Den Film entdeckte er mit anderen Mitgliedern im Sommer 2024 beim Dokumentarfilmfestival in Prizren und wollte ihn sofort in Stuttgart zeigen.
Die Menschen, die in der Diaspora aufwachsen, hätten eine andere Wahrnehmung des Landes und keinen wirklichen Bezug zu den Herausforderungen der Menschen, so Diana Musaj, Vorstandsmitglied und Mitorganisatorin der Veranstaltung. „Wir gingen immer nach Kosovo, um dort Spaß zu haben“, ergänzt Osmanaj. „Wir hatten viel Geld und ein schönes Leben in unseren Ferien.“ Dabei würden sie häufig nicht wahrnehmen, dass es den meisten Einheimischen nicht so geht. „Man wird durch den Film mit dem konfrontiert, was man nicht sehen will, besonders in seinem Urlaub“, sagt der 24-Jährige.
Auch bei Musaj hat der Film bleibenden Eindruck hinterlassen und ihr geholfen, die Herausforderungen der Menschen im Kosovo zu verstehen. Das sei für die 20-Jährige auch eine zentrale Botschaft des Films: „Man sollte nicht vergessen, dass es diese Nachkriegszeit gibt und dass alles Schlechte nicht mit dem Ende des Krieges aufhört.“
Ein Film über alle Länder nach dem Krieg
Dieser Aspekt ist auch der Regisseurin Birgitte Stærmose wichtig. Nach der Filmvorführung gab es ein vom Verein moderiertes Gespräch mit der Dänin sowie einer Protagonistin des Films, die dafür aus Frankfurt angereist war. Dabei sagte Stærmose, dass sie den Film nicht in erster Linie für ein albanisches Publikum produziert hat. „Der Film ist eigentlich sehr allgemein gehalten, er handelt von jedem Land nach dem Krieg.“

Regisseurin Birgitte Stærmose beim Filmgespräch.
Foto: Albanische Studenten und Akademiker StuttgartInsbesondere in aktuellen Zeiten, in denen es viele Kriege gibt, etwa in der Ukraine oder in Gaza, sei es wichtig, dass die Menschen mehr über die langfristigen Auswirkungen der Kriege sprechen. „Die Nachwirkungen des Krieges dauern viel länger an, aber sind so wenig sichtbar. Wir neigen dazu, sie zu vergessen“, so die Regisseurin. „Ich finde es wichtig, ein Gespräch darüber zu beginnen und uns wirklich bewusst zu machen, wie schwierig es ist, ein Land nach einem Krieg wieder aufzubauen.“ Der Film richte sich besonders an Menschen, „die so blind waren, wie ich, bevor ich das erste Mal nach Kosovo kam.“
Kunstausstellung über die Entwicklungen
Begleitet wurde die Filmvorführung von einer Ausstellung, die die Entwicklung des Kosovo seit der Unabhängigkeit aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet. Neben den Herausforderungen, mit denen das Land weiterhin konfrontiert ist, standen positive Veränderungen im Fokus. Denn dem Verein ist es wichtig, das Thema breit abzubilden und zusätzliche Informationen zu vermitteln. „Es ist nicht alles Krieg“, sagt Arber Osmanaj. Themen wie Bildung, Wirtschaft, Migration oder Vergangenheitsbewältigung wurden durch Infotafeln, Diagramme und künstlerische Werke veranschaulicht. Das sei eine Form der Wertschätzung für das, was das Land in den vergangenen 17 Jahren als noch junger Staat aufgebaut hat, erklärt Diana Musaj.
Ein besonderes Highlight der Ausstellung war ein eigens dafür angefertigtes Gemälde des Künstlers Leotrim Morina, das Fahrije Hoti zeigt – eine verwitwete Frau, die nach dem Krieg ein Ajvar-Unternehmen gründete, um anderen Witwen und Kriegsüberlebenden eine wirtschaftliche Perspektive zu bieten. „Dass eine Frau ein Unternehmen aufbaut, war damals nicht normal. Aber sie hat es geschafft“, so Osmanaj. „Diese inspirierenden Geschichten wollen wir auch zeigen.“
Sichtbarkeit von Minderheiten in der Gesellschaft
Die Veranstaltung zeigte, dass der kosovarische Unabhängigkeitstag mehr als nur ein Datum ist – er erinnert an Herausforderungen, aber auch Erfolge. Für den Verein bedeutet dieser Tag vor allem, einen Treffpunkt für die albanische Community in Stuttgart zu schaffen und einen Raum für Austausch und Reflexion zu bieten. „Wir bringen ein Stück Heimat nach Stuttgart“, sagt Arber Guri, zweiter Vorsitzender des Vereins. Besonders wichtig sei es, mit Menschen zusammenzukommen, die ähnliche Erfahrungen teilen. Dabei spielt auch die Wissensvermittlung eine zentrale Rolle. „In Stuttgart gibt es viele Feiern zur Unabhängigkeit, aber wir verbinden sie immer mit einem Bildungsauftrag“, ergänzt Arber Osmanaj.
Diese Perspektive spiegelt sich im Engagement des Vereins wider: Seit 2021 offiziell eingetragen, reichen seine Wurzeln bis in die 1990er Jahre zurück, als sich albanische Studierende in Stuttgart zusammenschlossen, um sich gegenseitig zu unterstützen und über die Lage im Kosovo zu informieren. Heute zählt die Gruppe rund 80 Mitglieder und organisiert Bildungsangebote, kulturelle Veranstaltungen und internationale Projekte. Das schaffe auch ein unterstützendes Netzwerk, das besonders für Kinder von Nicht-Akademikern entscheidend sei. „Als Arbeiterkind fehlt oft Vorwissen zu Studium und Karriere“, sagt Diana Musaj. „Die Gruppe füllt diese Lücke ein Stück weit.“
Auch die Sichtbarkeit außerhalb der albanischen Community haben sich die Vereinsmitglieder zum Ziel gesetzt, etwa mit Veranstaltungen wie der Filmvorführung am Sonntagabend „Wir wollen als kleine Community mit Migrationshintergrund rausgehen und zeigen, dass wir ein fester Bestandteil der deutschen Gesellschaft sind“, sagt Arber Osmanaj. „Ohne Sichtbarkeit merken die Leute nicht, dass es diese unterschiedlichen Menschen und Kulturen gibt.“ Er hofft, dass sich die Gesellschaft öffnet und schaut, woher die verschiedenen Menschen stammen und welche Geschichten sie geprägt haben.