Floriana Frassetto von Mummenschanz
: Mit 74 noch auf der Bühne: „Ich mache nur keine Akrobatik mehr“

Seit über 50 Jahren steht Floriana Frassetto mit ihrer Theatergruppe Mummenschanz auf der Bühne – immer wieder auch am Broadway. Vom 30. Dezember an gastieren sie im Stuttgarter Theaterhaus.
Von
Johanna Marie Kleine
Stuttgart
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Stuttgarter Zeitung

Floriana Frassetto ist eine Frau, die vor Lebensfreude strahlt – das ist bereits durch die Kamera beim Videotelefonat erkennbar. Sie ist schick gekleidet, die grauen Haare sind zu einem lockeren Dutt zusammengebunden. Stets mit einem Lächeln auf den Lippen berichtete sie von Bühne und Leben. Man merkt sofort: Frassetto brennt für das Theater.

Die 74-Jährige wurde in den USA geboren, als Tochter italienischer Einwanderer. Im Alter von fünf Jahren zog sie mit ihren Eltern zurück nach Rom. „Ich war eigentlich ein schüchternes Kind“, berichtet sie. „Ich habe schon immer gerne gemalt, gebastelt, Dinge aus dem Nichts erschaffen. Das hat meine Fantasie beflügelt.“

Beim ersten Zusammentreffen war Magie in der Luft

Mit 17 beschloss sie, Schauspielerin zu werden. Frassetto studierte von 1967 bis 1969 an der Theater-Akademie in Rom. Schon im Studium setzte sie ihre Schwerpunkte auf Pantomime und Akrobatik. 1972 lernt sie dann die zwei jungen Schweizer Clowns „Avant et perdu“ kennen und es funkte sofort: „Als ich dann Andreas und Bernie kennenlernte, war da einfach Magie zwischen uns. Also beschlossen wir, gemeinsam etwas zu erschaffen.“ 1972 gründen Andreas Bossard, Bernie Schürch und Floriana Frassetto die Theatergruppe Mummenschanz. Seitdem lebt Frassetto in der Schweiz.

Mummenschanz, das zum Jahreswechsel im Stuttgarter Theaterhaus Station macht, steht für Pantomime der Extraklasse. 1977 titelte die „New York Times“: „You’ve Never Seen Mimes Like This“ – zu der Zeit spielte Floriana Frassetto mit Mummenschanz am Broadway. Es sind Kostüme und Performances, die man so kein zweites Mal sehen wird. Ein übergroßes Gesicht, wirbelnde Klopapierrollen, tanzende Röhren – um nur eine Auswahl zu nennen. Stets gepaart an ein Lichtspiel, bei dem Mensch und Bühne miteinander im Schwarzen verschwinden und bunte Elemente verbleiben und zum Träumen einladen. „Wir haben die einfache Devise: weniger ist mehr“, sagt Floriana Frassetto. „Wir wollten eine neue Welt erschaffen. Wir wollen Kritisches aufzeigen, aber dabei nicht den Humor verlieren. Pantomime bietet diese Möglichkeit, sie lässt den Zuschauern Platz für eigene Fantasie.“

Ein Andocken am inneren Kern des Menschen

Dabei ist Frassetto nach wie vor bei allem dabei: In der dramaturgischen Entwicklung der Performances, bei den Proben, auf der Bühne. „Ich mache nur keine Akrobatik mehr“, erzählt sie lächelnd und mit einem Augenzwinkern. Sie selbst kann es kaum abwarten, wieder auf der Bühne zu stehen. Für sie ist es ein Gefühl des Freiseins, eine kurze Flucht aus der Negativität des Alltags. Mummenschanz steht für sie für das Andocken am innersten, ja vielleicht kindlichen, Kern des Menschen – sowohl auf Seiten der Darsteller als auch auf Seiten des Publikums.

Floriana Frassetto ist auch nach 50 Jahren noch an allen Prozessen beteiligt.

Foto: Mummenschanz Stiftung

Jeder Abend verläuft anders

Die Beziehung zwischen Darstellern und Zuschauern sei ohnehin das Wichtigste am Theater. Jeder Abend verlaufe – je nach Publikum – anders. Ob sie Unterschiede zwischen europäischen und amerikanischen Zuschauern merke? „Absolut! In Italien sind sie eher ein bisschen hochnäsig. Aber nach einer gewissen Zeit werden die Zuschauer locker und finden ihr inneres Kind. Amerikaner lachen über alles. Sobald sich der Vorhang öffnet, lachen sie und applaudieren. Und in Deutschland und der Schweiz sind die Zuschauer reservierter, sie analysieren mehr. Aber am Ende verstehen sie den kreativen Prozess.“ Sie fährt fort: „Aber das macht es auch so interessant. Auch wir Darsteller passen unseren Rhythmus dem Publikum an. Das Publikum ist sozusagen unsere Musik.“

Floriana Frassetto brennt für ihr Schaffen. Bei der Frage, ob sie jemals ans Aufhören gedacht hat, antwortet sie mit ernster Miene: „Ja, wenn ich meine Steuererklärung machen muss. Dann will ich einfach nur flüchten.“ Ihr verschmitztes Lächeln verrät anschließend: Kreative und Bürokratie - das geht einfach nicht Hand in Hand.

Mummenschanz zu Gast in Stuttgart

Fünf Abende im Theaterhaus
Mummenschanz spielt das Jubiläumsprogramm „50 Years“ erstmals im Stuttgarter Theaterhaus. Aufführungstermine sind am 30. und 31. Dezember sowie am 2., 3. und 4. Januar, jeweils um 19.30 Uhr. Tickets gibt es ab 35,50 Euro.

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