Franz Böhm erzählt „True Story“ aus der Ukraine: Junger Stuttgarter triumphiert in London mit einem berührenden Film

Franz Böhm (li.) mit Schauspieler Oleksandr Rudynskyi und Produzent Hayder Rothschild Hoozeer.
Bafta/Getty Images/Gabi TorresEs sind 20 Minuten, die unter die Haut gehen und teilweise nur schwer zu ertragen sind. So bedrückend diese hochemotionale Erzählung einer wahren, traurigen Begebenheit aus dem Krieg in der Ukraine ist, so wichtig ist es, den Kurzfilm „Rock, Paper, Scissors“ des Stuttgarter Regisseurs und Autors Franz Böhm anzuschauen.
Seit fast drei Jahren dringen Bilder des russischen Angriffskriegs via Fernsehnachrichten in die deutschen Wohnzimmer vor. Bei all den Zahlen von Opfern und dem ständigen Bombardement spüren viele an sich selbst, wie sie abstumpfen. Franz Böhm, der Sohn des unvergessenen und bei einem Motorradunfall 2011 verstorbenen Stuttgarter Gastronomen Peter Böhm, hat ein Meisterwerk geschaffen, das in 20 Minuten mit einer persönlichen Geschichte aus der Ukraine tief berührt und ein Gefühl der Wut erzeugt. Mit schmerzhaftem Empfinden will man sofort was tun, weil es so nicht weitergehen kann.
Die Angst ist unerträglich
Was für ein Kontrast! Bei der 78. Verleihung der British Academy Film Awards (Bafta) in der Royal Festival Hall in London tragen der junge Stuttgarter Filmemacher und sein Team (dabei: Hauptdarsteller Oleksandr Rudynskyi und Produzent Hayder Hoozeer) edlen Smoking und Fliegen. Mit gerade mal 25 Jahren wird Franz Böhm mit dem prestigeträchtigen Preis in der Kategorie Bester Kurzfilm ausgezeichnet. In der Nacht voller Glamour wandeln Stars wie Timothée Chalamet, Demi Moore und Hugh Grant in traumhaften Roben über den roten Teppich, die Musik kommt von Take That. Der Abräumer mit vier Trophäen ist „Konklave“ von Edward Berger über eine Papstwahl.
Etwa 2400 Kilometer von London entfernt sieht es in den Kriegsgebieten völlig anders aus. Franz Böhm führt dies mit seinem Film eindringlich vor. In der Ukraine gehört der Tod zum Alltag – damit verbunden ist eine unerträgliche Angst davor.

Filmszene aus „Rock, Paper, Scissors“: Russische Soldaten spüren den jungen Ukrainer auf.
Foto: FilmverleihDie Angst sticht aus den Augen von Ivan, dem Protagonisten des Films „Rock, Paper, Scissors“, so intensiv, dass sie selbst den Betrachter vor dem Screen erfasst. Mit seiner Abschlussarbeit der National Film und Televison School bei London will Franz Böhm „hineinzoomen“ in individuelle Schicksale, sagt der 25-Jährige im Gespräch mit unserer Redaktion. In der Ukraine sei es für viele „pures Glück“, wenn sie leben dürften.
Der junge Stuttgarter hat in London Ivan kennen gelernt, der für seine Heimat gekämpft hat. Franz und Ivan sind Freunde geworden. Für die militärische Ausbildung war der 17-jährige Soldat aus der Ukraine für kurze Zeit nach England gezogen. Dort erzählte er dem Deutschen seine Geschichte. Als sein Vater und sein Bruder in einem in den Bergen versteckten Lazarett Verletzte pflegen, rücken russische Soldaten dem Bunker näher.
Die Außenaufnahmen wurden in Wales gedreht
Ivan geht ihnen mit einem Gewehr entgegen. Rasch wird ihm klar, dass es zu viele sind, als dass er sie aufhalten könnte. Ivan schießt sich selbst in den Fuß, sagt den russischen Soldaten, die ihn aufspüren, er sei von Ukrainern verletzt worden. Die List scheint aufzugehen – doch dann kommen Kampfflugzeuge und bombardieren den Bunker. Der Vater und der Bruder von Ivan sterben.
Gedreht hat Franz Böhm die Außenaufnahmen in Wales und die Innenaufnahmen bei London. Authentisch sind Flugzeuge aus der Ukraine in den Film geschnitten worden. Mit einem Budget von nur 20 000 Pfund, das die Filmschule bezahlt hat, haben die Dreharbeiten auf Ukrainisch und mit englischen Untertiteln nur acht Tage gedauert. Dass er damit den begehrten Award der Bafta gewonnen hat, ist für ihn „surreal“.

Der Stuttgarter Franz Böhm (Zweiter von rechts, vorne) mit seinem Team bei der Bafta-Preisverleihung.
Foto: Bafta/Gabi TorresSeiner Schule in London, die „extrem streng und fordernd“ sei, ist Böhm sehr dankbar. Die 20 Minuten seines Films fesseln, sind großes Kino, das sich einmischen will. Der Bafta-Award gilt als höchste Auszeichnung der britischen Filmindustrie und ist für den Stuttgarter ein tolles Sprungbrett, der nun einen politischen Thriller in Spielfilmlänge vorbereitet. Diesmal ist die Produktion in Baden-Württemberg geplant.
Jedes Einzelschicksal ist ein Schicksal zuviel
Der echte Ivan, der die im Film erzählte Geschichte erlebt hat, musste während der Dreharbeiten von „Rock, Paper, Scissors“ zurück in die Ukraine an die Front. Dort sah er via Netz den Rohschnitt des Films. Wenige Tage vor der Premiere starb Ivan in einem sinnlosen Krieg, von dem noch immer keiner weiß, wann er endet, auch wenn Trump und Putin etwas aushandeln wollen. Dass dieser Krieg sofort enden muss, macht der Film auf bewegende Weise klar. Es ist so furchtbar! Die 20 Minuten hauen so tief rein, dass man unbedingt etwas unternehmen will. Jedes Einzelschicksal ist ein Schicksal zuviel. Es dürfen nicht noch mehr Ivans sterben!