Gastronomie in der Region Stuttgart
: 1700 Euro für Paris Saint-Germain oder lieber öfter ins Sternerestaurant?

Auf dem Stuttgarter Dehoga-Neujahrsempfang spricht der VfB-Chef Alexander Wehrle über die sportlichen Erfolge, die sich positiv auf die Stadt auswirkten, derweil viele Gastronomen eher eine Zurückhaltung der Gäste spüren.
Von
Matthias Ring
Stuttgart
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Sportmanager Jens Zimmermann (li.) im Talk mit VfB-Chef Alexander Wehrle

/Lichtgut/Ferdinando Iannone

Es ist schon ein wenig kurios, wenn als Hauptact des Neujahrsempfangs der Dehoga-Kreisstelle Stuttgart der eine Gesellschafter einer gastronomischen Institution den anderen Gesellschafter eben jener Institution interviewt. Aber die neuen „Kollegen“ im Kreis des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands bringen nun mal jede Menge Popularität mit. Jens Zimmermann etwa als Moderator, Sportmanager und Stadionsprecher, Alexander Wehrle als Vorstandsvorsitzender des VfB Stuttgart. Vor einem Jahr sind die beiden in die Weinstube Fröhlich in Stuttgart eingestiegen, deren operatives Geschäft als dritte Gesellschafterin aber nach wie vor von Mancika Kohler-Kešinović betrieben wird.

Strahlkraft des VfB auf die ganze Region

Die zwei sehen sich eher als „Begleiter“ der Traditionsadresse im Leonhardsviertel. Auf der Bühne der Alten Reithalle vor 600 Gästen sprechen sie im Sinne von „tue Gutes und rede darüber“ weniger über diese gastronomische Erfolgsgeschichte, sondern mehr über die sportliche – und wie sich der VfB mit Alexander Wehrle auch mehr und mehr in die Stadtgesellschaft einbringt: auf dem Weindorf, dem Weihnachtsmarkt und dem CSD zum Beispiel oder auch mit der 2023 gegründeten VfB-Stiftung. Dabei wissen beide: Ohne sportlichen Erfolg ist alles nichts.

Inzwischen hat der VfB wieder „eine Strahlkraft, die sich positiv auf das Image der ganzen Stadt auswirkt“, so der Gastgeber und Vorsitzende des Dehoga Stuttgart, Markus Hofherr. Aber die Stadt hat auch viel investiert – in den Umbau des Stadions, was Alexander Wehrle zu schätzen weiß. Er sagt: „60 000 Zuschauer im Stadion sind auch 60 000 Gäste für die Gastronomie“, vom großen Public-Bereich, in dem in der Halbzeitpause die Hälfte des Geschäfts gemacht werde, über die 4500 Kunden im Business-Bereich bis hin zu den 200 Exklusiven im neuen Porsche Tunnel Club.

So weit beziehungsweise so nah dran wie in Turin sei man hier allerdings noch nicht, berichtet der VfB-Vorstandsvorsitzende. Dort würden die Spieler direkt aus dem Mannschaftsbus erst einmal durch den Business-Bereich gelotst, danach ins Stadion und erst dann in die Kabine. „In Deutschland unvorstellbar“, so Wehrle. Aber Spitzenpreise von 1700 Euro für ein Spiel – gegen Paris Saint-Germain – sind hier durchaus darstellbar, wenn auch „verrückt“, wie Alexander Wehrle selbst sagt und als Neugastronom in Relation stellt, dafür könnte man dreimal ins Sternerestaurant gehen. Wobei man ergänzen muss: Mit etwas Zurückhaltung bei der Weinbegleitung wäre das in manchen Spitzenrestaurants immerhin zu zweit möglich. Die einen eben so, und die anderen so.

Dass im Land längst nicht alles so gut läuft, darauf weist Markus Hofherr in seiner Rede hin. 5,7 Prozent weniger Umsatz habe die Gastronomie in Baden-Württemberg von Januar bis November 2024 gegenüber dem Vorjahreszeitraum registrieren müssen. Und nicht nur für den Dehoga-Vorsitzenden ist einer der Hauptgründe die Rückkehr der Mehrwertsteuer auf Speisen in Restaurants von 7 auf 19 Prozent. Laut einer Umfrage sei es aber nur 14,5 Prozent der Betriebe gelungen, diese Erhöhung „weitgehend“ durch höhere Preise an die Gäste weiterzugeben. Auch wenn derzeit andere Themen den Wahlkampf überschatten, ist für Hofherr klar: „Ein Weiter-so darf es nicht geben. Wir brauchen mehr Aufbruchstimmung“ – die immerhin schon jetzt bei der steigenden Zahl der Auszubildenden in der Branche spürbar sei. Und dank Fußball-EM und eines starken Messejahrs auch bei den Übernachtungszahlen in Stuttgart.

Konsumrückgang spüren alle

Wenn man sich bei den Gastronomen auf dem Empfang so umhört: Den Konsumrückgang spüren mehr oder weniger alle. Michael Wilhelmer, der vom Schlachthof bis zum Zwei-Sterne-Restaurant Speisemeisterei breit aufgestellt ist und jetzt auch noch das Mercedes-Benz-Museum bespielt, sehe dies bei den für den Umsatz wichtigen Getränken: „Viele Menschen haben inzwischen tolle Weine zu Hause und müssen die nicht im Restaurant bestellen.“ Oder wie Maximilian Trautwein sagt: „Das letzte Viertele fehlt.“ Damit meint er vor allem den sinkenden Pro-Kopf-Umsatz auf dem Weindorf. In seinem Restaurant Linde in Möhringen spüre er den Rückgang weniger als beim Catering, was auch Mut mache für die anstehende Eröffnung seines Knitz am Marktplatz.

„Gäste kommen nicht mehr so oft“

Viele bemerken bei steigenden Kosten für Energie und Personal eine sinkende Frequenz des Publikums wie auch Luigi Aracri vom La Commedia beim Renitenztheater. Volker Krehl sagt: „Die Gäste bestellen hervorragend, aber sie kommen halt nicht mehr so oft.“ Das sei nicht nur in seiner Linde in Bad Cannstatt, sondern selbst in München so, bestätigt sein Sohn Valentin Krehl, der als Souschef im Zwei-Sterne-Restaurant Atelier des Bayerischen Hofs arbeitet. Zusammenfassend gilt wohl: Viele Gäste legen weiterhin Wert auf Qualität, mit der Folge: seltener, aber dafür besser essen gehen – und zum Beispiel 39,40 Euro für einen Rostbraten in der Weinstube Fröhlich investieren.

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