Gedenktag für Drogensüchtige in Stuttgart
: „Daran erinnern, wie viele Freunde sinnlos gestorben sind“

Am Gedenktag für verstorbene Drogensüchtige am Stuttgarter Leonhardsplatz fordern Betroffene und Hilfsorganisationen mehr Unterstützung, um Menschenleben zu retten.
Von
Carolin Klinger
Stuttgart
Drogengedenktag: 25 Jahre gedenken an die Opfer von Drogenkonsum vor der Leonhardtskirche.

Laute Forderungen und stilles Gedenken: Das Aktionsbündnis will die Lebenssituation von suchterkrankten Menschen verbesssern.

Lichtgut/Leif Piechowski
  • Gedenktag in Stuttgart: Angehörige und Hilfsorganisationen erinnern und fordern Hilfe.
  • Rednerin Jojo Antonio betont die vielen sinnlosen Todesfälle und den Mut früherer Aktivisten.
  • Kritik an Polizeikontrollen bei Essensausgaben – Betroffene meiden Angebote aus Angst.
  • Kombo bietet seit dem vergangenen Jahr sicheren Konsumraum, doch Kürzungen bereiten Sorge.
  • Suchtmediziner Maurice Cabanis fordert aufsuchende Hilfe und bessere Angebote für Junge.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Jojo Antonio ist aufgeregt, denn in wenigen Minuten soll sie anlässlich des internationalen Gedenktages für verstorbene Drogensüchtige eine Rede halten. Es fällt ihr nicht leicht, so in die Öffentlichkeit zu treten, doch es ist ihr wichtig, die Chance zu nutzen und ihre Stimme zu erheben: „Wir wollen in Erinnerung rufen, wie viele Menschen wir verloren haben und wie sinnlos ihr Tod war“, sagt die 51-Jährige, die selbst jahrelang von Heroin abhängig war. Viele Menschen hat sie in Zusammenhang mit dem Konsum illegaler Substanzen verloren, „zu viele, um sie aufzählen zu können“. Darunter auch ihre beste Freundin, die aufgrund ihrer Sucht nicht rechtzeitig einen Arzt aufsuchte und dann binnen weniger Tage an Krebs starb.

Angehörige, Betroffene, ehemalige Drogenkonsumenten und Mitglieder von Hilfsorganisationen und Selbsthilfegruppen sind am Dienstag am Stuttgarter Leonhardsplatz zusammengekommen, um zu gedenken, aber auch, um zu mahnen. Die Beteiligten erinnern an die Anfänge des Gedenktages, der vor 25 Jahren zum ersten Mal stattfand – ins Leben gerufen von Aktivisten und Aktivistinnen der Stuttgarter Gruppe JES (Junkies, Ehemalige und Substituierte). „Sie haben damals den Mut gefunden, sich in die Öffentlichkeit zu stellen“, betont Jojo Antonio. Aufgrund dieses Mutes habe sich in der Gesellschaft etwas verändert und Anliegen wie sicherer Konsum oder die Entkriminalisierung hätten Gehör gefunden.

Drogengedenktag: 25 Jahre gedenken an die Opfer von Drogenkonsum vor der Leonhardtskirche.

Jojo Antonio erinnert vor der Leonhardskirche an verstorbene Suchterkrankte.

Lichtgut/Leif Piechowski

Damals sei es an der Tagesordnung gewesen, dass den Drogenkonsumenten am Rotebühlplatz Platzverweise und Kontrollen der Polizei gedroht hätten, erinnert sich Denise, die früher dort auch Drogen konsumierte, inzwischen jedoch den Platz unter der Paulinenbrücke aufsucht, um anderen Drogenabhängigen zu helfen. „Leider kommt es auch heute wieder selbst während der Essensausgaben zu Kontrollen durch die Polizei. Viele trauen sich deshalb nicht, die Angebote anzunehmen“, kritisiert Denise. „Wir brauchen einen Platz, an dem wir nicht immer weggeschickt werden.“ Zumindest gibt es mit dem Konsumraum Kombo in Stuttgart seit dem vergangenen Jahr einen geschützten Raum für suchterkrankte Menschen, in dem sie unter hygienischen Bedingungen Drogen konsumieren können – ein großer Fortschritt, wie alle Beteiligten finden.

Damit schlagen die Organisatoren eine Brücke von der Gegenwart in die Zukunft, die aus ihrer Sicht dank der Kürzungen der Stadt Stuttgart im Bereich der Suchthilfe allerdings weniger rosig aussieht. Auch der diesjährige Schirmherr des Gedenktages, Maurice Cabanis, der als ärztlicher Direktor am Klinikum Stuttgart für Suchtmedizin zuständig ist, hat Forderungen an die Politik: „Wir haben aktuell eine Komm-Struktur, doch viele Leute können durch die Suchterkrankung nicht selbst kommen – wir müssen also zu ihnen.“

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Außerdem sei es schwierig für Menschen ohne Dach über dem Kopf und ohne Versicherung, sich um eine sinnvolle Behandlung zu kümmern. Der Suchtmediziner warnt darüber hinaus, dass immer mehr junge Menschen an ihrer Drogensucht sterben, da sie von den üblichen Hilfsstrukturen nicht mehr erreicht werden: „Es gibt heute den Internetmarkt, der für die jungen Menschen attraktiv ist.“ Ergänzend zu einer Vorrednerin, die seit 25 Jahren substituiert – also vom Arzt verschriebene Ersatzstoffe statt illegaler Drogen einnimmt –, spricht er davon, dass mit den Substitutionsstrukturen zwar das Überleben vieler Menschen gesichert wurde, man jedoch nicht weiter an für die Betroffenen attraktiven Behandlungsangeboten gearbeitet habe.

Und so gibt es viele Menschen wie Jojo Antonio, die zwar ihre Heroinsucht bekämpfen konnte, aber durch die Substitution eine Medikamentenabhängigkeit entwickelte. Zum Gedenken an ihre verstorbenen Freunde steckt sie, wie viele andere Angehörige auch, eine Sonnenblume an eine Girlande aus Efeu. Diese soll am Gedenkbaum für verstorbene Drogensüchtige auf dem Karlsplatz aufgehängt werden.