Geiselnahme im Weinberg: Entführt, erpresst: Stuttgarter Polizei beendet Geiselnahme

Der Stadtteil Rotenberg und die Grabkapelle auf dem Württemberg: So idyllisch ging es bei der Entführung eines 18-Jährigen im März dieses Jahres nicht zu.
www.imago-images.de- Polizei klärt Entführung eines 18-Jährigen aus Fellbach und ermittelt 14 Verdächtige.
- Tat begann am 12. März an der Haltestelle „Fellbach Alte Kelter“ und führte auf den Württemberg.
- Opfer wurde geschlagen, Fotos an Eltern geschickt – Erpressung offenbar wegen Drogengeld.
- Befreiung am Folgetag in Untertürkheim: fünf Festnahmen, Hauptverdächtiger 17, U-Haft.
- Zweite Razzia am 25. Juni: neun weitere Beschuldigte, Wohnungen durchsucht, alle frei.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Und irgendwann werden sie doch noch erwischt. Die Polizei hat nach mehr als dreimonatigen Ermittlungen die 14 mutmaßlichen Beteiligten eines Entführungskommandos ermittelt. Ein 18-Jähriger war Mitte März von einer Gruppierung auf den Württemberg verschleppt und über Nacht in einem Hotel als Geisel für eine Geldübergabe gehalten worden. Aus ermittlungstaktischen Gründen wurden erst am Montag die weiteren Details des Entführungsfalls bekannt. Offenbar ging es um Geldforderungen aus Drogengeschäften.
Der Fall hatte am 12. März, einem Mittwoch, in Fellbach (Rems-Murr-Kreis) seinen Anfang genommen. Der 18-Jährige verließ gegen 18 Uhr seine Wohnung und wurde an der Bushaltestelle „Fellbach Alte Kelter“ an der Grenze zu Untertürkheim plötzlich von einer Dreiergruppe im Alter von 16, 17 und 18 Jahren überfallen. Er solle mehrere Tausend Euro rausrücken, die er noch schuldig sei, behaupteten sie. Weil er das Geld nicht beibringen konnte, wurde aus dem Überfall eine drastische Entführungsaktion. Die Angreifer brachten den 18-Jährigen in die Weinberge bei Rotenberg.
Nach Folter auf Weinberg gefangen im Hotel
Auf dem Württemberg ging es dann zur Sache: Weitere Beteiligte des Entführungskommandos schlugen auf ihr Opfer ein und fertigten Handyfotos von den Verletzungen. Diese Bilder wurden an die Eltern des 18-Jährigen gesendet - verbunden mit der Aufforderung, das Geld aufzutreiben. Die jungen Erpresser brachten ihr Opfer anschließend in ein Hotel auf Stuttgarter Gemarkung und behielten ihn dort über Nacht als Geisel. „Kurz nach Mitternacht wurde die Polizei von den Eltern verständigt“, sagt Polizeisprecher Stephan Widmann. Und dann lief eine mehrstündige Suchaktion an.
Wie die Polizei mit spezialisierten Beamte auf die Spur der Entführer kam, bleibt das Geheimnis der Ermittlungsarbeit in solchen Situationen. Es dauerte allerdings noch bis in die Mittagsstunden des nächsten Tages, ehe die Polizei schließlich zuschlug. Fünf junge Männer im Alter von 16, 17, 19, 21 und 22 Jahren waren jedenfalls recht überrascht, als sie auf den Straßen Untertürkheims plötzlich überwältigt wurden. Gleichzeitig wurde der 18-Jährige, der sie begleiten musste, aus ihren Fängen befreit. Als Hauptverdächtiger galt ein 17-Jähriger, gegen den die Staatsanwaltschaft Haftbefehl beantragt. Er kam in Untersuchungshaft. Seine Begleiter wurden nach Anzeigenaufnahme auf freien Fuß gesetzt. „Der 17-Jährige ist inzwischen in einer Jugendhilfeeinrichtung untergebracht“, sagt Polizeisprecher Widmann.
Weitere neun Beschuldigte bei zweiter Razzia
Damit war die Ermittlungsarbeit indes nicht beendet - und am vergangenen Donnerstag, 25. Juni, folgte die nächste Razzia. Neun weitere Tatverdächtige im Alter von 18 bis 21 Jahren bekamen Besuch. Polizeibeamte durchsuchten bei der Aktion insgesamt zwölf Wohnungen in Stuttgart, Fellbach und Ludwigsburg. Dabei wurden Mobiltelefone und Datenträger beschlagnahmt, die in nächster Zeit ausgewertet werden. Womöglich geraten dabei weitere Verdächtige ins Visier. Einen Haftgrund wie Flucht- oder Verdunkelungsgefahr gab es hierbei nicht. Die neun jungen Männer blieben auf freiem Fuß. Insgesamt handelt es sich laut Staatsanwaltschaft um 14 Verdächtige.
Die Entführungs- und Erpressungsaktion erinnert an einen ähnlichen Fall, der sich an Dreikönig 2024 in Stuttgart-Vaihingen abspielte. Damals war ein 20-Jähriger in einem Drogenstreit in eine abgelegene, verwilderte Gartenhütte im Stadtteil Heslach entführt, gefesselt und gefoltert worden. Nach einem nächtlichen vierstündigen Martyrium konnte das Opfer allerdings in einem unbeobachteten Moment seinen Entführern entkommen. In diesem Fall allerdings waren die Beschuldigten nicht auf freien Fuß gesetzt worden - im Gegenteil. Das Landgericht verurteilte später den 27-jährigen Drahtzieher der Entführungsaktion zu drei Jahren neun Monaten Haft wegen erpresserischen Menschenraubs und gefährlicher Körperverletzung. Die Staatsanwaltschaft hatte sechs Jahre Haft gefordert.