Graffiti-Kunst in Stuttgart: Neues Wandbild am Schlossgartenquartier

Das neue Graffiti am Schlossgartenquartier ist ganze 50 Meter lang und fast vier Meter hoch.
Hanna HelderIn knalligem Orange und sattem Blau zieht sich der überdimensionale Schriftzug „Schlossgartenquartier“ über eine Schutzwand bei der Stuttgarter Yeans Halle – ganze 50 Meter lang, fast vier Meter hoch. Heute soll das Werk fertiggestellt werden.
„Es ist nicht das größte Graffiti, das ich je gemacht habe, aber der längste Schriftzug“, sagt Chris, einer der Sprayer. Das Graffiti wurde in enger Anlehnung an das gleichnamige Schild, das wenige Meter entfernt steht, gestaltet – jedoch im typischen Graffitistil neu interpretiert, mit Konturen, Farbübergängen und leichter Verzerrung. Die Buchstaben kippen mal nach links, mal nach rechts. So entsteht ein urbaner Look statt einer geradlinigen Typografie.
60 bis 80 Sprühdosen werden effektiv verbraucht
Das Kunstwerk ist Teil eines umfassenden Projekts im Zuge der städtebaulichen Entwicklung rund um das künftige Schlossgartenquartier. Hinter der Wand wird gebaut, saniert, erneuert – vorne entsteht Farbe. „Die Wand ist eigentlich eine Staubschutzwand, damit die Königstraße sauber bleibt“, erklärt Chris. Die Fläche soll drei bis vier Monate bleiben.
Organisiert wird das Projekt von „Graffiti Stuttgart“ in Kooperation mit LBBW Immobilien und drei Stuttgarter Schulen. „Wir haben drei Zeit-Slots mit jeweils einer Schule“, so der Sprayer. Etwa 60 bis 80 Spraydosen werden insgesamt für das Projekt benötigt.
Die Schüler bekommen vorbereitete Flächen, die sie ausmalen dürfen – quasi „Malen nach Buchstaben“, wie Chris es nennt. „Das sind Laien, mit denen wir arbeiten. Die können das natürlich noch nicht so gut. Daher lassen wir sie ausmalen und wir machen dann den Feinschliff.“ Als Alternativangebot bekommen die Schüler einen weiteren Tag gesponsert, an dem sie sich selbst ausprobieren dürfen. „Nur hier, an diesem Bild, müssen sie eben nach Plan arbeiten.“
Leidenschaft für Graffiti besteht bereits seit der Schulzeit
Chris trägt Arbeitshose, graues Shirt und Cap. Auf dem Boden hinter ihm stehen eine Leiter und Sprühdosen in allen Farben. Auch seine Hose ist längst mehr Farbpalette als Kleidungsstück.
Die Leidenschaft für Graffiti entwickelte sich bei Chris bereits in der achten Klasse. „Damals hatte ich einen Kollegen, der das gemacht hat – ich hab’s einfach nachgemacht, ohne zu wissen, was genau das eigentlich ist“, erinnert er sich. Dann kam die erste Hip-Hop-Zeitschrift, die Backspin, mit Graffiti-Specials im Mittelteil – und Chris war angefixt.
Ob er auch mal illegal gesprayt hat? Chris lächelt verlegen, zuckt mit den Schultern. „Man fängt schon so an. Die einen bleiben dabei, andere wechseln zur legalen Schiene – und manche machen sich damit selbstständig.“ Er gehört zur letzten Kategorie. Seit sechs Jahren ist er mit „Graffiti Stuttgart“ selbstständig, bietet Auftragsarbeiten an, gestaltet Kinderzimmer, Firmenfassaden, Büroräume – und organisiert Workshops wie diesen hier, mitten in der Stuttgarter Innenstadt.

Etwa drei bis vier Monate wird das Graffiti auf der Königsstraße vorraussichtlich zu sehen sein.
Foto: Hanna HelderWer das Ergebnis sehen möchte, hat noch etwas Zeit. Bevor Baustelle und Staubschutz verschwinden, zeigt sich Stuttgart hier für ein paar Monate von seiner buntesten Seite. Oder, wie es auf dem zweiten Teil des Wandbilds heißt: „Stuttgart von seiner besten Seite.“ Rechts davon ist das Porträt einer blauen Frau mit Sonnenbrille zu sehen: stilisiert, cool, fast comicartig. Kunst trifft Alltag, mitten auf der Einkaufsmeile.