Hauptstadtbüros der StZ: Das Ohr dicht an der Politik

Der frühere StZ-Chefredakteur Thomas Löffelholz (links) 1988 im Interview mit dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl.
Friedrich-Ebert-StiftungHelmut Kohl findet wohlwollende Worte: Die Stuttgarter Zeitung habe sich „durch ihre zuverlässige Berichterstattung über das politische und wirtschaftliche Geschehen in Deutschland weit über die Region hinaus Ansehen erworben“. Dieses Lob entstammt einem Grußwort des damaligen Bundeskanzlers zum 50-jährigen Bestehen der StZ 1995.
Doch das Wohlwollen des Polit-Patriarchen ruhte nicht immer auf den Korrespondenten der Stuttgarter Zeitung. „Bei Kohl gab es auch Bestrafungen“, so erinnert sich Uwe Vorkötter, von 1995 bis 2001 StZ-Chefredakteur, an seine Zeit als Leiter des Hauptstadtbüros in Bonn. Als journalistischer Beobachter habe ihn „ein kompliziertes Verhältnis“ mit dem politischen Betrieb verbunden. Gerade die Regionalzeitungen seien „in der Bonner Republik richtig bedeutsam“ gewesen – und die StZ, so Vorkötter, „war in dieser Liga das führende Blatt“.
Exklusives aus dem Nähkästchen
„Wir waren für Kohl durchaus wichtig“, erinnert sich der langjährige Journalist. Doch der Einheitskanzler habe „die Welt in Freunde und Feinde eingeteilt“. Einmal habe er sich über einen StZ-Kommentar beim damaligen Chefredakteur Thomas Löffelholz beschwert. Vorkötter dazu: „Aber da war er an der falschen Adresse.“
Zu den wichtigsten Ventilen des Informationsflusses zwischen Politikern und Medien zählen sogenannte Hintergrundkreise. Das sind exklusive Klubs, die Treffen mit Politikern arrangieren, über die nur in Ausnahmefällen berichtet werden darf. Die Insider plaudern gelegentlich aus dem Nähkästchen, weil grundsätzlich Vertraulichkeit herrscht. Vorkötter gehörte dem „Ruderclub“ an, der so hieß, weil er sich in den Räumen eines renommierten Ruderclubs am Rhein traf. Löffelholz hatte ihn da eingeschleust – Mitglied wurde man nur auf Empfehlung. Jeden Montag saßen 15 Korrespondenten beim Mittagessen im „Ruderclub“ und empfingen Eduard Ackermann, Kohls engsten Vertrauten. Der weihte sie in die Überlegungen und Bewertungen des Kanzlers ein, soweit es ihm opportun erschien.
„Respekt zwischen Journalisten und Politikern war in Bonn größer“
Zu den traditionsreichen Hintergrundkreisen gehört auch die „Gelbe Karte“. Der Autor dieser Zeilen konnte dort erst Mitglied werden, nachdem er ein examinierendes Gespräch mit Heroen der Branche wie dem „Spiegel“-Autor Hartmut Palmer, seit der Lockheed-Affäre ein Intimfeind von Franz Josef Strauß, überstanden hatte. Während der „Ruderclub“ eher konservativ-liberal orientiert war, galt die „Gelbe Karte“ zu Bonner Zeiten als sozialliberal gefärbt. In Berlin nahm die Zahl der Mitglieder, die führende Genossen noch duzten, jedoch rapide ab. Als Angela Merkel Kanzlerin wurde, übernahm einer ihrer Sprecher die Rolle Ackermanns als Weltendeuter aus Regierungssicht. Apropos Merkel: Sie hat sich nie beim Chefredakteur über unliebsame Kommentare der StZ-Korrespondenten beschwert, konnte aber im persönlichen Umgang durchaus unwirsch werden, wenn ihr Journalisten zu sehr auf den Leib rückten oder bei vermeintlich intimen Gesprächsrunden lauschten.
In Bonn herrschte noch ein persönlicherer Umgang zwischen Journalisten und Politikern. „Wenn man samstags auf den Markt ging, kam es schon vor, dass man neben einem Minister stand“, erinnert sich Vorkötter. Er kennt auch die Verhältnisse in der Berliner Republik und meint: „Der Respekt zwischen Politkern und Journalisten war in Bonn größer als heute.“ Man habe sich zu Bonner Zeiten „nicht wechselseitig Ahnungslosigkeit unterstellt“.
„Meute von Raubtieren“
Mit dem Umzug von Regierung und Parlament nach Berlin wird die politische Kommunikation „schneller, härter, hektischer, unversöhnlicher“, so der ehemalige FAZ-Korrespondent Günter Bannas, auch ein Mitglied der „Gelben Karte“, in seinem Buch mit dem Titel „Machtverschiebung“. Mit einer Vielzahl privater TV-Kanäle und dem Internet beschleunigt sich das Tempo der Berichterstattung. Der politische Betrieb hatte mit einem Mal keine Regelarbeitszeiten mehr wie in der Bonner Republik. Die einschlägige Erregung herrscht fortan rund um die Uhr. Bei Robin Alexander von der „Welt“ ist zu lesen, der politische Journalismus habe sich in der Berliner Republik „in eine ,Meute‘ von Raubtieren verwandelt“. Der Publizist Albrecht von Lucke attestiert dem Berliner Medienkosmos einen „Zug zum Marktschreierischen“. Für manche sei inzwischen „Aufmerksamkeit allemal wichtiger als der transportierte Inhalt“. Den Ton setzen längst andere als die Regionalblätter – von denen es kaum noch welche gibt, die wie die StZ eigenständige Korrespondentenbüros unterhalten.
Auch zu Zeiten der Berliner Hysterie gab und gibt es aber Momente des vertraulichen und respektvollen Austauschs mit den führenden Repräsentanten der Republik. Das kommt indes meist abseits der üblichen Hektik vor: etwa auf einer Afrikareise, bei der nur zwei Journalisten den Bundespräsidenten begleiten dürfen – die dann bei einem abendlichen Cocktail mit den vom Mondlicht erhellten Schneefeldern des Kilimandscharo als Kulisse stundenlang Zeit finden, um mit dem ersten Mann im Staat auch viele kleine Details des politischen Universums auszuleuchten. Es geht auch profaner: Wenn der Chef der Kanzlerfraktion aus dem Pulk der fragenden Reporter einen, den er für besonders vertrauenswürdig hält, am Arm packt, in den Aufzug des Bundestags zerrt und ins Kellergeschoss fährt, um dort ungestört heikle Fragen zu beantworten.
