Berthold Schenk Graf von Stauffenberg: „Der Nationalismus beunruhigt mich“

Berthold Maria Schenk Graf von Stauffenberg: „Viele meiner Klassenkameraden hatten 1944 schon ihren Vater verloren.“
Foto: Michael SteinertOppenweiler/Stuttgart - Am 15. November würde Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der am 20. Juli 1944 ein Attentat auf Adolf Hitler verübt hat, 109 Jahre alt. Ein Gespräch mit seinem ältesten Sohn Berthold Maria Schenk Graf von Stauffenberg anlässlich der Einweihung der Erinnerungsstätte im Alten Schloss vor zehn Jahren.
Graf Stauffenberg, als Ihr Vater verurteilt und hingerichtet wurde, waren Sie zehn Jahre alt. Wie konkret sind Ihre Erinnerungen an ihn?
Sehr konkret. 1938 sind wir von Berlin nach Wuppertal gezogen. Wir gingen zusammen spazieren, sind mit der Zahnradbahn gefahren, haben Freunde besucht. 1939 ging der Krieg los, dann war mein Vater weg. Ab und zu kam er auf Urlaub, aber das waren kurze Episoden. 1943, nach seiner Verwundung, war er länger daheim. Letzten Endes musste uns unsere Mutter großziehen.
Haben Sie auch Erinnerungen an Ihren ebenfalls hingerichteten Onkel Berthold?
Ja, beinahe so viel wie an meinen Vater.
Ihr Vater sei typologisch anders gewesen als Sie, sagten Sie mal. Eher musisch orientiert . . .
Ja und sehr temperamentvoll. Das hat mir noch keiner nachgesagt (lacht).
Sie gelten eher als der technische Typ. Von Ihrem früheren Schulleiter in Salem, Kurt Hahn, stammt der Satz, Sie seien so trocken, „dass man Wäsche daran aufhängen kann“.
So ist es.
Wie präsent ist Ihr Vater für Sie heute noch?
Zum verstorbenen Stuttgarter Oberbürgermeister Manfred Rommel hab’ ich mal gesagt, je älter wir beide werden, desto mehr sind wir die Söhne unserer Väter, und unser eigenes Berufsleben zählt immer weniger. Wer erinnert sich noch an mich als Befehlshaber in Stuttgart? Das muss man mit einem Augenzwinkern hinnehmen.
Die Erinnerungsarbeit hat in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen. Wie erklären Sie sich das? Oder stimmt die These gar nicht?
Mit dem Zeitabstand werden die Dinge scheinbar einfacher. In Wirklichkeit waren sie natürlich nicht so einfach. Es hat ja auch ziemlich lange gedauert, bis der Widerstand gegen Hitler als uneingeschränkt positiv wahrgenommen wurde.
Wie lange?
Das kann ich nicht genau sagen. An runden Jahrestagen habe ich regelmäßig Schmähbriefe bekommen, den letzten 1984 in Böblingen. Darin stand: „Sie armer Mensch, Ihr Vater war ein großer Verräter und Sie sind auch nicht besser . . .“ In den 80er Jahren gab es einen Umschwung, eine allgemeine Bewunderung für meinen Vater und die anderen Männer des 20. Juli machte sich breit.
2008 kam der Stauffenberg-Spielfilm „Walküre“ in die Kinos. Sie haben sich kritisch geäußert . . .
Nicht zu dem Film, sondern zu der Besetzung. Ich war nicht damit einverstanden, dass Tom Cruise, ein bekennender Scientologe, meinen Vater spielte. Davon nehme ich auch nichts zurück.
Welche Wirkung geht von der vor zehn Jahren eröffneten Stauffenberg-Erinnerungsstätte im Alten Schloss aus?
Eine gewisse Wirkung sicher, aber ich bin da im Urteil sehr zurückhaltend. Die öffentliche Ehrung meines Vaters ist Sache der Öffentlichkeit. Als Familie unterstützen wir das, wenn es gewünscht wird, aber wir drängen nicht vor.
Zurück zu Ihrer Kindheit. Nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler kamen Sie und Ihre Geschwister in ein Kinderheim im Südharz . . .
Wir sind von unserer Familie weggerissen worden, sind in dem Heim aber nie auf den Grund unseres Aufenthalts angesprochen worden. Wir wurden ordentlich behandelt.
Im Kinderheim hat man Ihnen eine andere Identität verpasst. Mit Nachnamen hießen Sie jetzt „Meister“ . . .
Ja, aber ich hab’ den Namen nie verwenden müssen. Mein Bruder kam nach Erfurt ins Krankenhaus. Bei der Aufnahme wurde er nach seinem Namen gefragt. Die Begleitperson sagte: „Meister“. Er widersprach: „Ich heiße Stauffenberg.“ Da war er sechs.
In Ihrer Stuttgarter Stauffenberg-Gedächtnisvorlesung (2011) sagten Sie: Am Ende des Krieges waren wir dankbar, dass wir als Familie wieder vereint waren. Es gab doch aber kein Happy End. Ihr Vater und Ihr Onkel fehlten . . .
Richtig, aber wenn Sie andere Familien anschauen, ist unsere Familie mit Kriegsverlusten ganz gut weggekommen. Das muss man einfach so sehen. Viele meiner Klassenkameraden hatten 1944 schon ihren Vater verloren. Das klingt schrecklich, aber es war relativ normal.
Sie waren also nicht in einer Sondersituation?
In dieser Beziehung nicht. Gefallen ist in der Familie Stauffenberg nur einer, das war ein Vetter von mir, 1941. Es gab Familien, da sind drei Söhne gefallen. In der Umgebung hier haben nach dem Krieg fast überall die zweiten Söhne geerbt.
Warum wollten Sie Soldat werden?
In meiner Familie war Soldat immer ein akzeptabler Beruf. Ich dachte einfach, dass mir das Spaß machen würde, vor allem wegen des Umgangs mit Menschen und der Vielfältigkeit des Berufs.
Sind Sie mit einer bestimmten Haltung in die Bundeswehr eingetreten?
Ich habe das für einen ehrenhaften Beruf gehalten und tue das heute noch. Ich habe es immer für normal gehalten, dass der Staat eine Armee hat.
Sind Sie stolz auf Ihren Vater?
Ganz sicher. Wir Stauffenbergs sehen uns in einer langen Reihe der Geschichte. Auch mein Vater fühlte sich als Teil der Familiengeschichte. Die Beschäftigung mit dem Widerstand ist ein Teil dieser Geschichte, aber nicht mein Lebensinhalt.
Sehen Sie sich als politischen Menschen?
Na ja, ich bin kein Politiker, aber politisch sehr interessiert.
Martin Roth, der bisherige Direktor des Victoria & Albert Museums in London, hat kürzlich bei einem Auftritt in Stuttgart vor dem aufkommenden Nationalismus in Europa und in der Welt gewarnt. Haben Sie ähnliche Befürchtungen?
Ja, hab’ ich schon. Das beunruhigt mich. Es gibt eine Art von Kleinbürgertum, das mit den größeren Maßstäben nicht zurechtkommt. Menschen, die Angst vor sozialem Abstieg haben. Sie denken, sie seien zurückgelassen worden. Diese Schicht fühlt sich bedroht und kapselt sich ab. Für sie ist der Nationalismus eine gewisse Stütze. Diese Haltung macht sich derzeit überall breit. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, aber das ist letztlich der Typ Mensch, der das Nazitum getragen hat.
Was kann man dagegen tun?
Am einfachsten wäre es, wenn es den Leuten wirtschaftlich gut geht. Dann werden Ressentiments zurückgedrängt. Wenn es um die Ursachen geht, spielt Bildung eine wichtig Rolle. Die Unbildung mancher Leute ist ja wirklich erschütternd. Der ganze Germanen-Unsinn . . . dass das die Menschen überhaupt glauben konnten, ist mir völlig rätselhaft. Leider sind Menschen auch heute noch dafür anfällig.
Spielt das Flüchtlingsthema da auch mit hinein?
Ja. Vor allem ist es ein beliebtes Mittel, um den Nationalismus hochzupuschen. Man kann den Leuten leicht eine Bedrohung einreden, obwohl die Zahlen das überhaupt nicht hergeben.
Wirrd sich der Nationalismus durch den Wahlsieg von Donald Trump in den USA noch verstärken?
Ja, das befürchte ich, auch in Europa und auch bei uns.
