Interview mit Felix Ensslin: "Widerspruch steckt in der Sache!"

Felix Ensslin macht es sich in seiner Wohnung im Heusteigviertel gemütlich.
Foto: HeissHerr Ensslin, herzlich willkommen in Ihrer schwäbischen Heimat!
Was ist passiert?
Und ich dachte, Sie seien Opfer eines rechtsradikalen Anschlags geworden.
Sprechen wir über die Realität: Ihr Großvater Helmut Ensslin war Pfarrer der Luthergemeinde in Bad Cannstatt. Ihre Mutter Gudrun Ensslin machte am Königin-Katharina-Stift das Abitur und hat sich im Cannstatter Kursaal mit Bernward Vesper, Ihrem Vater, verlobt. Ihre Mutter nahm sich in der Justizvollzugsanstalt Stammheim das Leben und wurde auf dem Dornhaldenfriedhof bestattet. Ist es reiner Zufall, dass Sie Ihr Lebensweg nun in diese Stadt geführt hat?
Als Sohn einer RAF-Mitbegründerin und eines politischen Schriftstellers müssen Sie mit solchen Deutungen und Vorurteilen leben.
Ja. Ich bin Ihnen noch nie begegnet, aber gehe davon aus, dass Sie eine Veranlagung zum Rebellentum haben. Rational weiß ich, dass das bescheuert ist.
Andererseits wuchsen Sie in einem Kaff auf der Schwäbischen Alb auf, sind aber nicht Landwirt oder Landarzt geworden, sondern suchen nach Antworten auf philosophische Fragen. Da sehe ich durchaus Parallelen zu Ihren leiblichen Eltern.
Sie mögen das Thema nicht.
Einverstanden. Gleichwohl ist Ihre Situation speziell, weil Sie - wie Ihr Vater bereits ein Jahr nach Ihrer Geburt geschrieben hat - eine "Angelegenheit des öffentlichen Lebens" sind. Kürzlich ist ein Briefwechsel zwischen Ihrer Mutter und Ihrem Vater aus den Jahren 1968/69 erschienen, in dessen Zentrum der Sohn Felix steht. Man erfährt beispielsweise, dass Ihre Eltern Ihnen den Spitznamen "Pütsche-Mütsche" gegeben haben. Privater geht's kaum. Warum haben Sie die Rechte dafür rausgerückt?
Das Buch befriedigt den Voyeurismus. Man erfährt auf 250 Seiten, wie sich Ihre getrennten Eltern um das Sorgerecht gezankt haben.
Der Stuttgarter Andres Veiel verfilmt zurzeit die tragische Liebesgeschichte Ihrer Eltern. Das Werk soll im kommenden Jahr in die Kinos kommen. Was erwartet uns?
Dann beleuchten wir stattdessen Ihren Verantwortungsbereich. Sie sind an der Kunstakademie für Ästhetik und Kunstvermittlung zuständig. Können Sie die Begriffe in wenigen Worten erklären?
Nehmen Sie sich ausreichend Raum!
Ist nicht alles Kunst, was innerlich berührt?
Weil ich mir nicht vorstellen kann, dass man Kunst und ihre Wirkung theoretisch fassen kann. Jeder muss doch für sich selbst entscheiden dürfen, was er kunstvoll findet.
So weit komme ich mit. Ich habe aber im Vorlesungsverzeichnis der Kunstakademie die Kommentare zu Ihren Lehrveranstaltungen gelesen und wenig verstanden.
Ich habe den Eindruck, dass Sie enorm anspruchsvoll sind.
Schon recht, aber wenn nur ganz wenige Ihren Ausführungen folgen können, werden ganz viele von diesem Erkenntnisprozess ausgeschlossen. Wenden Sie sich an eine Elite?
Nein, weil ich von Quantenphysik keinen Schimmer habe. Aber ich habe einen geistes- und sozialwissenschaftlichen Hochschulabschluss und Dutzende Museen besucht.
Das widerspricht aber Ihrem Kunst-ist-für-alle-Anspruch.
Dann bin ich beruhigt und will Sie nicht länger mit meinem Halbwissen quälen. Worüber sollen wir uns stattdessen unterhalten?
Wer wird Weltmeister?
Der Sohn von Gudrun Ensslin und Bernward Vesper ist nicht nur Beamter auf Lebenszeit, sondern drückt auch unserer Nationalmannschaft die Daumen?